Anne-Sophie Mutter und die Berliner Philharmoniker im Konzerthaus Dortmund

Glanzvoll: Anne-Sophie Mutter und die Berliner Philharmoniker im Konzerthaus Dortmund. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Was ist Rattle kritisiert worden: Das Kernrepertoire „seiner“ Berliner Philharmoniker klinge bei ihm allzu oft bemüht bis zerfasert; seine Neigung für die Moderne, die ihn mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra berühmt machte, sei keine tragbare Basis für seine Arbeit mit dem deutschen Vorzeigeorchester.

Als wolle er die Kritiker Lügen strafen, zelebriert Sir Simon Rattle derzeit bewusst den Schönklang. Seit Herbst vergangenen Jahres liegt eine Einspielung von Tschaikowskys „Nussknacker“ vor. In Dortmund sprang der Brite, der dieser Tage 56 Jahre alt geworden ist, am Montag für den erkrankten Seiji Ozawa ein und lieferte mit den Berliner Philharmonikern einen Dvorák, dessen tänzerische Wucht und Verve aufhorchen ließen. Solistin im ausverkauften Konzerthaus war Anne-Sophie Mutter.

Das Violinkonzert des tschechischen Nationalkomponisten (1879-83) schwelgt in böhmischen Tanzrhythmen und verschwenderischen folkloristischen Farben, eine Palette, wie gemacht für den individuellen, kraftvollen Stil der 47-Jährigen. Hier beginnt sie eine Phrase um einen Augenblick verzögert, dort klingt ein Ton angehaucht oder ein wenig hingeschluchzt. Sie kostet Lyrismen aus, spürt in nach Gusto verlangsamten Passagen dem Ausdruck slawischer Leidenschaft nach und betont den Rhythmus des Soloparts durch kraftvollen Strich, der naturgemäß – und in diesem Fall durchaus stilnah – anfällig ist für Nebengeräusche. Mutter bedient die Ausdrucksvielfalt Dvoráks, ohne wirklich extrem zu werden. Sie bleibt immer ein wenig distanziert. Ihre Ausbrüche sind eigenwillig und bleiben dabei dem Ohr immer gut zugänglich. Rattle und die Berliner sekundieren ihr passgenau und mit Freude an Dvoráks Feuer und Sanglichkeit.

Ihre Zugabe, die Sarabande aus Bachs d-Moll-Partita, widmet Anne-Sophie Mutter dem eigentlich eingeplanten Dirigenten Seiji Ozawa: Er ist an Krebs erkrankt.

Robert Schumanns zweite Sinfonie entstand 1846 nach einer Phase der Krankheit und Depression. Davon ist ihr unter Rattle wenig anzuhören. Der Brite spürt vor allem der Auseinandersetzung Schumanns mit dem großen sinfonischen Übervater Beethoven nach, zeichnet auch die polyphonische Vielfalt Schumanns nach, der sich intensiv mit Bach beschäftigt hatte. Dabei wirkt Rattles Schumann nicht grübelnd und verliert sich auch nicht in Detailfragen – was Rattles Interpretationen des deutschen Repertoires gewöhnlich ausmacht. Hier klingt alles geschlossen und durchdacht, ohne überinterpretiert zu sein: Wild-fröhlich klingt der Kopfsatz, wirbelnde, jäh aufspritzende Freude zeichnet das Scherzo aus. Das Adagio espressivo strömt und singt und steigert seine innere Bewegtheit in eine schmerzhafte Intensität. Der Schlusssatz federt nur so. Der Triumph in C-Dur ist Ergebnis eines Ringens aus Sicht des Siegers. Robert Schumann selbst verfiel seiner Krankheit weiter: Davon ist hier nichts zu hören.

Begonnen hatte das Konzert mit Gabriel Faurés „Pelléas und Mélisande“-Suite (1901), das Rattle in recht gemächlichem Tempo von dunkler Emphase über quellklares Sprudeln in der „Sicilienne“ bis zum Trauergesang steigert. Reichlich Gelegenheit, die formidablen Bläsersolisten der Berliner herauszustellen. Während das Publikum jubelt, begibt sich der Chef ins Orchester, um für diese Leistung jedem einzeln die Hand zu drücken.

Anne-Sophie Mutter tritt am 10. März in der Philharmonie Essen mit Stipendiaten ihrer Stiftung auf. Zu hören ist unter anderem Pendereckis „Duo concertante für Violine und Kontrabass“, ein Auftragswerk der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung. Das Konzert ist bereits ausverkauft.

Quelle: wa.de

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