Die Anfänge des Kunstfilms: Julia Stoschek Collection in Düsseldorf erinnert an „Camp“-Bewegung

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Wohnzimmerkulisse: John Bock „Kumulierte Summenmutationen“ (Detail aus der Installation) von 2012, die zum Setting des Films „Lütte mit Rucola“ (2006) zählt. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DÜSSELDORF–Zur Kunst gelangt nur, wer sich ein bisschen anstrengt. In John Bocks Installationsparcours „Kumulierte Summenmutationen“ müssen Besucher über eine Rampe nach oben steigen, dann eine Leiter hinunterklettern und schließlich mit Anlauf einen Hügel hinauflaufen. Wer diesem, etwas abenteuerlichen Weg durch das Kunstwerk folgt, sieht in Guck-Kisten Videofilme, erlebt sich auf einer Plattform inmitten bunt rotierender Scheiben und blickt von einem Balkon auf eine liebevoll nachgebaute Wohnzimmerkulisse der Horrorfilmproduktion „Lütte mit Rucola“. Es ist ein Trip in die Ideenwelt eines Film- und Performancekünstlers.

Der Parcours ist einer der Höhepunkte in Julia Stoscheks neuer Ausstellung „Flaming Creatures“. Die „Kumulierte Summenmutation“, die Bock speziell für die Düsseldorfer Schau konstruierte, macht neugierig, weckt den Spieltrieb und konfrontiert mit Filmsequenzen, die zwischen Performance und durchgedrehtem Splatterfilm angesiedelt sind.

Der in Berlin lebende Aktionskünstler bezieht sich mit seinem genreübergreifenden Werk auf das „Camp“. Diese künstlerische Strömung nahm ihren Anfang an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert und erlebte in den 1950er und 60er Jahren an der Westküste der USA ihren Höhepunkt. Bunt, laut und wuchtig, verbindet „Camp“ Triviales mit einem theoretischen Überbau, Ironisches mit einer lustvollen Maskerade. Die Julia-Stoschek-Collection, ein Haus für zeitbasierte Kunst, untersucht in ihrer sechsten Ausstellung diesen Geist.

Ausgangspunkt für die Schau ist der titelgebende Film „Flaming Creatures“ des Untergrundfilmers Jack Smith (1932-1989). Stoschek, die Gründerin und Leiterin des Hauses, hat sein gesamtes filmische Werk im vergangenen Jahr bei einem Besuch in New York erworben und plante die Ausstellung um diese Arbeiten herum.

„Flaming Creatures“ sorgte 1963 für einen Skandal und verschaffte der „Camp“-Bewegung eine große Aufmerksamkeit. Inspiriert durch Smith‘ Lieblingsfilm „Ali Baba und die 40 Räuber“, zeigt er eine Orgie in einem Harem. Sie gipfelt in einer Vergewaltigung. Wegen angeblich pornografischer Darstellungen wurde der Film nach seiner Premiere beschlagnahmt und ging als Präzedenzfall für die Kunstfreiheit und die Darstellung von Sexualität in die Filmgeschichte ein. Susan Sontag reagierte mit einigen Notizen zum „Camp“ auf diese Diskussion. Als „Liebe zum Unnatürlichen, zum Trick, zur Übertreibung“ beschrieb sie den Stil, der auch „Flaming Creatures“ prägte, und manifestierte so seine Einzigartigkeit.

Am Beispiel des „Camp“ schildert die Schau die Entwicklung des Kunstfilms. So zelebrierte Bruce Nauman 1967 mit seiner 16-Milimeterfilm-Arbeit „Body Make-Up“ den Abschied von der Malerei und den Übergang in das Filmzeitalter. In den vier synchron ablaufenden Filmen ist zu sehen, wie er sein Gesicht und den Oberkörper zunächst mit weißer Farbe grundiert und dann in Schichten die Farben rot, grün und schwarz aufträgt. Vor der Kamera wird der Körper zur Leinwand.

Der Installationskünstler Tony Oursler erfand in den 1980er Jahren das „video mapping“. Er projizierte Gesichter oder Körper auf Puppen, Rauch oder Bäume und nutzte für seine Filme bewusst amateurhafte Requisiten und durchschaubare Tricks, um sich von der gestylten Hollywood-Ästhetik abzusetzen: Der Mond hängt an einer Angel, und die Blitze dahinter sind offensichtlich selbstgemalt. Mike Kelley (1954–2012) thematisierte in seinen Arbeiten die Überlappung von Realität und filmischer Inszenierung. In der Lichtbox „Extracurricular Activity Projective Reconstruction“ (2011) ist ein Bild aus seinem gleichnamigen, opulent ausgestatteten Film zu sehen. Wechselt der Betrachter den Blickwinkel, zeigt der Bildschirm die Inspiration der Filmarbeit: Fotos von amerikanischen Schülern in Theaterkostümen.

Julia Stoschek präsentiert in ihrem Haus mehr als ein reines „Best-of“ der experimentellen Videokunst. Die Schau ist eine Art Forschungsreise zu den Ideen, Ausprägungen und Entwicklungen des „Camp“ und den Künstlern, die heute noch das Experiment wagen. Das Herz der Ausstellung ist jedoch ein ganz klassisch gediegener Kinosaal. Mit eleganten Sitzreihen, schweren Vorhängen und Leuchtstreifen. Ein Filmvorführer präsentiert dort Jack Smith‘ berühmte Werke.

Die Schau

Ein Ausstellungspfad durch die Anfänge des Kunstfilms. Interessante Präsentationsform.

Flaming Creatures in der Julia Stoschek Collection Düsseldorf. Bis Juni 2013. Geöffnet 11 – 18 Uhr. Telefon: 0211/ 585884.0, http://www.julia-stoschek-collection.net Ein Katalog erscheint noch im November.

Quelle: wa.de

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