Neue Schärfen für die Nerven

Musikabend „Als gäb‘s kein Morgen“ über die wilden 20er von Tankred Schleinschock

20er-Jahre-Revue Westfälisches Landestheater Castrop Rauxel Patrick Sühl
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Showmaster auf der Freilichtbühne in Castrop-Rauxel: Patrick Sühl in dem Programm „Als gäb’s kein Morgen – Die wilden 20er Jahre“. Im Hintergrund Simone Schuster und Franziska Ferrari. Foto: Beushausen

Musikalische Abende sind eine Spezialität des Westfälischen Landestheaters Castrop-Rauxel. Trotz Corona ging jetzt „Als gäb‘s kein Morgen“ an den Start: Der musikalische Leiter des Hauses, Tankred Schleinschock, trug dafür Hits und Entdeckungen aus den 1920er Jahren zusammen.

Castrop-Rauxel – Einmal im Jahr heißt es beim Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel: „Bühne raus!“ Dann spielt die Wandertruppe unter freiem Himmel, in den letzten Jahren vor Corona meistens im Parkbad Süd, im trocken gelegten Schwimmbecken. Selbst im letzten Jahr fiel die Show nicht aus, da gab es, allerdings auf dem Parkplatz am Materiallager, einen Rückblick auf den „Musikladen“. Sinkende Inzidenz und bestes Open-Air-Wetter machten es auch diesmal möglich, dass die Musik spielte. Diesmal nahm sich Tankred Schleinschock, musikalischer Leiter und Regisseur, die „wilden 20er Jahre“ vor. „Als gäb’s kein Morgen“ bietet zweieinviertel Stunden (mit Pause) fein nostalgische Unterhaltung mit vielen Ohrwürmern, die sich bis heute gehalten haben.

Deutschland war ja einmal richtig bunt, multikulturell und aufregend, wie die Lieder aus der goldenen Zeit des Schlagers belegen. Wenn da ein Damenquartett fordert: „Raus mit den Männern aus dem Reichstag“, dann toppt das heutige Forderungen nach der Frauenquote. Samira Hempel schwärmt auf den Spuren der großen Claire Waldoff von „Hannelore“, dem „schönsten Kind vom Hall’schen Tore“, und das zeugt von queerem Selbstbewusstsein, weil beim Geschöpfchen mit dem Bubiköpfchen „kein Mensch entscheiden kann, ob du Weib bist oder Mann“. Ein anderer Klassiker der Waldoff, „Wegen Emil seine unanständ’ge Lust“, dreht sich um Schönheitsoperationen, und auch da sagt die Protagonistin selbstbewusst Nein.

Tobias Schwieger, Mario Thomanek und Mike Kühne führen als Moderatorentrio in eine schwierige Epoche ein, in der eine Gesellschaft einerseits Demokratie und Freiheit erprobte, in der andererseits aber die Gefährdung durch gewaltbereite rechte Gruppen stets präsent war. Und manchmal erlauben sie sich einen Schlenker in die Gegenwart, zum Beispiel beim 1922 ermordeten Außenminister Walther Rathenau, wo sie den Namen von Walter Lübcke einschieben, der 2019 von einem Rechtsextremisten ermordet wurde.

Das sind aber Fußnoten in einem auf Unterhaltung ausgerichteten Programm, das sehr auf Hits setzt wie „O Donna Clara“, „Ich hab das Fräulein Helen baden sehn“ und „Ausgerechnet Bananen“. Das Landestheater muss zwar immer noch auf die Pandemie Rücksicht nehmen, aber die transparenten Plastikvisiere bei den Gruppenszenen fallen kaum auf. Und ansonsten gibt es schwungvolle Choreografien, mitreißenden Gesang und ein bestens aufgelegtes siebenköpfiges „Lippe-Saiten-Orchester“, dessen Rhythmusgruppe auf die Ladefläche eines Lasters neben der Bühne ausgelagert ist.

Schleinschock wollte sich nicht ausschließlich auf das „Babylon“ Berlin fokussieren, unbestritten eins der großen kulturellen Zentren der Zeit. So blicken die vier Damen und vier Herren auch kurz nach Paris („Mon Homme“) und etwas ausführlicher nach New York. Das bietet dem Ensemble die Chance, die Musik noch vielfältiger auszuwählen.

Vor allem kann sich hier Patrick Sühl profilieren, der nicht nur tanzt und singt, sondern auch noch Gitarre und Ukulele spielt. Da merkt man, dass Schleinschock es weder geografisch noch historisch allzu genau nimmt. So trägt Sühl auch mit beachtlicher Fingerfertigkeit an der Gitarre Robert Johnsons Bluesklassiker „Sweet Home Chicago“ vor, dessen Originalversion 1936 entstand. Aber wen kümmert das, wenn Sühl sie so hingebungsvoll als Blues-Brother inszeniert? Der Kino-Erfolg gab hier offensichtlich mehr als einmal Inspirationen, so auch bei Cab Calloways Swinghit „Minnie the Moocher“, wo Sühl sich in blauem Frack ganz an der Filmvorlage orientiert.

Das Programm wäre zwingender und konsequenter ausgefallen, wenn Schleinschock bei den deutschen Hits der 1920er Jahre geblieben wäre. Da gibt es ja noch so viel schöne Lieder, die an diese Abend ungespielt blieben. Welche Klasse damals Unterhaltungsmusik hatte, das bewies Samira Hempel mit einer hinreißend verruchten Interpretation von „Starker Tobak“, noch so einem Meisterwerk Friedrich Hollaenders über die Lust am Laster: „Heut brauchen meine Nerven neue Schärfen“.

Den furiosen Schlussspurt mit „Just A Gigolo“ hätte man auch beibehalten können. Dieser Schlager von Leon Casucci von 1929 hatte ursprünglich einen deutschen Text von Julius Brammer: „Schöner Gigolo, armer Gigolo“. Publikumsliebling Sühl greift auf die Nachkriegsversion von Louis Prima zurück, um zu zeigen, wie toll er scatten und jazzen kann.

Egal: Der Abend macht trotzdem großen Spaß. Und wird, wie seine Vorgänger, wohl erst mal einige Zeit auf dem Spielplan bleiben.

8.12. Kurhaus Hamm, 16.2.22 Ruhrfestspielhaus Recklinghausen,

Tel. 02305/ 978 020,

www. westfaelisches-landestheater.de

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