„Andy Warhol Now“: Museum Ludwig in Köln will neue Facetten des Künstlers zeigen

Ein explosiver Kopf: Andy Warhols Selbstportrait von 1986.
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Ein explosiver Kopf: Andy Warhols Selbstportrait von 1986.

„Andy Warhol Now“ im Museum Ludwig in Köln: Seit Mitte Dezember hängt diese ambitionierte Ausstellung, eine Koproduktion mit der Tate Modern.

Köln - Man sieht diesen Farbblitz auf tiefem Blau. Man sieht einen Menschen, dessen Geschlecht man so wenig sicher bestimmen kann wie seine Hautfarbe. Man sieht ein großes Lachen. 1975 porträtierte Andy Warhol Dragqueens und Trans-Frauen mit Afro- und Latin-Abstammung, darunter eben auch Wilhelmina Ross. Es war eine opulent dotierte Auftragsarbeit für Luciano Anselmino, der unter dem Projekttitel „Ladies and Gentlemen“ wohl eine Art exotischer Revue erwartete, „lustig aussehende“ Transvestiten.

Warhol erfüllte und unterlief die Erwartungen seines italienischen Galeristen. Seine Serie in den starken Farben der Pop-Art strahlt Lebensfreude und Optimismus aus. Die Schaulust geht allerdings nicht auf Kosten der Dargestellten. Warhol verleiht den am Rand der Gesellschaft lebenden Protagonisten eine Würde, mit der Anselmino vermutlich nicht gerechnet hatte. Der Künstler verwandelte seine Modelle in Stars wie Marilyn und Elvis, in weltliche Ikonen.

Andy Warhol Now im Museum Ludwig in Köln: Hoffnung auf Öffnung Mitte Februar

Man könnte das in der großen Ausstellung „Andy Warhol Now“ im Kölner Museum Ludwig anschauen, wenn nicht gerade Pandemie-Lockdown wäre. Seit Mitte Dezember hängt diese ambitionierte Ausstellung, eine Koproduktion mit der Tate Modern. Noch kein Museumsbesucher konnte sie auf ihrer zweiten Station anschauen. Das Museum Ludwig hatte die Schau verschoben, denn die erste Station in London drohte dem ersten Lockdown zum Opfer zu fallen. Nun hofft man am Rhein darauf, Mitte Februar wieder öffnen zu können.

Mit verlängerten Öffnungszeiten könnte man den Besuchereinbruch wenigstens etwas auffangen. Die Schau, die neue Blicke auf den berühmten Künstler ermöglichen soll, wäre zu normalen Zeiten ein Publikumsmagnet. Und die Verhandlungen darüber, die Ausstellung in Köln länger zeigen zu können, laufen. Sie ist ein Kraftakt der beteiligten Institute, 1,8 Millionen Euro kostete sie. Man kann nicht exakt beziffern, wie teuer die Zwangsschließung ist, schon weil die Vorschriften darüber wechseln, wie viele Besucher zugelassen werden. Aber im Museum schätzt man, dass ein Monat ohne Besucher einen Ausfall von rund 80 000 Euro bedeutet. Kein Wunder, wenn Museumsdirektoren immer wieder fordern, dass ihre Häuser endlich wieder öffnen dürfen. Hygienekonzepte sind längst erprobt.

Und die ungewöhnliche Schau mit mehr als 100 Werken und zahlreichen Dokumenten hat eine Menge Zuschauer verdient. Die Kuratoren Dziewior und Stephan Diederich lassen natürlich den vertrauten, den volkstümlichen Warhol nicht aus. Gleich im ersten Saal hat man die seriell gemalten Suppendosen und Zwei-Dollar-Noten, die gestapelten Waschmittelschachteln versammelt. Hier lacht Marilyn Monroe verfünfzigfacht vom Diptychon, auf der einen Seite grellfarbig, auf der anderen schwarz-weiß, verwischt, verblasst. Ähnlich multiplizierte Warhol seinen Kollegen Robert Rauschenberg, nur eben schwarz-weiß auf blauem Grund („Texan“, 1963). Warhol bringt Liz Taylor als „Silver Liz“ (1963) auf die Leinwand und Elvis Presley verdoppelt als Westernheld. Das ist der Postkarten- und Poster-Warhol, der für eine heile Welt von Glamour und Konsum steht, irgendwie kritisch, aber ansehbar.

Andy Warhol Now im Museum Ludwig in Köln: Erstmals Frühwerke ausgestellt

Aber im Fokus stehen andere Seiten des Künstlers, die sonst weniger ausgeleuchtet werden. Das beginnt schon mit der Chronologie. Warhol (1928-1987) entstammte einer Einwandererfamilie. Seine Eltern waren aus einem kleinen Ort in der heutigen Slowakei nach Pittsburgh gezogen. Aus den Varholas wurden die Warhols. Andy musste sich als Außenseiter behaupten, nicht nur, weil er homosexuell war. Und er trug die religiös-christliche Prägung mit sich wie die enge Beziehung zur Mutter Julia, die an frühen Werken wie Schallplattencovern mitwirkte: Von ihr stammen Schriftzüge.

In Köln sind erstmals überhaupt einige Frühwerke aus der Familiensammlung ausgestellt. Im „Nosepicker“ (1948, Nasenbohrer) malt Warhol im rohen, expressiven Colorit sich selbst. Der mit seinem Körper stets unzufriedene Künstler hebt einen Teil von sich hervor, den er mit einer Operation früh korrigieren ließ, seine Nase. „I Like Dance“ (1947) mit seinen abstrahierten Figuren zeigt Einflüsse von Picasso und den Surrealisten. Weniger Augenmerk ist der Werbegrafik des Künstlers gewidmet, dafür füllen die Zeichnungen ein Kabinett: Elegante Blätter, oft Männerakte, erotisch aufgeladen.

Andy Warhol Now im Museum Ludwig in Köln: Provokateur mit wachem Blick auf die USA

Die Schau arbeitet den ganzen Warhol auf, den queeren Künstler, der kein Aktivist war, aber seine Sexualität offen lebte. Er war zudem ein Provokateur, der gerade in den frühen 1960ern einen wachen Blick auf die soziale und politische Situation in den USA hatte. Er reagierte darauf, indem er Zeitungsfotos zu großen Tableaus verarbeitete. Eine Zeitungsseite über einen Flugzeugabsturz wird zum großformatigen Gemälde „129 Die in Jet (Plane Crash)“ (1962). Wie das Gesicht der Monroe vervielfacht er das Zeitungsfoto eines Verkehrsunfalls zum Diptychon „Black and White Disaster #4“ (1963). Und die Niederschlagung von Protesten gegen Rassismus verarbeitet er zur wandfüllenden Tafel „Red (Pink) Race Riot“ (1963). Diese Arbeiten sind in einem Saal konzentriert, und auf einmal ist Warhol nicht mehr süffiger Schlager, sondern krasser Rock‘n‘Roll.

Köln weitet auch den Blick auf den Medien- und Aktionskünstler. Zwischen den ikonischen Star- und Warenbildern ist auf einem Bildschirm der Film „Sleep“ zu sehen, gleichsam ein belebtes, in Bewegung gebrachtes Gemälde. 1963 hatte Warhol seinen Geliebten im Schlaf gefilmt. Man sieht in Köln Warhol, der kein Instrument spielt, aber die Band Velvet Underground ins Leben ruft und mit ihr schrille Happenings inszeniert. Man sieht den Mann, der sich fast messianisch ausstellt. Die Radikalfeministin Valerie Solanas schoss den Künstler 1968 nieder. Er musste notoperiert werden, erholte sich nie ganz von den Verletzungen. Seine Narben zeigte der so körperbewusste Mann dem Fotografen Richard Avedon.

Andy Warhol Now im Museum Ludwig in Köln: Platten-Cover, Foto-Arbeiten, Promi-Porträts

Man sieht die späten Projekte, das Mao-Porträt auf der Tapete mit Mao-Köpfen. Ein abstraktes „Oxidation Painting“ (1978). Mit dieser Serie griff Warhol die abstrakten Expressionisten wie Jackson Pollock an: Er und seine Assistenten tropften nicht Farbe auf Leinwand, sondern sie urinierten auf eine Beschichtung. Ausgestellt sind Platten-Cover, Foto-Arbeiten, die Promi-Porträts, für die er jeweils 25 000 Dollar verlangte. Und in dem Saal mit den späten monumentalen religiösen Darstellungen wie dem Christus aus dem Abendmahl stehen Bildschirme, auf denen in Dauerschleife Warhols Folgen von Fernsehshow laufen, Interviews mit Pop-Stars, Schauspielern, Models.

Aufstellung zurzeit geschlossen, bis 18. April, eventuell länger. Tel. 0221 / 221 26 165, www.museum-ludwig.de, Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, 30 Euro

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