Abschiedsvorstellung für Jan Hoet in Ostende: Ausstellung „La Mer/ De Zee“

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Ein frommer Rahmen für die Natur: Kris Martin stellte seinen „Altar“ (2014) an den Strand von Ostende.

Von Ralf Stiftel OSTENDE - Das Meer kann in den verschiedensten Gestalten auftreten. Gustave Courbet malte 1869 die „Welle“, die sich an den Felsen vor der Küste der Normandie brach. Natürlich ist dies eine realistische Ansicht der Natur. Zugleich bietet der Maler reine Bewegung und das nuancenreiche Spiel mit einer reduzierten Farbpalette aus Blau-, Grün- und Brauntönen. Courbets Gemälde ist im Mu.Zee in Ostende zu sehen, in der Ausstellung „La Mer/De Zee“.

Die opulente Schau spannt mit Werken von 125 Künstlern den Bogen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Und zugleich ist es ein Abschied von Jan Hoet (1936-2014). Der charismatische Kurator wurde spätestens als Leiter der documenta IX 1992 in Kassel weltberühmt. Aber schon vorher hatte er als Gründungsdirektor des ersten Museums für zeitgenössische Kunst in Flandern, des S.M.A.K. in Gent, und mit Ausstellungen wie „Chambre d’amis“, die Kunst in Privaträumen präsentierte, die Kunstszene geprägt. Einen Ruhestand kannte er nicht: 2003 wurde er Gründungsdirektor des Museums Marta in Herford. Der Ausstellungsmacher hatte das Konzept noch selbst entwickelt, starb aber vor einem Jahr, mitten in den Vorbereitungen. Das Team um Phillip Van Den Bossche, Direktor des Mu.Zee, hat die Ausstellung vollendet. Es wurde zugleich eine Hommage, ein „Salut d’honneur“.

Ausstellungen von Hoet versuchten immer, einzelne Werke zu einer größeren Erzählung zu kombinieren. Dabei erwies er sich auch als Grenzüberschreiter, der sich um Epochen. All das zeichnet auch das Projekt in der Stadt an der belgischen Küste aus. Und es liegt ja nah, dem Sehnsuchts- und Schicksalsort Meer in der Kunst nachzuspüren. Die Ausstellung beschränkt sich nicht aufs Museum, sie greift aus in die Stadt. Am Bahnhof empfängt die Besucher eine monumentale Arbeit: John Baldessari hat die Fassade mit einem Plakat versehen, das die See und eine Palme zeigt, über denen eine Wolke schwebt – in Hirnform. Die schön absurde „Brain/Cloud“ ermuntert uns, Kreativität zu wagen.

Das reale Meer, das in Ostende so nah ist, tritt in die Kunst ein. Man sieht am Strand einen Metallrahmen. Kris Martin hat den Umriss des Genter Altars im Originalformat nachgebaut. Der Betrachter findet darin nicht das überirdische Geschehen um das Lamm Gottes, wie es die Brüder van Eyck im 15. Jahrhundert malten, sondern blickt auf das Meer. Was auch seinen Reiz hat.

An der Promenade steht das Thermae Palace Hotel, das einst richtig mondän war. Ein ungenutzter Seitenflügel dient der Kunst. Hier sieht man eine Wand mit 15 Meeresbildern, die der deutsche Konzeptkünstler Hans-Peter Feldmann auf Flohmärkten kaufte. Die Echos von Courbet, weit weniger raffiniert gemalt, fordern das Urteil des Betrachters: Kunst oder Kitsch? Hier läuft ein Musikvideo der „Van Jets“ mit wilden nächtlichen Badeszenen. Hier hört man Jan Hoets Stimme in Vaast Colsons Klangskulptur „Atop The Capstan“, bei der ein Akkordeon auf ein Steuerrad montiert ist und im Kopfhörer Musik läuft, die aus Sätzen des Kurators montiert wurde.

Wenn man in die „Grote Post“ geht, das zum Kulturzentrum umgewidmete alte Postamt, erlebt man nach einer Fahrstuhlfahrt Rodney Grahams wandfüllende Lichttafel „Lighthouse Keeper with Lighthouse Model“ und man fühlt sich wirklich wie in einem Leuchtturm.

Aber die Schau hat schon ihr Zentrum im Mu.Zee, wo sich die Werke aus zwei Jahrhunderten und aus verschiedensten Stillagen wild mischen. Gerade noch bewundert man Wim Delvoyes stählernen Nautilus-Pokal, dessen Naturrundung in das Spitzengeflecht gotischer Architekturbögen aufgelöst ist. Wenige Schritte weiter steht das Schiffsmodell „General Ponsonet“, das der 1957 geborene Schweizer Outsider-Künstler Francois Burland aus Konservendosen, Holzkisten und Flaschendeckeln gebaut hat. Eine fast abstrakte Marine von William Turner („Three Seascapes“, ca. 1827) ist mit dem „Albatros“ von Jannis Kounellis konfrontiert, einem Relief aus Stahl und Bootsresten. Manchmal erschließt sich der Meeresbezug nicht sofort, wie bei Anselm Kiefers Stapel aus bleiernen Folianten. Aber dann erblickt man das Schiffchen ganz oben, und die Arbeit hat den Titel „Naglfar (Die Argonauten)“.

Es ist wie schon in Jan Hoets documenta, wie in seinen thematischen Ausstellungen für das Marta in Herford: Wer hier zwingend einen roten Faden, eine Logik sucht, der hat verloren. Aber wer sich verzaubern lässt, wer sich den Ideen hingibt, die ihm die Bilder einflüstern, der verbringt eine angeregte Zeit. Und hier kann man überrascht werden. Von Jean Brusselmans wunderbar naivem Gemälde „Sturm“, das in zwei Fassungen (1936, 1938) hängt. Von seiner monumentalen Strandszene mit Badenden (1935). Man kann sich an Gustave de Smets neoexpressionistischem Gemälde „Seeadler“ (1926) erfreuen, auf dem kein Vogel fliegt, aber ein Matrose am Strand sich von einer nackten Schönen becircen lässt. Da steht natürlich ein überquellender Muscheltopf von Marcel Broodthaers. Und es gibt das Video „Watercolor“ von Francis Alys, der mit einem Eimer Wasser aus dem Schwarzen Meer schöpft, um es in das Rote Meer zu gießen. Eine vordergründig sinnlose Geste richtet den Blick auf den Nahen Osten, der immer noch von Kriegen erschüttert wird. Vielleicht sollte man lieber Wasser transportieren.

La Mer/De Zee im Mu.Zee und an verschiedenen Schauplätzen in Ostende. Bis 19.4., di – so 10 – 18 Uhr, z. T. abweichende Öffnungszeiten.

Tel. 0032/ 59/ 50 81 18, www.dezee-oostende.be,

Katalog (nl./fr.) 45 Euro, Kurzführer (nl./fr./dt.)7 Euro

Allg. Info: Tourismus Flandern, Köln, 0221 / 270 97 70

www.flandern.com

Quelle: wa.de

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