Aktionskünstlerin Nadja Verena Marcin in Dortmund

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Schräges Objekt: Der „Crazy Car“ von Nadja Verena Marcin ist im Kunstverein Dortmund zu sehen. ▪

Von Marion Gay ▪ DORTMUND–Eine nackte Frau liegt im Wald, halb versteckt hinter einem Baumstamm, umgeben von Blattwerk. Ihre Haare sind zerzaust, die Augen geöffnet. Ein Mordopfer? Oder einfach nur Eva im Paradies, wie der Titel der Fotografie „Eve“ (2005) suggeriert?

Unter dem Titel „Action Manual Vol. I / II“ zeigt die in Dorsten und New York lebende Künstlerin Nadja Verena Marcin verstörende Videoarbeiten und Fotografien im Dortmunder Kunstverein. Die Ausstellung, Marcins erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland, ist ein Kooperationsprojekt mit der Werkstatt Bleichhäuschen Rheda-Wiedenbrück und dem Skulpturenmuseum Glaskasten in Marl.

In ihren Performances stellt sich Marcin Situationen, die ihr Angst einjagen. So begibt sich die zierliche Künstlerin im schwarzen Gymnastikanzug mit Deutschlandbanderole um den Hals in eine litauische Kneipe. Das Video „Are you lonesome tonight“ (2009) zeigt ihre provokanten Versuche, mit den angetrunkenen Gästen in Kontakt zu treten, indem sie vor ihnen herumtänzelt und ihnen ein fiktives Mikrofon unter die Nase hält. Dazu ertönt Elvis‘ Knastsong „Jailhouse Rock“, der in der Untertitelung zum „Artistic Rock“ wird. Marcin hat den Text so geändert, dass er zu einer Reflexion über ihre Künstlerfreunde wird. Am Ende ihrer persönlichen Mutprobe wird die zappelnde Künstlerin vor die Kneipentür gesetzt.

In ihrer vierteiligen Fotoarbeit „No Country“ (2009) stellt die 30-jährige Künstlerin mit verschiedenen Männern vor einer Tropenkulisse Posen aus dem Kamasutra nach. In Interaktion mit einem Japaner trägt sie Oberteil und Rock in den japanischen Landesfarben, ein rot-schwarzes Outfit zusammen mit dem Deutschen in goldgelber Badehose. Immer blickt sie unbeteiligt aus dem Bild heraus. Sie wirkt dabei genauso verloren wie auf dem Foto „Man“, das sie in rotem Höschen in den Armen einer monumentalen Steinfigur zeigt. Ein bisschen wie ein kleines Mädchen, das zum Spielen auf die Skulptur geklettert ist. Gleichzeitig denkt man an King Kong, der die Frau fest im Griff hält.

Marcins Arbeiten lassen sich als postfeministische Statements lesen. Als weibliche Identitätssuche in einer übersexualisierten Welt mit ihren Projektionen und Erwartungen an die Frau.

Gleichzeitig nimmt Marcin die Rolle der Jugendlichen ein, die den Einstieg in die Erwachsenenwelt nicht schafft. Deutlich wird das vor allem in ihrem Kurzfilm „Kids“ (2011/12), der in New York gedreht wurde. Marcin sieht aus wie ein verstörtes Kind inmitten der Gruppe junger Leute, die beim Diebstahl von Alkohol, beim Drogenmissbrauch und in sexuellen Situationen zu sehen sind. Ihre Arbeit zitiert den Kultfilm „Kids“ von Larry Clark, der die Verbreitung von Aids unter Minderjährigen thematisiert. Original und Remake zeigen ähnliche Figurenkonstellationen, zusätzlich orientiert sich Marcin an Kameraeinstellung und Setting des Originals. Der Film erzählt von Vereinsamung, Außenseitertum und dem Wunsch, dazuzugehören. Am Ende fährt ein rotgepolstertes Auto durch die nächtlichen Straßen von New York und die Künstlerin taucht aus der Dunkelheit auf. Sie schreit.

Bis 22.12., di – fr 15 – 18, so 11 – 16 Uhr,

Tel.  0231/ 578 736, www. dortmunder -kunstverein.de

Quelle: wa.de

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