Amir Reza Koohestani inszeniert „Taxigeschichten“ als Live-Film

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Man sieht, wie der Film entsteht: Szene aus den „Taxigeschichten“ in Oberhausen mit Martin Hohner (oben, links) und Jürgen Sarkiss sowie Marieke Kregel (unten links).

OBERHAUSEN - Die seltsamsten Menschen steigen nachts in Nasers Taxi. Die polnische Hure Alicja zum Beispiel glaubt, dass ihr Liebhaber eine andere hat, und möchte ihn bespitzeln. Leila und ihr Geliebter aus der Schweiz wollen einfach ein wenig her-umfahren. Der tätowierte Proll, der auf dem Rücksitz eine Nase Kokain nimmt, will die iranische Sportreportage hören. „Fußball ist Fußball.“

Mit ihnen allen spricht Naser warmherzig und zugewandt. Er nutzt die Lebenssplitter, die ihm bei seinen Taxifahrten zufallen, als Stoff für sein Blog. Naser Ghiasi gibt es wirklich, 14 Jahre lang fuhr er Taxi in Berlin. Der Iraner hat ein erfolgreiches Buch aus seinen „Taxigeschichten“ gemacht. Am Theater Oberhausen inszeniert Amir Reza Koohestani die Bühnenversion davon, als Ko-Produktion mit dem Theater im Pumpenhaus in Münster. Ein Kammerspiel mit einem frappierenden technischen Kunstgriff. Die Akteure nehmen auf Autositzen Platz, weit auseinander, vor fest installierten Videokameras. Ihre Körper werden in einen Film geschnitten. So sieht es aus, als führen sie wirklich gemeinsam in einem Auto durch eine nächtliche Großstadt.

Die meisten Taxifahrer haben einen Migrationshintergrund. Einmal sagt Nasers Freund, als er die Flüchtlinge im Fernsehen gesehen habe, habe er gedacht: „Lauter zukünftige Taxifahrer.“ Naser betrachtet seine Fahrgäste, als wäre er ein Ethnologe bei einem fremden Urwaldstamm. Die Begegnungen sind ineinander geschnitten fast wie die Episoden in Arthur Schnitzlers „Reigen“. Nur dass hier Naser als Fixpunkt bleibt. Und dass die Begegnungen in Einzelszenen zerlegt und schnell hinterein-ander montiert sind.

Die Technik ermöglicht diese abrupten Szenenwechsel. Während oben im Breitwandformat Naser mit seinem aktuellen Gast oder mit seinem Kumpel (und dem Besitzer des Autos) Jafar spricht, schlurft unten in aller Ruhe ein Darsteller über die Bühne zur Rückbank. Und wenn er sitzt, erscheint er plötzlich im Film oben. Etwas befremdlich wirkt, dass die Akteure nur Oberbekleidung tragen, aber in Shorts, mit nackten Beinen spielen. Im Kinobild merkt man davon nichts – Menschen ohne Unterleib.

Die Nachtfahrten machen auf wunderbare Weise die vertraute deutsche Großstadt zu befremdlichem Gelände. Es knistert zwischen Jürgen Sarkiss als stoisch neugierigem Taxifahrer und seinen Gästen. Nichts kann diesen Mann erschüttern, so scheint es. Er weist Patti (Susanne Burkhardt) geduldig darauf hin, dass er sich strafbar macht, wenn er den Taxameter ausschaltet – und flirtet ungerührt mit ihr, lädt sie am Ende gar zum Abendessen ein. Und man hat den Eindruck, dass Naser zwar die zum Teil absurde Komik der Situationen spürt. Aber er erhebt sich nicht über seine Mitfahrer. Er ahnt von Anfang an, dass der abgerissene Rentner Dieter (Michael Witte) mit der Plastiktüte und dem gegipsten Arm die nicht ganz billige Fahrt nicht bezahlen wird. Und doch dreht er ihm eine Zigarette und lobt ihn dafür, dass er seine Mutter besucht. „Nicht schlecht für deutsche Verhältnisse.“

Die Hure (Marieke Kregel) ist eifersüchtig, der Zuhälter trauert seinem besten Mädchen nach, das mit einem Scheich durchbrannte, der Banker und seine Geliebte probieren offene Partnerschaften aus, die Anwältin verhandelt über eine komplizierte Scheidung. Unaufdringlich wird deutscher Alltag mit dem Verhalten von Fremden konfrontiert. Kein Pathos, keine Botschaft. Die einen machen das so, die anderen so. Man passt sich an. Der Lude Michael findet eine „Halal“-Lösung für seine überwiegend muslimische Kundschaft, die „Zeitehe“. Gerade die Szenen mit dem frisch aus der Haft entlassenen Kriminellen sind ein Höhepunkt dieser anregenden Produktion. Martin Hohner nuschelt, schnieft und rüpelt den Michael mit großer Authentizität und liefert einen herrlichen Kontrast zur höflichen Gelassenheit, die Sarkiss seiner Figur verleiht.

Schnell vergisst der Zuschauer das etwas kühle Ambiente, das samt den Zuschauerplätzen auf die Bühne gebaut wurde (Ausstattung: Mitra Nadjmabadi). Die Videotechnik fesselt gerade da, wo sie keine perfekten Bilder liefert, wo die Schauspieler tricksen, zum Beispiel, wenn sie sich etwas weiterreichen. Und die großartigen Darsteller zeichnen selbst in kurzen Szenen ihre Figuren als dichte Charaktere. Sie meistern die Beschränkung, die ihnen die Filmtechnik durch die immer gleiche Nahaufnahme aufzwingt.

13., 15., 25.11., 5.12.,

Tel. 0208/ 85 78 184,

www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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