Alexandre Tharaud spielt beim Klavierfestival Ruhr

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Begeisterte mit Couperin und Ravel in Bottrop: Der Pianist Alexandre Tharaud. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ BOTTROP– Manchmal macht Alexandre Tharaud diese eigenartigen Gesten. Reißt zackig die Hände hoch. Stempelt behutsam einen Akkord, den er mit dem Oberkörper beschwert. Visiert mit dem Zeigefinger die Taste an. Zirkelt, den kleinen Finger auf der Klaviatur, mit der Hand eine halbe Drehung. Oder zieht mit dem Arm eine Schleife in die Luft.

Beim Klavierfestival Ruhr gastierte der 43-jährige Franzose in Bottrop mit Sonaten von Domenico Scarlatti (für die Einspielung erhielt er gerade einen „Echo“), Piècen von François Couperin (2007 nahm er ein tolles Album auf: „Le Tic Toc Choc“) und – damit verschränkt – Maurice Ravels „Le Tombeau de Couperin“ (1917). Ein atemberaubender Auftritt.

Tharaud spielt die für Cembalo komponierten Barockwerke auf einem modernen Flügel, und er wählt Stücke, die auf dem Instrument zum Klingen gebracht werden können. Mehr als das: Er erleichtert die Musik, dass sie fließt und schwebt. Selbst die düsteren Seiten von Ravels „Tombeau“, etwa die wühlende Toccata, sind bei ihm in ständiger Bewegung und fern von virtuoser Kraftmeierei.

Seine Interpretationen sind penibel durchgeformte, grazile Architekturen. Zehn Scarlatti-Sonaten spielt er – eine wundersame Vielfalt an Ideen und Gefühlslagen. Der Eigensinn des Italieners (1685–1757) wurde nicht vom Zeitgeschmack der Musikmetropolen geschliffen. Er wirkte fernab in Lissabon und Madrid in Diensten einer portugiesischen Prinzessin und späteren spanischen Königin. Seine Wahlheimat klingt hier und da an: So klackern die rasanten Repetitionen der d-Moll-Sonate (K 141) wie Kastagnetten. Sanft perlt hingegen das d-Moll in K 9. Die Musik kann auch toben: Tharaud durchquert die Steinway-Tastatur mit rigorosen Würfen, lässt dann ein wenig Swing torkeln (K 3, a-Moll). Das inszeniert er nicht als Augenblicks-Eingebung; seine Interpretationen stellt er ganz in die Musik, die er mit Präzision behandelt – seine gelegentlichen Gesten gehören dazu. Selbst wenn die Melodie sich in zierlichen Umspielungen zu verlieren scheint: Sie bleibt durchhörbar, jedes Werk ist als Ganzes verstanden.

Das Rationale in Tharauds Musizieren, das auch daher rühren kann, dass Scarlatti seine Sonaten als Übungsstücke schrieb, gibt es auch im zweiten Teil. Tharaud erkundet die Bezüge zwischen Couperin und Ravel, die dieser im Titel seines Werks ankündigte: „Das Grabmal Couperins“.

Doch Tharaud lässt jede Didaktik verdunsten in der zauberischen Lyrik Couperins und ihrer Aneignung durch Ravel. Da säuselt das „Glockenspiel“ (Le Carillon de Cythère), als würde es vom Wind bewegt – und entschleunigt den ruhigen Puls des Menuet von Ravel. Dessen strenge dreistimmige Fuge antwortet hier auf Couperins majestätische La Logivière (Die Eins). Die Artistik aus Couperins „Tic-Toc-Choc“ mit ihren ständig über- und voreinander huschenden Händen findet Tharaud in Ravels Rigaudon wieder.

Gerahmt wird dieser Dialog von Couperins Pièce „Les barricades mystérieuses“ (Die geheimnisvollen Barrikaden). Es glimmt und wallt im halbtiefen Register, als erklinge eine Gambe. Wenn Tharaud so spielt, ist schönere und beseeltere Musik kaum vorstellbar.

Quelle: wa.de

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