„Anna Karenina“ am Düsseldorfer Schauspiel

DÜSSELDORF – Das Versprechen ist groß: „Welcome to Anna Karenina on Ice!“, kündigt Fürst Oblonskij das Drama wie eine Tanzshow vollmundig an und gleitet im Pelzgewand eine Runde über die Eisfläche bei der Champagner-Bar. Tatsächlich wird er an diesem Abend im Düsseldorfer Schauspielhaus Recht behalten. In einer neuen Theaterfassung des Romans von Leo Tolstoj sieht man ausladende Gesten und viel Show – doch wenig Gefühl. Von Annette Kiehl

Eine große Bühne haben Jan Alexander Schroeder und Maria-Alice Bahra für die Dramatisierung des Romans von 1877/78 gebaut. Mit angedeuteter Eisfläche im Vordergrund und elegant-modernen Wohnsituationen im verschneiten Hintergrund, die sich als Teil einer weiten Drehbühne verschieben, wandeln und verschwinden. Doch die Figuren des Stücks von Hans Nadolny und Petra Luisa Meyer füllen diese Kulisse nur selten mit Leben.

Dabei ist die Geschichte hochdramatisch: Als Anna Karenina, seit acht Jahren Ehefrau des Staatsbeamten Alexej Karenin, sich in den Offizier Wronskij verliebt, bricht sie mit ihrer Familie, verlässt ihren Sohn, setzt ihre bürgerliche Existenz aufs Spiel. Die Frage, was ein bisschen Glück und Leidenschaft Wert sind, treibt auch ihr Umfeld um: Annas Bruder Oblonskji führt eine lieblose Ehe mit Dolly, geprägt von Betrug, Einsamkeit und Streitereien. Dollys junge und zerbrechlich wirkende Schwester Kitty will hingegen mehr vom Leben. Verschmäht von Wronskij sucht sie Halt beim Gutsbesitzer Ljewin.

Das Grundproblem bei der Düsseldorfer Inszenierung ist, dass man Anna Karenina als Mittelpunkt der Handlung die letztlich todbringende Leidenschaft nicht glaubt. Anna Schudt spielt die Rolle zwar äußerst engagiert; sie schreit und zittert und sitzt mit leerem Blick apathisch da, wenn ihre Welt zusammen bricht. Doch schließlich scheint sie, die große, blonde Frau mit dem klaren Blick, durchweg zu abgeklärt und zu vernünftig, um ihre Ehe und ihr Leben für eine Affäre aufzugeben. So wirkt auch die Szene, in der sie Wronskij kennenlernt, mit ihm tanzt und ihn küsst, ganz selbstverständlich und brav.

Im Spiel von Michele Cuciuffo kann man den Verführer zumindest erahnen. Zwar bleibt er durchweg eher still und zurückhaltend, doch lässt Cuciuffo immerhin etwas von der schmierigen Verführungskraft Wronskijs durchscheinen. Warum er aber an dieser problembeladenen und von Streitereien geprägten Beziehung festhält, warum er als freier Mann zu einer verheirateten Frau steht, das ist einmal mehr kaum nachvollziehbar. Solche Fragen gehen unter, ähnlich wie das Kind, das Anna Karenina von ihrem Geliebten erwartet, das aber seltsam bedeutungslos ist.

Der über dreieinhalb Stunden dauernden Inszenierung fehlt ein schlüssiges Konzept. Das wird bereits in der Ausstattung sichtbar. Zunächst sieht man russische Opulenz auf dem verschneiten Land mit Pelzen, Champagner und Austern. Dann ist alles ganz cool und modern, spielt in einem angedeuteten Wohnzimmer mit weißen Ledersesseln.

Dass die Dramatik und Tragik des Stücks immer wieder aufgebrochen wird, mit einem Bräutigam, der die Hose vergessen hat, und einem betrunkenen Priester, mag man als Kommentar zur oberflächlichen Gesellschaft verstehen. Doch im Spiel der Figuren bleiben diese Gags hohl. So kann Anna Schudt eben nicht glaubhaft machen, warum Anna Karenina im einen Moment ausgelassen Tennis spielt und dann vollkommen neben sich steht. Eine der wenigen glaubhaften Figuren bleibt Alexej Karenin. Götz Schulte zeigt ihn als einen kühl-freundlichen Mann, der sich in den gewohnten Mustern der Vernunftsehe sehr wohl fühlt. Die Gefühle seiner Frau lässt er mit eleganter Überheblichkeit ins Leere laufen.

Was Armin Petras‘ Inszenierung von „Anna Karenina“ am Berliner Maxim-Gorki-Theater 2008 zu einem Ereignis machte, war die Zerrissenheit der Hauptfigur. Fritzi Haberlandt spielte sie als eine Frau in einer unnachgiebigen Gesellschaft, die ihren Gefühlen nicht ausweichen kann, so sehr sie es auch versucht. Von dieser Leidenschaft und dieser Verzweiflung ist in Düsseldorf wenig zu spüren.

12., 16., 19.3., Tel. 0211/369911, http://www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

Quelle: wa.de

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