Andrew Motions Abenteuerroman „Silver“

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Sir Andrew Motion

Von Ralf Stiftel Mit „Abenteuern und Aufregung“ hat das Leben von Jim Hawkins begonnen, dem Helden aus Robert Louis Stevensons berühmtem Roman „Die Schatzinsel“. In der Karibik fand er den Schatz, behauptete sich gegen die Piraten um Long John Silver und kehrte wohlhabend nach England zurück. Aber wie sieht das Leben 20 oder 25 Jahre später aus?

Da ist Hawkins gestrandet „in der Banalität des Immergleichen“. Inhaber einer Kneipe, die heißt wie das Schiff, auf dem er einst in See stach: Hispaniola. Und allein erziehender Vater eines Sohnes, der ebenfalls Jim heißt und so alt ist wie er damals.

Von diesem jungen Jim Hawkins erzählt Sir Andrew Motion in seinem Roman „Silver“. Dass er nicht im banalen Alltag bleibt, das ahnt der Leser schon, wenn der junge Held vor das Haus mit Blick auf den Fluss tritt: „Hier setzte ich mich hin und wartete darauf, dass unsere Feinde mich finden.“

Es ist nicht die erste Fortsetzung des klassischen Abenteuerromans. Aber der Autor, zehn Jahre lang Poet Laureate, also Hofdichter der Queen, fühlt sich kongenial in die Vorlage ein. „Silver“ ist ein Spannungsbuch. Den jungen Jim sucht 1802 ein gleichaltriges Mädchen auf, Natalie, Tochter Long John Silvers, der bei Stevenson mit einem beachtlichen Teil des Schatzes entkam. Der Pirat erweist sich als geläutert – und schlägt Jim vor, den Rest des Silbers zu bergen, der damals auf Captain Flints Insel zurückgeblieben war. So sticht erneut ein Schiff in See, die „Silver Nightingale“. Aber die neue Expedition findet kein verlassenes Eiland, sondern eine Schreckensherrschaft von Sklavenhaltern.

Motion knüpft so feine Verbindungsfäden zur Vorlage, dass sein Roman wie die einzig mögliche, die wahre Fortsetzung erscheint. Das beginnt mit der Sprache. Jim, der Ich-Erzähler, betont zwar die zeitliche Distanz zu den Ereignissen des Originalromans. Man lebe nicht mehr in „barbarischen Zeiten“, heißt es einmal, Waffen seien überflüssig. Dass die deutsche Ausgabe so stimmig geriet, ist auch Verdienst des Übersetzers Klaus Modick, Kenner der angelsächsischen Literatur und selbst erfahrener Romancier. Er fühlt sich perfekt in den poetisch-historischen Ton ein.

Motion gibt seinem Helden unverkennbar eine Stimme des 19. Jahrhunderts. Da nimmt man sich Zeit für Beschreibungen, und von den Themse-Marschen, seinem Paradies, spricht Jim in einem romantischen Gedicht: „Überall herrschte das gleiche gebrochene Grün oder Grünblau oder Grünbraun. Es gab keine hohen Bäume, nur ein paar kahle Stämme,die der Wind zu qualvollen Verrenkungen verformt hatte, und keine Blumen, die einem Herrn oder einer Dame bekannt gewesen wären.“ Und mit welcher Lust zählt er die englischen Vögel auf: „die Zaunkönige und Hänflinge, die Finken und Drosseln, die Amseln und Stare, die Kiebitze und Falken“. Manchmal wähnt man sich in einem Musical, weil Motion die Akteure singen lässt, Natalies Mutter ebenso wie den väterlichen Kapitän Beamish. Dann wieder lässt Motion die historische Maske fallen, nennt den hageren Schotten, der immer im Ausguck sitzt, Stevenson, und lässt so seinen Vorgänger im Buch auftreten.

Diese liebevolle Aneignung eines Klassikers verleiht dem Buch seinen Reiz: Man liest eine Geschichte aus dem Geist Stevensons, ein packendes Abenteuer mit einem Piraten wie Smirke, einem würdigen Nachfolger Silvers, mit wilden Stürmen und, wen wundert’s bei der Figurenkonstellation: einer Liebesgeschichte. Motion bleibt als Autor des 21. Jahrhunderts erkennbar in diesem herrlichen Schmöker mit literaturkritischem Unterbau. Kein Roman des 19. Jahrhunderts würde enden wie „Silver“, mit dieser Offenheit, diesem kleinen Misston, der sich nur dadurch auflöst, dass man ja schon am Anfang weiß, wie alles ausgeht. Denn Jim Hawkins erzählt da aus der Rückschau als alter Mann.

Andrew Motion: Silver. Rückkehr zur Schatzinsel. Deutsch von Klaus Modick. Mare Verlag, Hamburg. 477 S., 22 Euro

Quelle: wa.de

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