Angriff auf Mutters Herz: Heinos neues Album „Mit freundlichen Grüßen“

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Gibt sich neuerdings als Rocker: Heino ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Jetzt endlich nehmen sie den teutschesten aller Barden ernst. Heino als Rocker hat seine Verächter erwischt, indem er ihre Lieblingslieder auf seinem Album „Mit freundlichen Grüßen“ covert.

Mit seiner Version von „Junge“, der Antwort der Ärzte auf Heintjes „Mama“, übertrifft er sogar das Original. Die Berliner Punker bedienen nicht nur alte Klischees eines Spießerpapas, sie überdröhnen mit ihren Stromgitarren auch die Ironie. Heino hingegen muss einfach nur er selber sein, mit dunklem Trauerbariton „Brich deiner Mutter nicht das Herz“ schluchzen, und schon fügt sich zusammen, was zusammen gehört.

Das „verbotene“ Album ist ein sensationeller Marketing-Coup, einschließlich der „Bild“-Geschichte mit dem frei erfundenen „Rockerkrieg“. Die Originalinterpreten bemühen sich, diese Hommage ihres ungeliebten Kollegen zu ignorieren. Die Leute kaufen das Werk trotzdem. Das Beste daran geht wohl eher auf das Konto des Produzenten Christian Geller als auf das des Sängers, zum Beispiel der Frauenchor, der in „Junge“ so pikiert das „Was solln die Nachbarn sagen“ intoniert.

Der 74-Jährige, der in der letzten Zeit eher mit der Schließung seines Cafés in Bad Münstereifel von sich reden machte, tut sich bei anderen Liedern hörbar schwer. Dem Rap „MfG“ von den Fantastischen Vier fehlt die swingende Leichtigkeit des Originals, da kommt der blonde Barde reichlich hüftsteif rüber.

Am besten ist Heino bei Rockern, die im Grunde seine Seelenverwandten sind. Darum funktioniert auch das Rammstein-Cover „Sonne“ so gut. Das posaunenlastige Arrangement und das orchestrale Breitwandformat treffen das wagnerianische Pathos noch besser als die Klangwand der E-Gitarren. Für vorurteilslose Hörer klang Till Lindemann ohnehin schon epigonal, Heino in der Metal-Variante eben. Nun holt der Schlagermann sich den Pomp, die kalte Gefühlsleere zurück.

Das Format haben längst nicht alle Titel des Albums. Selbst bei ähnlichen Vorlagen gibt es ein Qualitätsgefälle. Bei „Augen auf“ von Oomph! fehlen dem Sänger die bedrohlichen Untertöne, die aus harmlosen Kinderversen düstren Sadomaso-Rock machen. Bei Heino waltet keine große Sangeskunst, Stimmung überfordert seine Stimme. In den geglückten Momenten wurden die Vorlagen kongenial seinen Ausdrucksgrenzen angepasst.

Dass Nenas „Leuchtturm“ und Keimzeits „Kling Klang“ üble Schnulzen sind, wusste man schon. Bei einigen anderen Liedern fällt der Unterschied zu Heinos sonstigem Repertoire nicht auf, bei Westernhagens „Willenlos“ zum Beispiel, was mehr gegen sie als für die Cover spricht. Da liegt der Peinlichkeitsfaktor auf einer Höhe mit der schwarzbraunen Haselnuss. Bei Stefan Remmlers „Vogel der Nacht“ überschlägt sich Heinos Stimme Hans-Albers-artig, das fühlt sich nach Shanty in einer Hafenkaschemme an.

Für den ganzen Wirbel ist das Album „Mit freundlichen Grüßen“ nicht konsequent, nicht radikal, nicht böse genug. Die größte Leistung des Werkes liegt in seinen unfreiwilligen Entblößungen. All die Hits – im Grunde auch bloß Schlagerschrott. Man mag sich daran freuen. Auch Schadenfreude kann schöne Momente schenken.

Quelle: wa.de

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