Allison Oakes brilliert als „Tosca“ in Münster

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Perfekte Primadonna in Münster: Allison Oakes als Tosca ▪

Von Anke Schwarze ▪ MÜNSTER–Das Kostüm von Cavaradossi zitiert ein Gemälde von Goya, das Napoleons Überwachungsstaat anprangert: In weißem Hemd und hellgelben Hosen gleicht Cavaradossi jenem Mann im Bild, der erschossen wird. Achim Thorwald hat sich für eine historisierende Inszenierung von Giacomo Puccinis „Tosca“ am Theater Münster entschieden. Das ist konsequent, da in Münster eine Art Uraufführung der Oper erfolgt, in ihrer Urfassung, die noch nie auf der Bühne zu sehen und zu hören war. Die feinen Unterschiede in Instrumentierung und Klangfarben ausfindig zu machen, bleibt allerdings Kennern überlassen.

Der „durchschnittliche“ Opernliebhaber kann ein Bühnenbild mit opulenten optischen Reizen genießen, dazu eine strahlend besetzte Titelrolle und ein feinsinnig agierendes Orchester. Wie der Regisseur eines Kostümfilms versetzt Thorwald die Zuschauer in die Zeit der Handlung von „Tosca“, in die Zeit der napoleonischen Kriege. Eine Wand mit klassizistischen Kassettengefachen wird zum Kirchenraum, zum Esszimmer Scarpias und zur Hinrichtungsstätte auf der Engelsburg. Zwischen weißen Wänden, dunklen Möbeln und schwarz gekleideten Polizeiagenten leuchten rote Akzente – im Gewand des Kardinals, mit dessen Kirche der sadistische Scarpia eine unheilige Allianz eingeht, in der Empire-Robe von Tosca, der Verkörperung unpolitischer Liebe, in Blutspritzern auf den Säulen der Engelsburg. Der Überwachungsstaat enthüllt sich in versteckten Türen, die im Boden und in der Kassettenwand lauern.

Thorwald dokumentiert ein totalitäres System aus der Vergangenheit und überlässt es dem Zuschauer, die im Programm ausgeführten Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Eine allgemeinere Ebene findet sich am ehesten im Bühnenbild, das Heiko Mönnich zum Ende reduziert – vom Kirchenraum mit Madonnenstatue, Freskenmalerei und Massenchor zum abstrakten Säulenrund als stummem Zeugen eines Erschießungskommandos.

Stimmlich beherrscht Allison Oakes' Tosca die Inszenierung. Ihr satter Sopran trägt wunderbar und schwelgt von italienischer Weiblichkeit. Sie lockt, schmeichelt und schimpft, ohne an Strahlkraft einzubüßen. Sie setzt bei Toscas Vorzeigearie „Vissi d'arte“ auf das richtige Timing. Auch körperlich wirft sich Oakes mit Elan in die Rolle der Primadonna assoluta. Samtbewehrt rauscht sie im Takt über die Bühne, wirft ihre Roben um sich, gestikuliert ausladend, rollt die Augen.

Allein, ihr fehlt ein männliches Gegengewicht. Es mag angehen, dass Cavaradossi angesichts Toscas Schimpftiraden verzagt. Schade ist, dass auch Adrian Xhemas samtiger Belcanto-Tenor neben Oakes verblasst. Am wirkungsvollsten bringt er seine sonore Stimme zur Geltung, wenn Tosca nicht auf der Bühne steht, vor allem in der Abschiedsarie „E lucevan le stelle“. Die Besetzung des Scarpias liefert ebenfalls keinen adäquaten Gegenspieler. Gregor Dalal kämpft bei der Premiere mit einer Erkältung, wofür Intendant Ulrich Peters vor der Vorstellung um Verständnis bat. Stimmlich meistert Dalal seine Partie, doch die Mühe scheint ihm Spielfreude zu rauben. Und so fehlt im 2. Akt die Spannung beim Duell zwischen Tosca und Scarpia, von dem kaum eine Bedrohung ausgeht.

Die treibende Kraft des psychologischen Moments bleibt an dieser Stelle dem Orchester überlassen. Das differenziert die emotionalen Untertöne, beschwört böse Vorahnungen herauf. Fabrizio Ventura dirigiert rhythmisch nuanciert, strafft die dramatischen Szenen und verwebt sie mit zarten, transparenten Einwürfen.

Das Finale ist mit Absicht theatralisch. Mit weit ausgebreiteten Armen, in der Pose des Hingerichteten bei Goya, empfängt Tosca den Todesschuss des Polizeiagenten. Ihre Figur bleibt gefangen in Schauspieler-Posen, während Scarpias Machtapparat über seinen Tod hinaus funktioniert.

Tosca am Theater Münster.

26.1.; 5.,15.2.; 6.,8.,22.,24.3.; 4.,6.,12.,20.,23.4.;

Tel. 0251/ 59 09 100

http://www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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