Alles, nur nicht tümlich: Jazzkantine spielt Volkslieder

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Alles nur Fassade: Die Jazzkantine in Volksmusik-Tarnung. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Ja mei, soll die Jazzkantine demnächst im Musikantenstadl einziehen? Aber die Musiker haben sich das gut überlegt. Sie mögen die Volksmusik nicht den Blockwarten des Volkstümlichen überlassen. Die Jazzer und Rapper gehen entspannt mit diesen Titeln um, und die Auswahl bietet Überraschungen: Beethovens „Ode an die Freude“ zum Beispiel ist ja populär, auch schon verpoppt worden.

Aber ein Volkslied? Sicher! Und es wird mit Rapeinlagen in deutsch, türkisch, französisch der Schillersche Text wieder zu dem, was er eigentlich immer war: zur Feier eines weltumspannenden Menschheitsgefühls. Die Jazzkantine lässt sich das Versprechen von Multikulti nicht vermiesen.

Die Jazzkantine, 1993 gegründet und im ersten Deutsch-Rap-Boom erfolgreich, hat sich schon öfter produktiv mit fremdem Material befasst. Auf ihrer zweiten CD coverten sie Dave Brubecks Klassiker „Take Five“. 2008 gab es mit „Hells Kitchen“ eine CD voll mit Hardrock-Klassikern von „Highway To Hell“ bis zu „Smoke On The Water“. Nun also „Jazzkantine spielt Volkslieder“. Sie tun alles, um Vorurteile zu bedienen, posieren auf dem Coverbild mit Hut und Karohemd am Stammtisch unterm Hirschgeweih, als wollten sie wirklich die Vorband für Florian Silbereisen geben.

Die Band will die Deutungshoheit über dieses Liedgut zurückgewinnen. Was drückt das aus: „Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit“? Geht es um Nationalstolz? Gastsängerin Pat Appleton macht daraus eine entspannt groovende Ballade, die dem Text viel eher gerecht wird in seiner friedlichen Stimmung.

Der Autor und Regisseur Peter Schanz spricht einen „Fragebogen“ mit klugen Gedanken über Heimat und Identität. „Wo haben Sie zuletzt mit anderen gesungen? In der Kirche, im Stadion, unterm Weihnachtsbaum, im Biergarten, noch nie?“ An dieser Stelle wird deutlich, um wieviel ärmer man wird, wenn man ein kulturelles Territorium einfach freigibt. Im abschließenden Titel „Volxliedgut“ spielt er dadaistisch mit dem Begriffsmaterial: „Volk, Heimat, heikel, heikel, zickezacke Hei-, Hei-, mat.“ Das intellektuelle Niveau dieses Projekts liegt weit über dem Stadl-Pegel. Ein weiterer Kommentar kommt vom türkischen Rapper Tachi, der zu einer melancholischen Musik über seine „Mutter Türkei“ spricht und einflicht, dass „Stiefvater Deutschland“ Integration will. Das Leben zwischen den Kulturen bekommt hier andere, nicht unkritische Akzente als im politischen Reden.

Mit der Platte ist es der Jazzkantine ernst. Und doch präsentieren sie kein Thesenpapier nach Noten. Die Platte macht richtig Spaß, und sie können sogar albern sein wie im Wanderlied „Im Frühtau zu Berge“, zu dem sie anmerken, dass es aus Schweden importiert wurde. Da gibt’s ein Blasmusik-Sample, krachige Rockgitarre und einen Rap, der die Wanderung in einen nächtlichen Zug durch die Gemeinde umdeutet.

Hier gibt es viele Facetten zu entdecken: „Die Gedanken sind frei“ als unterkühlten Reggae, der „Bi-Ba-Butzemann“ wird doppeldeutig aufgemischt und swingt enorm, der „Gelbe Wagen“ erhält mit Gastsängerin Sam Leigh-Brown einen mitreißenden Soulgroove. Posaunist Nils Landgren entdeckt die feine Komplexität in den Tonintervallen von „Auf einem Baum ein Kuckuck“.

Und so verpufft die anfängliche Provokation. Hier treffen nicht zwei unverträgliche Welten aufeinander. Hier gelingt es der Band, ein von vielen als museal aufgegebenes Material so aufzubereiten, dass man staunend fragt, warum das erst jetzt passiert.

Jazzkantine spielt Volkslieder (Polydor/Universal).

12.5. Jazzfestival Wiehl (bei Bonn), 25.5. Hamburg, Elbjazz, 26.5. Düsseldorfer Jazz Rally, 21.6. Kieler Woche, 19.7. Dortmund, Strobels Live Sommer Open Air,

http://www.jazzkantine.de

Quelle: wa.de

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