Andriy Zholdak inszeniert in Oberhausen Kafkas „Verwandlung“

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Groteske Bebilderung: Szene aus „Die Verwandlung“ in Oberhausen mit Moritz Peschke und Anja Schweitzer.

Von Edda Breski OBERHAUSEN - Es ist einer der bekanntesten ersten Sätze der Literatur: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Selbst wer Kafka nicht gelesen hat, hat den Namen Samsa gehört. Was also tun, um der „Verwandlung“ Neues abzugewinnen? Am Theater Oberhausen bringt Andriy Zholdak ein paar Nazis ins Spiel.

Los geht es postmodern in einer „Kafka-Werkstatt“: Die Schauspieler gruppieren sich um einen Tisch mit Videokameras und maskieren sich. Die Bühne, ein u-förmig angelegtes Hausgerüst (Zholdak und Tita Dimova) ist unübersichtlich. Irgendwann beginnt Moritz Peschke (Gregor) zu lesen. Der Text wird mit verteilten Rollen vorgetragen und teils illustriert: Oft macht ein Schauspieler nach, was vorgelesen wurde; damit verdoppelt sich die Zeit, in der der Zuschauer einen Vorgang wie „Tür öffnen“ wahrnimmt. Später – es dauert zweieinhalb Stunden ohne Pause – verselbstständigt sich die Aktion und schlägt in Grusel um. Der Prokurist (Henry Meyer) wälzt sich wie ein Oger herein und frisst das ihm diensteifrigst servierte Glas auf. Das Surreale ist eine gelungene Übertragung des Schreckens und des Humors, den Zholdak aus Kafkas Text destilliert. Sehr schön spielt er mit Deutungsebenen, als er Peschke eine SMS an „Felice“ schicken lässt: Hab verschlafen!

Hätte Zholdak nur so weitergemacht und Unterhaltung, Grusel und Groteske durch kreative Fusion befeuert! Er macht einen eigentlich cleveren Versuch, Kafkas Motiv-Verwendung in Bühnenlogik zu übersetzen. Ein Narrativ, das den Abend trüge, entwickelt sich aber nicht. Statt dessen ekelt man sich vor den Samsas. Das wahre Monster ist der Vater, der als Kreuzung zwischen Scrooge und einer Kakerlake durchs Mikro schnüffelt und schnurpselt. Michael Witte treibt sein Unwesen langsam und mit Gusto, ein starker Auftritt. Alle, außer Gregor, schieben sich falsche Zahnruinen in die Münder. Außerdem tragen sie zum Zeichen der Anpassung Riesennasen.

Weshalb die Zimmerherren konservative Juden mit Bart und Kippa sein und sich einen Fluchtweg freiballern müssen, wird nicht klar. Im Finale kommt man darauf: Bei Zholdak sind die Samsas Nazis, eine mordlüsterne Bande, die das Dienstmädchen mit dem Hackebeil killt. Beim Schlusseffekt liebäugelt Zholdak mit dem Glamour des Bösen: Grete hängt sich einem Ledermantelträger mit Hakenkreuzbinde an den Arm; der Countertenor Pascal Nöldner singt als SS-Typ „Ombra mai fu“. Man kann sich zusammenreimen, dass der Käfer eine Chiffre für die Juden sein mag, die im Dritten Reich als Ungeziefer verunglimpft wurden. Das wahre Böse sind daher die Samsas.

Selbst wenn man darüber hinweggeht, dass Zholdak bekannte Deutungen, siehe Vaterkonflikt oder Totalitarismuskritik, unbekümmert zusammenwirft: Das war eine Volte zuviel. Und wenn wir schon bei Kafka sind: Es gibt keinen Grund, ausgerechnet ihn mit so wenig sprachlicher Sorgfalt aufzuführen. In Oberhausen wird ständig genuschelt und vom Publikum weg gesprochen.

5., 7., 16., 17.11., 9., 21.1., 7.2.

Tel. 02 08 / 85 78 184,

www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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