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Alexander Camaro wird im Kunstforum Hermann Stenner in Bielefeld ausgestellt

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Von: Achim Lettmann

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Ausstellungsansicht im Kunstforum Hermann Stenner in Bielefeld
Ausstellungsansicht im Kunstforum Hermann Stenner: „Alexander Camaro: Die Welt des Scheins“ © Ingo Bustorf

In den 70/80er Jahren war er in der Kunstszene bekannt: Alexander Camaro. Nun stellt das Stenner-Forum in Bielefeld diesen Tänzer, Theatermenschen, Artist und Künstler vor.

Bielefeld – Wer kennt noch diesen Tänzer, Theatermenschen und Künstler? Alexander Camaro (1901–1992) war Professor für Zeichnen, Malen und Komposition an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. Er ist in der Sammlung der Neuen Nationalgalerie mit seinen Werken vertreten und hatte in den 70/80er Jahren einen eigenen Raum in der Berlinischen Galerie. Weshalb er eine Künstlerpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts war, und warum er in Vergessenheit geriet, thematisiert das Kunstforum Hermann Stenner nun in Bielefeld.

Vor allem zeigt die Ausstellung „Alexander Camaro: Die Welt des Scheins“ mit 100 Gemälden und 30 Papierarbeiten das Oeuvre des gebürtigen Breslauers, der in Kriegszeiten sein Frühwerk zu großen Teilen verloren hatte. In Bielefeld machen feinstrukturierte Zeichnungen wie „Mühlrad im Schnee“ (1950) und „Der Zauberer“ (1983) im Eröffnungsraum des Stenner-Forums auf die intuitive Bildfindung Camaros aufmerksam. Während das abstrahierte Mühlrad seinem Zweck entfremdet ist, lässt der Zauberer ein Tuch fliegen, als wolle er etwas beschwören, was den Künstler antreibt: ein Gefühl sichtbar machen. Diese Aufgabe stellte sich Camaro auch in seinen späten Jahren. Das Gemälde „Leuchtender Nebel – Spuren“ (1989) ist eine vereinfachte Parkansicht, die auf ein Foto aus den 1920er Jahren zurückgeht, als der junge Mann im Südpark von Breslau (heute Wroclaw) Schlittschuh lief. Fußspuren im Bild erinnern an seine Bewegungen auf dem von Bäumen geschützten Teich. Mit einer Sprühflasche machte Camaro ein sehr persönliches Gefühl atmosphärisch sichtbar, das im Originalbild schimmernd glänzt. Camaro war auf „Seelenspiegelungen“ aus.

Nicht immer einfach. Sein Gemälde „Florettfechter I“ (1950–53) zeigt zwei Figuren. Visiere verbergen ihre Gesichter. Der Künstler war nach 1945 unsicher: Wer begegnete ihm, wer will seine Nazi-Zeit verschleiern?

Camaro hatte ab 1940 im Fronttheater mit Liselore Bergmann Soldaten unterhalten. Vorher trat er in Berlin als Pantomime, Kabarettist, als Ballettmeister, sowie als Gruppen- und Solotänzer auf. Ab 1944 tauchte er unter und versuchte 1945 in Kleinmachnow bei Berlin als Maler bekannt zu werden. Camaro hatte seine fünfzehnjährige Tochter Jadwiga bei sich, aus der Beziehung mit der Tänzerin Gisa Ley. In großer Not schloss er sich ein und schuf in einem Arbeitsprozess den 19-teiligen Zyklus „Das hölzerne Theater“ (1946). Die farbstarken und lyrischen Bildtableaus erinnern an eine universelle Bühnenwelt, die nach Kriegsende sehnsüchtig aufgeladen war. Die Galerie Paul Rosen stellte den Zyklus aus. Der Künstler wurde schlagartig bekannt.

Fortan entwickelte Camaro seine Position entlang einer gestisch-abstrakten Kunst, ohne das Gegenständliche aufzugeben. Auf minimalistische Winterbilder („In der kahlen Stadt“, 1951) und vieltonigen Landschaftsabstrahierungen („Niemandsland“, 1952) folgten Naturbilder („Am Strom“, 1958), die mit feinflächigem Farbauftrag Erfahrungen am Wasser nachspürten, und rätselhafte Abstraktionen wie „Elath“ (1963/64), die altägyptische Hieroglyphen aufgriffen. Camaro selbst sprach von einer „Räudigkeit“ in seinen Bildern bis zu den 60er Jahren. Zwar thematisierte er keine Kriegserfahrungen, aber seine düstere Farbpalette und die ungefirnisten Oberflächen sind hier gemeint.

Camaro war ein Einzelgänger in der Kunst und eine Persönlichkeit im Berliner Hochschulbetrieb. Er lehnte Denkschulen und Künstlergruppen ab. Der aufkommende Kunstmarkt interessierte ihn nicht, Galeristen misstraute er. Er stellte regelmäßig aus, aber verkaufte selten seine Bilder. „Er war kostspielig“, sagte Paula Anke von der Alexander und Renata Camaro Stiftung in Bielefeld. Die Nichte von Camaros zweiter Frau Renata weiß, weshalb der Künstler heute nur wenig bekannt ist.

Das Kunstforum Hermann Stenner will das ändern. Dieses Anliegen gehört zum Konzept des Hauses, sagte Direktorin Christiane Heuwinkel in Bielefeld. Die Camaro-Stiftung in Berlin sichert seit 2009 rund 800 Gemälde und 2000 Grafiken. Eine zweite Station der Ausstellung ist in Erfurt geplant.

Das Interesse im Osten geht auf Camaros Zeit in Gotha zurück. 1934 war er Ballettdirektor am Stadttheater. Er wohnte auf Schloss Friedenstein, wo er das historische Ekhof-Theater entdeckte. Die barocke Bühne aus Holz – die Kulissenmaschine funktioniert bis heute – inspirierte ihn 1946 zum Theater-Zyklus. Seine Karriere als Maler begann. 1955 war er auf der documenta 1 in Kassel vertreten, als Künstler der klassischen Moderne. 1959 zeigte die documenta 2 Camaro als Avantgardisten der Gegenwart.

Alphons Bernhard Kaczmarofski, 1901 in Breslau geboren, war ein Multitalent. Ab 1920 studierte er an der Staatlichen Akademie in Breslau bei dem Expressionisten Otto Mueller, zeitgleich nahm er am Konvervatorium Violinen-Unterricht. Er nannte sich Alexander Kamaroff. Sein Vater war Pferdeknecht im Lunapark, wo Jahrmärkte stattfanden. Der 16-Jährige schloss sich zeitweise einer Artistengruppe an und wurde Hochseilakrobat.

Mit seinen frühen Bildern verortete er sich in diesem Milieu. Seine Visualisierungen haben oft etwas Melancholisches. In der Zeichnung „Thespiskarren“ (1919) zeigt sich der 18-Jährige in einem Planwagen mit Schaustellern, die ins Ungewisse fuhren: Was bringt der Tag? Seine „Zirkusreiterin mit Schimmel“ (Pastell, 1918/19) gibt einen Moment aus der Manege wieder und „Bordell III“ (Passtell, 1919) ist eine diffuse Träumerei mit Damen in rot-brauner Farbigkeit.

Nach dem Ende seines Kunststudiums wurde Camaro Schüler der Ausdruckstänzerin Mary Wigman in Dresden. 1931 tanzte er bei den Salzburger Festspielen. 1932 traf er seine Partnerin Liselore Bergmann bei einem Engagement in der Berliner Volksbühne.

Camaro, der aus einfachen Verhältnissen stammte, behielt seine Bilder gern bei sich. Sein Professorengehalt reichte ihm. Er musste nichts verkaufen.

Bis 26. 2. 2023; mi – fr 14 – 18 Uhr, sa/so 11 – 18 Uhr, Heiligabend und Silvester geschlossen; Tel. 0521/800 6600; Katalog im Hirmer Verlag, München 29,90 Euro; www.kunstforum-hermann-stenner.de

Zweite Ausstellungsstation: Angermuseum in Erfurt 26.3. bis 18.6. 2023.

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