Anna Netrebkos Album „Verdi“

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Hingebungsvoll: Anna Netrebko singt derzeit in Salzburg Verdis Oper „Johanna von Orléans“ mit Placido Domingo.

Von Elisabeth Elling Anna Netrebko weiß die Medien zu füttern. Dunkler und größer sei ihre Stimme mit der Geburt ihres Sohnes 2008 geworden, sagt sie vor wenigen Tagen, kurz vor der Veröffentlichung ihres Albums „Verdi“ (Deutsche Grammophon) am Freitag. „Ich kann jetzt viel mehr singen.“ Eine verkaufsfördernde Verlockung: Hört selbst!

Dabei ist Verdi kein Neuland für die Netrebko, die 2005/06 schon als „La Traviata“ gefeiert wurde. Aber ihr Album ist ein Ereignis im Verdi-Jahr. Im Oktober wird der 200. Geburtstag des italienischen Opernkomponisten begangen. Bis Sommer 2014 werden der Einspielung diverse Verdi-Premieren mit der Netrebko folgen (gestern in Salzburg, in den kommenden Monaten in Berlin, Luzern, Barcelona, Paris und München). Sie schont sich nicht.

Und ihre Stimme hat viel zu geben. Üppig fließt ihr Sopran in allen Farben, in lodernden Tiefen wie in den makellos gleißenden Spitzentönen. Die Netrebko belebt Verdis idealisierenden Schöngesang, und ihr Timbre unterfüttert die großen Frauenfiguren aus seinen Opern mit Emotion, vertieft noch den stimmlichen Glanz. Dass sie zuletzt in den großen Belcanto-Partien zu Hause war, hört man ihren Interpretationen immer wieder an. Ihre Lady Macbeth etwa ist weit entfernt von Blutrausch und Hexenwahn: Die Schlafwandel-Szene gestaltet die als Implosion, gar nicht grotesk, sondern bestürzend. Das Orchester des Teatro Regio in Turin unter Gianandrea Noseda trägt diese Innerlichkeit ebenso feinfühlig wie die zweieinhalb Oktaven umspannende Virtuosität aus der „Sizilianischen Vesper“. Atemtechnik und Timing sind ihre wichtigsten Gestaltungsmittel; Verfärbungen oder Verschattungen ihrer Stimme setzt sie äußerst sparsam ein.

Damit dokumentiert sie nicht allein Wandel ihres Soprans, sondern auch die musikgeschichtliche Position Verdis – eine historisch informierte Lesart. Auch das ist ihr Metier: Unter Nicolaus Harnoncourt gelang ihr der internationale Durchbruch 2002 in Salzburg als Dona Anna in Mozarts „Don Giovanni“.

Wie gereift präsentiert sie sich nun, zehn Jahre später, präsentiert, in diesen technisch und interpretatorisch anders gelagerten Partien. Eine Entsagungsgeste vollzieht sie als Königin Elisabetta aus „Don Carlo“; eine Rarität sind die Ausschnitte aus einer weiteren Friedrich-Schiller-Adaption, Verdis Frühwerk „Giovanna d’Arco“ nach der „Johanna von Orléans“.

Welche Energie sie in die Leidenschaft Leonoras einzuspeisen vermag, zeigen die Ausschnitte aus dem „Troubadour“ (mit einem kurzen Gastspiel Rolando Villazons). Die konzertante Aufnahmesituation hätte zuweilen eine feingliedrigere Dynamik erlaubt – aber was ist das schon gegen das legendäre Charisma der Netrebko, das hier aufschillert. Eine Verlockung.

Quelle: wa.de

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