Aktionskunst von Katarzyna Kozyra im Schmela-Haus

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Skurril und unerwartet: Requisiten für eine Videoarbeit von Katarzyna Kozyra, zu sehen im Schmela-Haus in Düsseldorf. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DÜSSELDORF–Das Schmela-Haus in der Düsseldorfer Altstadt ist leicht zu übersehen. In einer Seitenstraße hinter der Kunsthalle gelegen, weist wenig auf seine Tradition als einer der großen Kunstorte der Stadt hin.

Der Galerist Alfred Schmela präsentierte dort seit 1971 Künstler wie Yves Klein, Joseph Beuys und Gerhard Richter; viele gingen in den Räumen hinter der unscheinbaren grauen Fassade ein und aus. Seit 1999 dient das Haus als Dependance der Kunstsammlung NRW, doch die verwinkelten Räume gelten als eine Herausforderung für Künstler. Die polnische Video- und Installationskünstlerin Katarzyna Kozyra bespielt diesen Ort nun mit Sinn für Ironie und Provokation.

Der Eingang zur Ausstellung wird von einem überdimensionalen Pilz verstellt. Wer eintreten will, muss seinen Weg ändern und durch die Seitentür gehen. Bereits dieser Türstopper lässt die Freude der Künstlerin am Verwirrspiel spüren. „Master of Puppets“, also in etwa „Strippenzieher“, heißt die Schau und dieser Titel spielt auf Kozyras Vorliebe für märchenhafte Symbole, Verkleidungen und Skurriles an. So bläst sie mancherlei Dinge überdimensional auf, anderes ist auf Puppenhausgröße geschrumpft. Doch Kozyra spielt eben nicht nur mit diesen Geschichten, sondern wirkt stets eben auch als Strippenzieherin, die Themen setzen und provozieren will.

Im Untergeschoss des Schmela-Hauses ist die Videoinstallation „Men‘s Bathhouse“ zu sehen. Sie bescherte der Künstlerin 1999 bei der Biennale in Venedig eine Auszeichnung und die damit verbundene öffentliche Aufmerksamkeit. Bei einem Besuch in der berühmten Budapester Gellert-Therme wollte Kozyra erfahren, wie sich Männer verhalten, wenn sie sich „ganz unter sich“ wähnen. Um sich unauffällig unter die schwitzenden Thermenbesucher zu mischen, wurde ihr Körper mit Genitalattrappen und dunklen Haaren versehen; ein großes, über die Schultern gelegten Handtuch verdeckte die Brust. Die heimlich aufgenommenen Videos dieses Experiments sind wunderbar: Sie zeigen Männer, die ohne jede Scham ihre nackten Körper präsentieren, vollkommen entspannt ihre Bäuche vor sich her tragen und mit breitbeiniger Haltung auch in der Sauna ihre Macht demonstrieren – während Kozyra mit ihrer Maskerade unsicher auf der Bank hin und her rutscht.

Katarzyna Kozyra, 1963 in Warschau geboren, gilt als eine der wegweisenden polnischen Künstlerinnen. Ihre Videoarbeiten und Performances, aber auch ihre Skulpturen gaben der zeitgenössischen Kunst entscheidende Anstöße. So erinnert eine fast unscheinbar wirkende Tierpyramide aus Draht an Korzyras damals skandalöse Diplomarbeit an der Kunsthochschule. Sie ließ in Erinnerung an die Bremer Stadtmusikanten die Körper eines Pferdes, Hundes, Katers und Hahns ausstopfen, um die Scheinheiligkeit im Umgang mit Tieren anzuprangern – und löste eine große Diskussion um die moralischen Grenzen von Kunst aus.

Im Düsseldorfer Schmela-Haus erlebt man Katarzyna Kozyra als eine von Neugier und Selbstreflexion angetriebene Künstlerin. Mit dem Projekt „The Midget Gallery“ unternahm die Künstlerin einmal mehr ein ganz praktisches Experiment. In diesem Fall, um die Mechanismen des Kunstmarktes zu entlarven. Sie schickte eine Gruppe kleinwüchsiger Männer in Lederhosen, Trachtenhüten und amateurhaften Werbeschildern für eben jene „Zwergengalerie“ in die coole Kunstwelt: auf die Art Basel, die Londoner Frieze Art Fair und auch die Berlin Biennale 2006.

Die Videos dieser seltsamen Auftritte führen vor, nach welch engen Regeln die Kunstszene funktioniert und wie klein der Spielraum für Abweichungen von der gängigen Ästhetik ist. In London wurden die Protagonisten der Kunstaktion von der Messe verwiesen, in anderen Städten wurden ihre Auftritte von befremdlichen und geradezu angstvollen Blicken der Galeristen, Künstler und Besucher begleitet.

Katarzyna Kozyra liebt das Widerspenstige und das vermeintlich Uncoole. Auf einem großen Gemälde versammelt sie die „Zwerge“ inmitten von Stars wie Joseph Beuys, Damien Hirst und Marina Abramovic. Gemeinsam demonstrieren sie für die Kunstrevolution.

Master of Puppets im Schmela-Haus Düsseldorf. Bis 10. März 2013. di-fr, 10-18 Uhr, sa-so, 11-18 Uhr. http://www.kunstsammlung.de

Quelle: wa.de

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