Die Alte Pinakothek in München zeigt Jan Brueghel d. Ä.

Den Heiland versteckt der Künstler im Zentrum des Bildes, auf einem Fischerboot, wenn auch in einer Lichtaureole: Jan Brueghels d. Ä. Gemälde „Seehafen mit Predigt Christi“ (1598) ist in München zu sehen.  Foto: Museum

Von Matthias Kampmann

MÜNCHEN - Schauen Sie genau hin. Fast alle Bilder von Jan Brueghel d. Ä. sind frappierend detailreich. Es braucht eine geraume Weile, um in dem Gewimmel im „Seehafen mit der Predigt Christi“ von 1598 die heilige Szene knapp rechts von der Mittelsenkrechten in dieser Weltlandschaft zu entdecken.

Vom Baumbestand links bis zum Küstenstreifen finden sich Marktszenen, Menschenmengen, Figuren die sich über Fischkörbe beugen, schnuppernde Hunde, gestikulierende Kaufleute: Überall tummeln sich Menschen ganz unterschiedlichen Standes, gekleidet wie zur Zeit des Malers. Den Mikrokosmos zu erkunden, das erlaubt eine wunderbare Ausstellung in der Alten Pinakothek in München.

Die Farbdramaturgie führt den Blick von warmen, bräunlichen Tönen über einen grünlichen Mittelgrund mit der Predigt in eine von Blau dominierte Tiefe. Es dauert, bis der Blick aufs Meer, auf dem zahlreiche Schiffe eine filigran gemalte Takelage offenbaren, gelangt ist. Zu Unrecht wird das Klischee kolportiert, Pieter Brueghel d. Ä., sein Vater, sei der eigentliche Star dieser Antwerpener Malerdynastie. In der Schau kann man sich davon überzeugen, dass Jan, der von 1568 bis 1625 lebte, das Erbe, anders als sein älterer Bruder Pieter, der vorwiegend Werke seines Vaters kopierte, innovativer verwaltete.

Ausgestellt werden 130 Gemälde und Grafiken. Allein 47 Bilder von Jan Brueghel d. Ä. stammen aus den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Laut Generaldirektor Klaus Schrenk ist dies der weltweit größte Bestand. Dem Besucher wird allerdings keine Retrospektive präsentiert. Vielmehr steht die Sammlung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen im Fokus, die durch Leihgaben mit Bezug zu den eigenen Bildern ergänzt wurde. Unter den 60 Stücken sind Bilder aus dem Louvre, den Uffizien oder dem Prado. Ziel war es auch, die neuesten Forschungen zu veröffentlichen. Zehn Bilder wurden eigens restauriert.

Der übersichtliche und chronologisch angelegte Parcours hebt an mit dem „Schlaraffenland“ des Vaters von 1567 und einigen von ihm beeinflussten Bildern des Sohns. München wuchert mit seinen Schätzen. Doch die Entdeckungsreise ins Kleinste der nun eigenen Figurenwelt startet mit der Zeit nach der Italienreise von Jan, von der er 1596 zurückkehrte. Spannend zeigt der Verlauf der Schau, wie der Maler gleichsam auch ein Innovator ist. Etwa mit Blick auf die Landschaftsdarstellungen. Sieht man zunächst eine deutliche Trennung der Bildgründe, gehen diese nun bruchlos ineinander über.

Doch mehr noch: Bislang eher in Fachkreisen bekannt, herrschte im damaligen Antwerpen eine besonders wertgeschätzte Zusammenarbeit zwischen den Meistern. Die Stadt war damals eine der ganz großen Kunstmetropolen Europas. Dort arbeiteten neben den Brueghels auch Jacob Jordaens, Anton van Dyck oder David Teniers, und Peter Paul Rubens’ Familie kehrte aus kölnischem Exil bald dorthin zurück. Dass Gehilfen Bilder vollendeten, davon weiß man seit Zeiten. Die Einbettung von Tafeln, etwa der über zwei Meter in der Breite messenden „Madonna im Blumenkranz“, die Brueghel mit Rubens um 1616/18 malte, in einen weiter gefassten Kontext, macht die Unterschiede deutlich. Beide Künstler waren Stars ihrer Zeit, aber sie prägten vollkommen verschiedene Stile. Dass ein solches Teamwork so meisterlich gelingen konnte, lag schlicht daran, dass Brueghel die detailreiche Blumengirlande, Rubens die Figuren übernahm. Solche Bilder erfreuten sich höchster Wertschätzung. Übrigens gilt Brueghel als Erfinder dieser Motivkonstellation.

Der Künstler ist vielseitig. Fast schon naturalistisch sind seine lavierten Tuschzeichnungen. Architektonische Versatzstücke verarbeitet er in seinen Landschaften: ein intellektuelles Spiel mit dem Betrachter, wenn plötzlich der Petersdom im „Großen Fischmarkt“ (1603) auftaucht. Kein Wunder, dass man ihm 1613 die Privilegien des Hofmalers zueignet. Sein Werk wurde sogar in Italien hoch geschätzt. Kardinal Borromeo übernahm die Patenschaft für seine Tochter. Mit dieser Ausstellung spätestens verlässt das Werk den Schatten des Vaters. Sie bezeugt eine zuvor noch nicht gesehene Eigenständigkeit.

Brueghel. Gemälde von Jan Brueghel d. Ä.

in der Alten Pinakothek in München. Bis 16.6., di 10 – 20, mi – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 089/ 23 80 52 16

www.pinakothek.de

Katalog, Hirmer Verlag München, 49,90 Euro.

Quelle: wa.de

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