Alfred Fischer, Architekt des Ruhrgebiets, in Hamm

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Ansicht der Zeche Sachsen um 1925: Das Kesselhaus mit den Schornsteinen (links), die langgestreckte Maschinenhalle (dahinter) und die Fördermaschinenhäuser links und rechts vor der Halle, zu sehen in Hamm. ▪

HAMM–Die Zechenarbeiter nahmen den Seiteneingang. Dabei hatte Alfred Fischer seiner Maschinenhalle eine mächtige Doppeltreppe aus Backstein verpasst. Sie lässt an herrschaftliche Villen denken. Von Achim Lettmann ▪

Für die Zeche Sachsen war das ein symbolisches Bauelement, das nachweist, wie entschieden nach einer Formensprache für Industriebauten gesucht wurde. Alfred Fischer (1881–1950) zählte zu den stilbildenden Baumeistern, wie Peter Behrens (AEG-Turbinenhalle) und Walter Gropius (Faguswerk). Von 1912 bis 1923 errichtete Fischer die Zeche Sachsen im Hammer Norden (Heessen). Das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm widmet ihm eine Ausstellung, die ab Sonntag zu sehen ist: „Kohle und Kunst. Alfred Fischer und die Zeche Sachsen.“

Die Schau stellt das Schaffen des Architekten neben das Leben der Bergarbeiter. So wird ein zeitweise vergessener Architekt gewürdigt und gleichzeitig an die lange Bergbaugeschichte der Stadt Hamm erinnert. Zeche Sachsen (1912-76) war die vierte und letzte Zechengründung in der Lippestadt. Das Bergwerk-Ost im Stadtteil Wiescherhöfen, früher Zeche Heinrich-Robert, schließt am 30. September als eine der letzten Zechen im Revier.

Die Ausstellung geht in eine andere Zeit zurück. Der Bergbau boomte. Die Kohle war Hauptenergieträger im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Folglich wollte die Mansfelder Gewerkschaft einen effizienten Zechenbetrieb in Hamm errichten. Vor allem die Kohlenwäsche (1924), die größte ihrer Zeit in Europa, verband erstmals die Sortierung (Wäsche) der Kohle mit Sammelbunkern. Fischer gab dieser optimierten Maschine eine wundervoll expressive Gestaltung. Mit horizontal-kantigen Lisenen (Mauerbänder) gliederte er den massiven Eisenbetonbau wie ein Hochhaus.

Fischer hatte in Stuttgart (1900-04) bei dem Reformarchitekten Theodor Fischer studiert. Jutta Thamer, Kuratorin der Ausstellung, bezeichnet seine Bauleistungen bis 1933 als neoklassizistisch, expressionistisch und moderat modern. Fotografien und Videobilder zeigen Alfred Fischers Arbeit. Wie er für das Bismarck-Denkmal in Bingen einen Ruhmestempel mit Säulen (1910) vorschlug. Auch das Schachtgebäude auf der Schachtanlage Emil in Essen-Frillendorf (1913/18) repräsentierte im neoklassizistischen Stil. Fischer war auf Empfehlung nach Essen gekommen. Hier wurde er 1911 erster Direktor der neugegründeten Handwerker- und Kunstgewerbeschule, die ab 1928 Folkwang Schule hieß. Zu seinen Kollegen gehörten Max Peiffer-Watenphul (Maler), Albert Renger-Patzsch (Fotograf), Hein Heckeroth (Bühnenbildner), Max Burchartz (Grafiker) und Grete Willers (Malerin). 1933 wurde er von den Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt. Fischer baute modern, was die Nazis als „kultur-bolschewistisch“ diffamierten. Auch der Essener Baudezernent Ernst Bode musste gehen. Und im Museum Folkwang sollten fortan moderne Gemälde verschwinden. Nach dem Krieg fand Fischer keinen Anschluss mehr. Sein Sohn fiel 1940. Fischer starb 1950.

Es gibt keinen Werk-Nachlass, so dass für die Hammer Ausstellung bei Freunden und Zeitgenossen des Architekten recherchiert werden musste. Spuren seines Oeuvres finden sich in Kunst- und Bauzeitschriften. Trotz der schwierigen Quellenlage ist eine ansehnliche Schau gelungen, die Fischer als den Industriearchitekten des Ruhrgebiets ausweist. Die Präsentation „Kohle und Kunst“ gehört zum Ruhr.2010-Thema „Mapping the Region“ der 20 RuhrKunstMuseen. Alfred Fischer baute in Essen unter anderem das Verwaltungsgebäude des Ruhrkohlenverbands 1929 und eine kühl-moderne Reithalle (1932), in Gelsenkirchen das Hans Sachs Haus 1927, in Bönen den Förderturm der Zeche Königsborn 1928 sowie in Dortmund, Herne, Duisburg.

Und in Hamm. Von der Zeche Sachsen steht heute nur noch das Maschinenhaus (1914). Und wenn nicht die Steag die Energiebereitstellung für Zechen übernommen hätte, wäre wohl auch diese Halle abgerissen worden, sagt Markus Meinhold, Co-Kurator der Ausstellung. Zum Zechenleben ist eine Fotowand (1920-90) zu sehen: Kumpel mit Bierflaschen, Fußball, Knappenverein, Tauben und ein „Hauerbrief“. Objekte aus der Arbeitswelt sind unter anderem ein Manometer, Ausbaugeräte (Vanwersch-Kappe), Abbau-Hammer und eine Seilfahrttafel. Roswitha Sporreiter (61), die noch heute im Siedlungshaus (Mansfelder Str.) ihres Großvaters lebt, erzählt Lebensgeschichten, zu denen ein Videofilm läuft.

Drei Siedlungen baute Alfred Fischer für die Zeche Sachsen bis 1928. Sie wurden „westfälische Bergmannsiedlung“ genannt. In Teilen orientierten sie sich an ländlichen Vorbildern, ohne romantisch zu werden. Als Gartenstadt variierte Fischer verschiedene Haustypen mit Walm- und Steildächern, ließ kleine Plätze zu, schuf Torsituationen zu Siedlungsbereichen, setzte kompakte Mehrfamilien- und großzügigere Beamtenhäuser. Sie sind auch heute noch bewohnt.

Das letzte Gebäude auf Sachsen ist zum Veranstaltungsraum in Hamm geworden: die Alfred-Fischer-Halle.

Die Schau

Das bemerkenswerte Werk eines Architekten wird erkennbar, der in seiner Zeit für die Industrie vorbildliche Bauten schuf.

Kohle und Kunst. Der Architekt Alfred Fischer und die Zeche Sachsen im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm.

Eröffnung Sonntag, 28. März, 11.30 Uhr. Bis 27. Juni. di-so 10 bis 18 Uhr. Katalog 12,90 Euro. Tel. 02381 / 17 57 01

http://www.hamm.de

Quelle: wa.de

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