Andreas Dresens „Als wir träumten“ bei der Berlinale

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Hauptsache, es rollt, und sei’s im geklauten Auto: Szene aus Andreas Dresens Film „Als wir träumten“ mit Merlin Rose, Marcel Heupermann und Julius Nitschkoff.

Von Achim Lettmann BERLIN - Wo soll es denn hingehen? Für den 18-jährigen Dani stellt sich die Frage in Leipzig, wo sichtbar wird, wie dramatisch die Wende im Osten war und wie radikal Biografien einknickten. Regisseur Andreas Dresen ist ein Chronist ostdeutscher Sachlagen und mit der Literaturverfilmung „Als wir träumten“ im Wettbewerb der 65. internationalen Filmfestspiele in Berlin vertreten.

Mit dem Schriftsteller Clemens Meyer hat sich Dresen gleich verstanden, sehr achtsam erzählt er von den fünf Freunden eines Debütromans (2006), die die SED-Normen abschütteln und Gas geben in den frühen 90er Jahren.

Auf der Berlinale geht es mehr denn je um die Entscheidung des Einzelnen, sein Leben zu steuern. Ob in US-Filmen, Festivaldebüts aus Guatemala, historischen Porträts – alle Filmemacher zeichnen drängende Motivlagen ihrer Figuren nach. So rücken die Filme an den Kinobesucher heran. Werden auf der Leinwand Wege beschrieben, die sich lohnen, oder dominiert der Blick in Sackgassen, wo der Einzelne verharrt und Opfer seiner Zeit wird? Viel Mut machen die ersten Filme, die um den Goldenen Bären kämpfen, nicht. Der spanische Film „Der Club“ ist ein Reue-Bekenntnis ehemaliger Priester, die in einem chilenischen Dorf für ihre Taten büßen sollen. Missbrauch, Handel mit Neugeborenen, Kindesentführung... die Liste ist lang. Aber erst ein Ermittler, der nach einem ungeklärten Todesfall die Priester-WG befragt, fordert mehr Aufrichtigkeit. Dass mit einem Windhund Wettgeld verdient wird, mag er nicht, und das selbstgerechte Verständnis jedes Einzelnen, der das Priesteramt für kriminelle Ziele missbrauchte, schon gar nicht. Regisseur Pablo Larrain beschäftigt sich mit Schuld. In harten Dialogen wird herausgestellt, wie sich die Kirche heute verantwortlicher zeigen will. Das geht nicht ohne Witz ab und führt zu Kompromissen. Was machen die Täter mit ihrem beladenen Leben? Ein bewegender Film, der Selbsterkenntnis aufdeckt, aber nicht die Realität außerhalb der Glaubensgemeinschaft vergisst.

Der Film „Als wir träumten“ will die Vergangenheit auch nicht vergessen. Andreas Dresen teilt seinen Berlinale-Beitrag in Kapitel, die den Rausch der Wendejahre ordnen. Leider geht Dresen die anfängliche Nähe zu Dani, Rico, Mark, Pitbull, Paul und Sternchen, seiner Wende-Clique, zunehmend verloren. Die Party mit Stroboskop-Licht und Techno-Musik wird von der Macht des Faktischen verkürzt. Rechtsnationale Schläger prügeln die Freunde, um ihren Club vom Freizeitmarkt zu nehmen, den sie nur als Umschlagplatz für Drogen taxieren. Das wird knüppelhart inszeniert, dass einem beim Zuschauen die Rippen schmerzen. Aber die Geschichte „Als wir träumten“ will mehr. Wie war es in den letzten DDR-Jahren? Mit Rückblenden werden Dani und seine Freunde als artige Pioniere gezeigt. Wenn ein rotes Halstuch in Flammen aufgeht, muss dieses Politsymbol auch gegen persönlichen Frust verteidigt werden, selbst wenn ein Offizier seinen Sohn und die Familie verraten hat. Da schwingt etwas Ostalgie mit, aber unterläuft das Porträt einer Generation nicht, die im Vakuum versackt ist. Die Eckpfeiler fehlten, vermittelt Dresens Film, der nach Freundschaftbeweisen, Autos Knacken und Drogenkonsum immer hoffnungsärmer wird. Die jungen Darsteller hauen sich in ihre Rollenbilder rein, als gäbe es kein Morgen. Merlin Rose als Dani ist die Erzählfigur, die merkt, wie zerfahren ihre Zukunftssuche ausfällt. Rico (Julius Nitschkoff) scheitert als Box-Talent, Pitbull (Marcel Heupermann) dealt, Paul (Frederik Haslon) will Pornohefte vertreiben, Marc (Joel Basman) stirbt an einer Überdosis, und Sternchen (Ruby O. Fee) tanzt im Stripperclub. So verliert nicht nur das Leben, sondern auch der Film an Fahrt und lässt einen bedrückt zurück. Es wird kein Schuldiger ausgemacht, aber solche Biografien könnten auch zu Menschen passen, die bei den Montagsdemos in Leipzig und Dresden dabei waren. Das ist etwas spekulativ, zugegeben, und nicht die Absicht von Andreas Dresen, der mit „Als wir träumten“ zum dritten Mal auf der Berlinale vertreten ist. Für „Nachtgestalten“ (1999) und „Halbe Treppe“ (2002) hat er silberne Bären bekommen. Diesmal fehlt die erzählerische Innovation. Stillstand.

Quelle: wa.de

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