Amsterdams Rijksmuseum entdeckt Gabriel Metsu

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Geborgen: Gabriel Metsu malte „Das kranke Kind“ um 1664 bis 1666. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ AMSTERDAM–Schlaff hängt das Kind auf dem Schoß der Mutter. Sein leerer Blick geht in die Ferne. Besorgt schaut die Frau herab. Liebevoll hält sie die kleine Patientin. Mit seinem Bild „Das kranke Kind“ blickte der niederländische Maler Gabriel Metsu (1629-1667) in eine Situation häuslicher Vertrautheit, die sich auch noch Jahrhunderte später erschließt. Sein Werk feiert zugleich die Kunst: Nicht nur im bleichen Inkarnat des Kindes, in den genau eingefangenen Gesten. Man sehe nur, wie er den Tontopf mit dem Brei vorn rechts mit einigen Weißhöhungen leuchten lässt, wie er dem Geschirr Volumen gibt.

Es gab Zeiten, da genoss Metsu höchsten Ruhm unter den Meistern des Goldenen Zeitalters der niederländischen Malerei. Der französische Galerist Jean-Baptiste-Pierre Le Brun beschrieb Vermeer um 1800 als einen Maler „in der Art von Metsu“, dessen Bilder folgerichtig auch höhere Preise erzielten. Heute hat sich die Wertschätzung gedreht, ist Metsu zum Fall für Spezialisten geworden, während Vermeers Motive auf Plakaten und Postkarten geschätzt werden. Das Rijksmuseum Amsterdam würdigt den Künstler mit einer Ausstellung in internationaler Kooperation mit der National Gallery of Ireland in Dublin und der National Gallery of Art in Washington. In der niederländischen Stadt sind 35 von 140 bekannten Werken des Malers zu sehen, ein kompakter, aber repräsentativer Querschnitt.

Metsu lebte nur kurz, war aber überaus produktiv und vor allem vielseitig. Von seinem Leben ist wenig bekannt. Sein Vater starb schon vor seiner Geburt in Leiden. Mit 13 bezeugte Metsu ein Dokument eines Silberschmieds. Wahrscheinlich lernte er auch nicht bei einem Maler, sondern bei diesem Pieter Claesz. de Grebber. Schon 1644 taucht sein Name im Verzeichnis der Maler von Leiden auf, da war er 14 oder 15 Jahre alt. Vier Jahre später wurde er offiziell in der Lukas-Gilde registriert, da war er immer noch nicht volljährig. Anfangs schuf er Porträts und großformatige Bibelszenen wie „Christus und die Ehebrecherin“ (1653), das aus dem Louvre nach Amsterdam kam. Diese Komposition erinnert durchaus an die in dramatischem Helldunkel gehaltenen Historien Rembrandts. Andachtsbilder schuf der katholische Künstler immer wieder, wie eine hochemotionale Kreuzigung (1664) belegt. Aber auch seine Meisterschaft im Stillleben bewies er mit einem toten Gockel (1655-8) voller illusionistischer Details vom Gefieder über die Krallen bis zur gesplissenen Kordel, an der er aufgehängt ist.

Um 1654 zog er nach Amsterdam und entdeckte eine Marktlücke. Er spezialisierte sich auf kleinformatige Genreszenen, wobei er vielseitig blieb. Da gibt es die Innenraumszenen des gehobenen Bürgertums wie bei dem um 1664 entstandenen Bilderpaar aus Dublin: Auf dem einen Bild schreibt ein junger Herr einen Brief am offenen Fenster. Auf dem Gegenstück liest eine Dame das Schreiben, eine Liebesepistel offensichtlich, denn symbolträchtig enthüllt die Magd ein Gemälde an der Wand, das ein Schiff auf hoher See zeigt – in der niederländischen Ikonografie steht das für eine Beziehung. Wie Metsu das Licht auf Stoffen spielen lässt, wie er Details einsetzt, das erinnert allerdings an Vermeer. Aber der Künstler hat auch bei anderen gelernt, bei den Feinmalern Gerrit Dou und Gerrit Ter Borch zum Beispiel, wie auch das herrliche Bild eines Bäckers zeigt, der ins Horn stößt, um den Kunden zu signalisieren, dass frische Ware bereitliegt. Auf einem weiteren Bild blickt eine Dame vom Briefschreiben auf – direkt zum Betrachter, ein richtiger Flirt.

Aber auch für die niederen Stände interessierte sich Metsu, zum Beispiel im rührenden Bild von der Frau, die ihre Mahlzeit mit der Katze teilt. Oder in den Marktszenen. Metsu schuf stets eine erzählerische Spannung in solchen Szenen, zum Beispiel bei der alten Frau, die einem Jungen einen Pfannkuchen backt: Da hat man zwei Geschlechter und zwei Lebensalter, die sich gegenüber stehen. Und man hat die Katze, die gerade im Begriff ist, einen der Trockenfische zu stehlen. Das Motiv hatten zuvor auch schon andere gemalt, zum Beispiel Dou, aber Metsu führt es malerisch wie erzählerisch auf die Spitze. Dabei hat er auch einen Sinn für die Doppeldeutigkeiten der niederländischen Malerei, zum Beispiel beim alten Geflügelhändler, der einer feinen Dame einen Hahn entgegenstreckt: eine Einladung zum „Vögeln“.

Humor hatte er, malte sich als verlorenen Sohn auf dem Schoß seiner Frau. Oder gar nackt als Hasenjäger, der sich im Fluss den Schweiß der Jagd abwusch und nun abtrocknet, den Blick selbstbewusst auf den Betrachter gerichtet. Das ist frech, auch, weil die Jagd natürlich dem Adel vorbehalten war, der Künstler sich also selbst erhöhte. Nicht nur dieses Bildes wegen ist die Wiederentdeckung Metsus ein Gewinn fürs Publikum.

Die Schau

Ein Querschnitt durch das Schaffen eines unterschätzten Meisters des Goldenen Zeitalters: Gabriel Metsu im Rijksmuseum, Amsterdam.

Bis 20.3., di – so 10 – 17 Uhr, Tel. 0031/ 20 / 67 47 000, http://www.rijksmuseum.com

Katalog (nl./engl.) 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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