Andy Warhols Druckgrafik in der Ludwig-Galerie Schloss Oberhausen

Die Banane ist berühmt: Sie zierte 1967 das Plattencover von „The Velvet Underground & Nico“.

Von Rolf Pfeiffer Oberhausen. - Eine Ausstellung über Andy Warhol? Warum das denn jetzt? Sicherlich war er der mit Abstand größte Schöpfer von Pop-Ikonen im 20. Jahrhundert, jeder kennt seine Marilyn, seinen Beuys, seinen Mao. Aber was könnte einem eine Ausstellung schon Neues erzählen? Dankenswerterweise hat sich die Oberhausener Ludwig-Galerie nicht durch solche Bedenken abschrecken lassen. Sie präsentiert wichtige Beiträge aus dem Oeuvre des amerikanischen Künstlers nun unter dem Titel „Andy Warhol – Pop Artist“.

Wer sich an ihn nur als blonden Wirrkopf erinnert, der die Selbstinszenierung (als Pop-Ikone) zu einer Art Lebensstil erhoben hatte, wird hier eines Besseren belehrt. Warhol war, das macht die Schau deutlich, nicht zuletzt ein Konzeptkünstler, der durch die ausschließliche Verwendung der Siebdruck-Technik die individuelle Handschrift aus dem Fertigungsprozess seiner Werke so weit wie möglich verbannen wollte. Die (fotografische) Wirklichkeit ist der Star – spätestens dann, wenn sie durch warholsche Kolorierung geadelt wird.

Bevor er Künstler wurde, hatte Andy Warhol erfolgreich als Grafiker gearbeitet, was das konzeptionelle Denken fraglos förderte. Und natürlich gingen der Arbeit mit dem Sieb Gehversuche mit anderen Techniken voraus. Die Oberhausener Schau zeigt unter anderem einige frühe Plattencover, die noch nicht unbedingt an den späteren großen Popartisten denken lassen. Als ein Schlüsselwerk kann sicherlich das Mappenwerk über die Ermordung John F. Kennedys „Flash – November 22, 1963“ angesehen werden, eine Abfolge von quadratischen, vorwiegend grell monochrom gedruckten Details des Geschehens und von Texttafeln, die geradezu synchron mit Nachrichtenzeilen das grausame Geschehen schildern. Zu den besten Ideen der Oberhausener Ausstellung, die wesentlich von Meike Allekotte konzipiert wurde, gehört es sicherlich, dieses Mappenwerk in eindeutiger Chronologie an die Wand zu hängen. Man liest von oben nach unten und von links nach rechts und gewinnt ein Verständnis für die ikonografische Auflösung des Geschehens. Jackie mit ihrem Pillbox-Hut, der unverständliche Wirrwarr auf der Rücksitzbank der Präsidentenlimousine, das Fenster, aus dem die Schüsse gekommen sein könnten, und so fort: allesamt Ikonen eines historischen Ereignisses, das in seiner Bedeutung bis dahin nicht seinesgleichen hatte. Übrigens entstand das Mappenwerk – die „Desaster-Serie“ – erst 1966, drei Jahre nach dem Ereignis, als sich das Geschehen im Bewusstsein gleichsam ikonografisch verfestigt hatte.

Zwar wandte Warhol sich liebevoll auch dem für die Pop Art typischen „Blow Up“ alltäglichster Dinge zu, etwa der riesenhaften, detailreichen Wiedergabe einer Eintrittskarte für ein Filmfestival. Oder er gab seinen Suppendosen breiten Raum. Doch die durch große, grelle Farbflächen akzentuierten Portraits künden wohl am lautesten von seinem Ruhm, sein Goethe, seine Botticelli-Aphrodite, seine Liza Minelli und all die anderen.

Etwas schade nur, dass der zornige, rebellische Künstler weitgehend ausgeblendet bleibt, sieht man einmal von seinem Elektrischen Stuhl und der Vorführung eines zeitgenössischen Dokumentarfilms über ein Konzert von „Velvet Underground & Nico“ ab, bei dem Warhol die Lightshow macht. Kein doppelter Elvis mit der Wumme in der Hand, kein doppelter Verkehrsunfall... Wer das sehen will, muss in Köln ins Museum Ludwig gehen, wo in einer neu konzipierten Pop Art-Abteilung ebenfalls einiges von Warhol zu sehen ist.

Bei Druckgrafik gibt es bekanntlich keine Originale, höchstens so etwas wie „Vintage-Prints“, also allererste Exemplare eines Kunstwerks, die dem Markt ungleich teurer sind als spätere. Andy Warhol, so könnte man fast sagen, hat sich einen Spaß daraus gemacht, immer wieder einmal nachzudrucken bzw. nachdrucken zu lassen. Deshalb zahlen Sammler jetzt für eine Marilyn der ersten 200er-Auflage Millionen, während spätere Drucke günstiger kommen, wenngleich sie mit den selben Sieben hergestellt wurden. Doch für alles – auch dritte und vierte „Auflagen“ gibt es von einigen Motiven – findet der Markt einen Preis – und macht Mal um Mal klar, dass er sich von einem Künstler nicht beeindrucken lässt, der keine Originale mehr erschaffen wollte.

Eine Fotoschau mit Bildern von Leo Weisse, die den Künstler samt Entourage auf der Promotion-Tour für den Film „Trash“ unter anderem in Berlin zeigen, rundet die Präsentation ab. Und zumal ältere Besucher werden am Ende, mit ein bisschen Wehmut vielleicht, feststellen, dass sie eine Zeitreise gemacht haben in eine Vergangenheit, die wilder, bunter, aber auch ambitionierter war als vieles, was uns das Kunstgeschehen heute zumutet.

Andy Warhol Pop Artist in der Ludwig-Galerie Schloss Oberhausen.

Bis 18.5.; di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0208/412 49 11

www.ludwiggalerie.de

Begleitheft von Meike Allekotte 16 Seiten, 4 Euro

Quelle: wa.de

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