Aus Altena nach Aachen: Die Sammlung Marks-Thomée ist wieder zu sehen

Ein Meisterwerk der Renaissance-Malerei: Die Geburt Christi mit Stifterin von Rogier van der Weyden, zu sehen in der Aachener Ausstellung. - Fotos: Bildarchiv Foto Marburg/Thomas Scheidt

Von Ralf Stiftel AACHEN - Ein Besuch beim Landrat Fritz Thomée glich einem Museumsgang. Überall standen damals geschnitzte Heiligenfiguren und das bronzene Löwen-Wassergefäß, an den Wänden hingen altmeisterliche Porträts. Die Dienstwohnung in Altena war geprägt vom „Antiquitätenfimmel“ des beliebten Würdenträgers, wie das vergrößerte Schwarz-Weiß-Foto belegt.

Im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum bekommt man aber auch eine plastische Vorstellung der Schätze, die Thomée im Sauerland zusammentrug. Die Ausstellung „Sammlerglück“ präsentiert erstmals seit 60 Jahren die einzigartige großbürgerliche Kollektion.

Thomée (1862-1944), viertes Kind eines der größten Drahtfabrikanten in Werdohl, hat das Sauerland geprägt. Er verbesserte in seiner Amtszeit nicht nur die Infrastruktur durch Straßenbau und Talsperren, er baute nicht nur die Wohlfahrtspflege aus. Er war auch treibende Kraft beim Wiederaufbau der Burg in Altena, getrieben von einem preußischen Patriotismus und gegen alle Bedenken, dass ein Zeugnis der Geschichte verfälscht werden könnte.

Dieser den Künsten aufgeschlossene Mann begann auch, über die Dörfer zu fahren und alte Skulpturen zu kaufen. Anfangs interessierte er sich für Kunst und Kultur Westfalens. Eine Madonna kaufte Thomée 1911 dem Küster Wewer ab, der sagte, die Schnitzerei sei westfälisch aus der Gegend von Paderborn. Inzwischen weiß man, dass die zierliche Figur in der Ausstellung im 14. Jahrhundert wohl eher in Frankreich geschnitzt wurde. Der Qualität des Stücks tut das keinen Abbruch. Und Thomée ließ sich auch schnell vom Berliner Museumsdirektor Wilhelm von Bode anregen, breiter zu sammeln. So bilden Skulpturen und Gemälde aus dem späten Mittelalter und der Renaissance zwar den Kern der Sammlung. Aber Thomée erwarb auch antike Objekte wie einen prachtvollen bronzenen Cäsaren-Kopf und exotische Dinge wie eine Miniatur aus Indien.

Gut 100 Kostbarkeiten zeigt das Aachener Museum. Und das Besondere: Das Wichtigste aus Thomées Kollektion ist immer noch in Familienbesitz, gehört heute seinem Enkel Werner Marks. Sonst, meint Museumsdirektor Peter van den Brink, werden Privatsammlungen von den Erben meistens verkauft. Marks aber hat nicht nur ein Drittel der einst fast 1000 Objekte geerbt. Er kauft auch seinen Verwandten zurück, um die Sammlung möglichst zu komplettieren.

Der 63-jährige Kaufmann wohnt nicht im Sauerland, sondern in der Nähe von Köln. „Ich lebe damit“, sagt er. Und kann vor jedem Stück eine Geschichte erzählen. Kein Wunder, er hat eine Doktorarbeit über die Sammlung geschrieben. Er wuchs mit den Stücken auf. Den „Kick“ aber hat ihm eine Entdeckung gegeben, die Kunsthistoriker in Frankfurt an seinem Bild des mittelalterlichen Meisters Rogier van der Weyden machten. Der Hirte am Bildrand der Geburt Christi war so plump gemalt in seinem „Sack“, der fiel ab gegen die feine Maria, den edlen Josef. Das Bild wurde geröntgt, und es stellte sich heraus, dass es übermalt war. Eine Geschlechtsumwandlung: Rogier hatte eine Frau an den Rand des heiligen Geschehens positioniert, eine fromme Stifterin. Als Marks das Bild sah, dem die Übermalung abgenommen war, war es um ihn geschehen.

Wobei er sich nur als Sachwalter sieht. „Ich passe nur auf die Dinge auf. Mein Opa war der Sammler, der mit dem Auge und Gespür, der Superstar“, sagt er. Und der Opa hat Kostbarkeiten zusammengetragen, die jedes Museum zieren. Und was die Kunsthistoriker wie Kurator Thomas Fusenig besonders freut: Thomée hat genau Buch geführt über seine Einkäufe. In einem Notizbuch sind seine Erwerbungen bis 1932 verzeichnet. Die Auswahl im Suermondt-Ludwig-Museum wurde erneut wissenschaftlich untersucht. Marks erlaubte das, was nicht selbstverständlich ist. Thomée konnte nie sicher sein, was er genau kaufte. Bei einer Majolika-Schale in der Schau ergab sich der Verdacht, dass das Stück kein Original aus der Renaissance, sondern eine Fälschung ist.

Dem stehen aber zahlreiche Meisterwerke gegenüber. Rogiers Gemälde zum Beispiel, eine weitere „Geburt Christi“ aus der Werkstatt von Lucas Cranach d.Ä., ein grandioses Porträt auf Goldgrund von einem bärtigen Mann, das der Dürer-Zeitgenosse Wolfgang Beurer malte. Und wie markant blickt der ältere Herr auf dem Porträt von Jan Anthonisz. van Ravesteyn. Und ein schmales kleines Altarfragment weist wieder nach Westfalen: Die Hl. Anna (um 1420-30) stammt von einem Maler aus dem Umfeld des Meisters, der den Fröndenberger Altar schuf.

Ebenso prachtvoll sind die Skulpturen: Ins Auge sticht die mehr als einen Meter breite, farbig gefasste Figurengruppe des „Marientods“ aus der Werkstatt von Tilman von Riemenschneider. Diese Darstellung wurde oft wiederholt, aber keine der weiteren bekannten Versionen erreicht die Qualität, die in Aachen zu bewundern ist. Eine Rarität ist auch die Sandsteinfigur von Christus als Schmerzensmann (um 1515) von Heinrich Brabender. Die eindringliche Skulptur trägt noch weitgehend ihre originale Farbfassung, eine Ausnahme im erhaltenen Werk des Münsteraner Bildhauers, und die roten Blutfäden im Gesicht des Heilands unterstreichen den Ausdruck des Leidens.

Sammlerglück – die Sammlung Marks-Thomée im Suermodnt-Ludwig-Museum Aachen.

Bis 21.6., di – fr 12 – 18, mi 12 – 20, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0241/ 479 80 40, www. suermondt-ludwig-museum.de

Katalog, Belser Verlag, Stuttgart, 39 Euro

Quelle: wa.de

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