Aktionskunst mit „hacking the city“ in Essen

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Aufruf zum Streik: Das Künstlerduo M+M fährt durch Essen und unternimmt die Aktion „Call Sciopero“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Sie sind mit einem Fiat 500 unterwegs. Baujahr 1964. Das Künstlerduo M+M hat diesen grauen kleinen Oldtimer restauriert, um mit ihm zum Streik aufzurufen.

„Call Sciopero“ heißt ihre Kunstaktion, die derzeit im Essener Stadtgebiet stattfindet. Sie hätten Essen gewählt, weil es hier viel Verwaltung gibt und große Firmen wie Hochtief, RWE und die Deutsche Bahn ansässig sind, sagte Marc Weiss im Museum Folkwang. M+M sind Teil des mehrschichtigen Projekts „Hacking the City“. Zusammen mit Martin De Mattia verlängert Weiss eine Sequenz aus Michelangelo Antonionis Film „Die rote Wüste“ (1964, mit Monica Vitti). In dem ersten Farbfilm des italienischen Regisseurs ist ein grauer Fiat 500 zu sehen. Der Streikaufruf ist eine utopische Implikation des Films. Dieser Moment wird auf den Stadtfahrten in Essen erprobt. Für M+M war ein Motiv für die Aktion die persönliche Erfahrung, dass man gegen etwas Position bezieht, rebelliert, aber bald erkennt, dass man nicht dagegen ankommt.

„Hacking the City“ bringt 13 Künstlerinnen, Künstler, Web-Designer, Street-Artisten und Musiker nach Essen. Sie reagieren auf die Konsumkultur, die Werbehoheit der Konzerne, die privatisierte Umnutzung des öffentlichen Raums und die demokratische Gleichgültigkeit, die unser politisches System zunehmend erlahmt. Sie gehen diesen Eingriffsmechanismen nach. Mit dem Computerbegriff des „Hacking“ wird eine Deformation beschrieben, die unsere Kultur stört, verändert. Die Projekte haben im Museum Folkwang eine „base station“, einen Ausgangspunkt und eine Ausstellung zugleich. Sie dokumentieren teilweise diese Veränderungen bzw. zeigen, was im öffentlichen Raum schon gescheitert ist. Zum Beispiel zeigte eine Aktion der Mediengruppe Bitnik aus Zürich, wie dicht die Essener Innenstadt bereits von Kameras überwacht wird. Bitnik rüstete eine Gruppe Freiwilliger mit Geräten aus, die die Signale von Überwachungskameras aufnehmen. Dann wird auf die Kamera ein eigenes Signal geschickt und ein Umkehr-Angebot gemacht. Bitnik fordert zu einem Schachspiel mit der Kontrollinstanz auf. „Chess for CCTV Operators“ heißt die Aktion.

Bis zum 26. September finden noch verschiedene Aktionen zu „Hacking the City“ statt. In der Ausstellung („base station“) werden alle Teilnehmer vertreten sein. Von Georg Winter waren Aktionen auf Video zu sehen: „Graffiti-Restaurierung“ und „Aufwärmtraining für den Fäkaltanz“. Das zweite Video ist herrlich grotesk, weil Winter die Bewegungsfolgen vorführt, die notwendig sind, sich von Hundekot zu befreien, wenn man reingetreten ist: Schuhe auf dem Asphalt abstreifen, an einem Straßenschild säubern, abschütteln. Mittlerweile wird seine Aktion „Augentrost-Ambulanz“ als Video im Museum gezeigt. Winter wollte mit einer Augenspülung den Besuchern helfen, um eine mögliche Reizüberflutung der Augen und des Nervensystems zu begegnen.

In der „base station“ im Museum Folkwang werden Arbeiten von teilnehmenden Künstlern gezeigt und nach einiger Zeit auch gewechselt.

Jörg Steinmann, der seit 1999 Klang-Performances im öffentlichen Raum unternimmt, hat in Essen mit Passanten gearbeitet („Give your Sound replay“). Was sie in der Essener Innenstadt am letzten Wochenende aufgeführt haben, soll Ende der Woche im Museum präsentiert werden, sagt Sabine Maria Schmidt, die „Hacking the City“ kuratiert. Vorher seien bereits erste Videos zu den Aktionen auf der Homepage zu finden.

Aktionen

Bis 26. September sind noch Aktionen und Projekte von elf Künstlerinnen und Künstlern in Essen geplant. Ausgangspunkt ist das Museum Folkwang. Infos zu den Aktionen unter

http://www.hackingthecity.de

Nächster Termin: Künstlergespräch mit Boran Burchhardt am 6. August um 19 Uhr im Karl Ernst Osthaus Saal im Museum Folkwang („die gesetzliche Grauzone der medizinischen Versorgung von Menschen ohne Papiere“).

Quelle: wa.de

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