Alex Katz im Dortmunder U: „Der perfekte Augenblick“

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Kühl kalkuliertes Spiel mit Gefühlen: Alex Katz‘ Lithographie „Blue Umbrella“ (1979/80). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Ungerührt blickt die Schöne an uns vorbei, an den Betrachtern der Lithographie „Blue Umbrella“. Den blauen Schirm zeigt uns Alex Katz ebenso wie die dicken Regentropfen. Das Gesicht der Frau verschließt sich vor dem Betrachter. Kein Gefühl. Wäre da nicht der Tropfen, den der Künstler genau unter das rechte Auge setzte, als wäre es eine Träne. Alles ist Fläche an diesem Blatt, Oberfläche. Und doch vermittelt uns das Bild eine unerklärliche Melancholie.

Das Museum Ostwall zeigt in der Ausstellung „Der perfekte Augenblick“ rund 170 Werke des US-Künstlers. Das Institut hat seit dem Umzug ins Dortmunder U am Ende des Kulturhauptstadtjahrs seine Aktivitäten beinahe eingestellt, wohl weil die Stadt es nicht allzu üppig ausgestattet hat. Mit dieser Schau hat es die Chance, mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, was ein Museum seines Zuschnitts zweifellos verdient.

Katz, 1927 in Brooklyn geboren, wird oft zu den Pop-Künstlern gezählt, was seinem Ruhm nicht schadet. In den letzten Jahren entdeckt ihn auch die Museumsszene in Deutschland, 2002 die Bundeskunsthalle in Bonn, 2009 das Museum Kurhaus in Kleve. Verglichen mit Lichtenstein, Warhol und Co gehört er zu den Stillen. Selbst wo er mit kräftigen Farben arbeitet wie im Siebdruck „Red Coat“ (1983), sind seine Kompositionen ruhig. Man sieht in extremer Nahsicht ein Frauengesicht, eingebettet in grelles Rot in verschiedenen Tönen: Hut, Regenmantel, Hintergrund. Er reagiert auf die allgegenwärtigen Bilder der Moderne: Plakate, Film, Anzeigen und Illustrierten. Aber er dimmt sie herunter, kühlt sie ab. Ein Blatt wie „Gray Day“ wirkt wie ein Film-Still: Das Querformat, mehr als 1,80 m breit, zeigt in Nahsicht den Kopf einer Frau, die eine Sonnenbrille trägt und den Betrachter anschaut. Ein Moment, aber aufgeladen mit Spannung. Man stellt sich vor, wie die Kamera weiterschwenkt.

Zwei Hauptthemen bestimmen die Dortmunder Ausstellung: Porträts und Landschaften. Den Kern bildet ein Komplex von oft extrem großformatigen Grafiken aus dem Besitz der Wiener Albertina, angereichert um rund 30 Gemälde und Zeichnungen. Hinzu kommen „Cut-Outs“, bemalte oder bedruckte Alu-Scheiben, die an den Silhouetten der Figuren ausgeschnitten sind, so dass das Bild frei im Raum steht.

Katz reizt die Möglichkeiten des Drucks aus, wie „Brisk Day“ (1990) zeigt: Drei mal sieht man ein nahezu identisches Motiv, wieder eine Frau im roten Mantel. Aber man muss schon ganz genau hinschauen, um die fast schwarzen Augenbrauen in der Aquatinta-Radierung von den eher braunen im Siebdruck zu unterscheiden. Selbst die Holzschnitt-Fassung arbeitet ohne die sprichwörtlichen harten Kontraste und bietet in der Kinnpartie weiche Schattierungen.

In den 1960er Jahren verstand Katz seine Grafikblätter als „surrogate image“, als Ersatzgemälde. Er übersetzte gelungene Werke ins andere Medium. Insoweit ist der Vergleich zwischen Malerei und Grafik aufschlussreich – leider allerdings fehlen Beispiele eines Motivs in beiden Fassungen. Gleichwohl kann man den handwerklichen Umgang mit den Drucktechniken sehr gut verfolgen. Die Kuratorin der Dortmunder Schau, Nicole Grothe, verortet Katz zwischen dem Pop-Künstler Warhol und dem abstrakten Expressionisten Jackson Pollock, beides Generationsgenossen des Künstlers. Und es gibt beide Pole: die plakative Zuspitzung einer Oberflächen-Gegenständlichkeit und die abstrahierenden Tendenzen. Beim Linolschnitt „Harbor“ (2008) ist praktisch die komplette Fläche grau eingefärbt. Nur einige weiße Flecken sind ausgespart, die als Boote in einer Linie stehen. Schon frühe Blätter wie „Red Sails“ und „Provincetown: Late Afternoon“ (1973/74) arbeiten mit solchem Minimalismus. Und das Aquatinta-Blatt „Forest“ (1992) erinnert mit seiner ausschnitthaften Über-Alles-Struktur aus Tupfen und Linien in Grün, Gelb und Grau auf grünem Grund an die Seerosenbilder Monets.

Katz' Bezugsgrößen sind die französischen Impressionisten, neben Monet auch Bonnard. Dann wieder erkennt man die japanischen Holzschnitt-Meister als Inspiration, in atmosphärisch verdichteten Landschaften wie „Luna Park“ (1965), „Swamp Maple“ (1970), „Black Brook“ (1990), aber auch in der poetischen, reduzierten „Pamela“ (1976) mit den bewegten Haarsträhnen. Der Titel der Schau knüpft dort an: Katz sucht Momente einzufangen, in denen alles stimmt. Man schaue sich die beiden Fassungen von „Boy with Brunch“ an, die durch die Farbgebung völlig verschieden temperiert sind. Vielleicht ist er so etwas wie ein Pop-Impressionist.

Die Schau

Umfangreiche Werkschau eines modernen US-Klassikers: Alex Katz – Der perfekte Augenblick im Museum Ostwall im Dortmunder U. Bis 9.4., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0231/ 50 23 247, www. museumostwall.dortmund.de

Katalog 20 Euro

Quelle: wa.de

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