Abschied von Susanne Lothar: 23. Kinofest Lünen schließt mit Preisvergabe

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Missverständnisse: Chris (Susanne Lothar, links) und Kathi (Stephanie Stremler) in dem Film „Staub auf unseren Herzen“, zu sehen beim Kinofest Lünen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ LÜNEN–„Sie hatte mich am ersten Drehtag an die Wand gespielt“, sagte Stefanie Stremler über Susanne Lothar (1960–2012).

Die Schauspielerin, die mit ihren Charakterfiguren unvergessliches Klassekino wie „Das weiße Band“ (2009) ermöglichte, zeigte sich dann allerdings als Partnerin in dem Berlin-Film. Am zweiten Drehtag zu „Staub auf unseren Herzen“ nahm sie Stefanie Stremler beiseite. „Wir werden uns anfreunden, schlug sie vor“, sagte die junge Darstellerin beim Kinofest in Lünen. Und daraus entstand eine wunderbare Zusammenarbeit. Das Drama „Staub auf unseren Herzen“ von Hanna Doose verstrahlt trotz Familientrauma eine versponnene Leichtigkeit, die einen immer wieder Schmunzeln lässt. Denn irgendwie scheitern Mutter und Tochter ganz vorhersehbar am Leben, an Verantwortung, an sich selbst oder an den Männern, die mit Gitarren- und Puppenspiel eine poetisch-musische Hoffnung bieten. Regisseurin Hanna Doose hält das Chaos in einer bittersüßen Balance, wenn Chris (Lothar) ihrer Tochter Kathi (Stremler) den Sohn abspenstig macht, damit sich die junge Mutter auf ihre Castings konzentrieren kann. Die gehen alle herrlich daneben und persiflieren gleichzeitig die Kunst zu Schauspielern, Filme zu drehen und alles mit Liebe und Leben zu versöhnen. Lothar und Stremler zeigen eine zerbrechliche Mutter-Tochter-Beziehung. Ein feiner Film auf dem Kinofest, der bereits beim Festival in München (im Juli) prämiert wurde und im Januar in die Lichtspielhäuser kommt. Susanne Lothar ist in ihrer letzten Rolle zu sehen.

Gewonnen hat in Lünen den Hauptpreis Franziska Schlotterers „Ende der Schonzeit“. Die Lüdia (10 000 Euro) geht an einen Heimatfilm, der die letzten Kriegsjahre auf einem Schwarzwaldhof zeigt. Hier versteckt sich der Jude Albert. Eine Dreiecksbeziehung entsteht mit dem Bauer und seiner Frau. Franziska Schlotterer hat die Lüdia in der Cineworld entgegen genommen. Ab 14. Februar läuft ihr Film im Kino.

Spielerische Freiheiten hat sich das Team um Jan Georg Schütte genommen. „Leg ihn um!“ heißt ihre kuriose Komödie um einen gealterten Firmenchef, der seinen Kindern aufgibt, ihn umzubringen, damit sie an ihr Erbe kommen. Rabenschwarz fällt der Humor allerdings nicht aus, dafür hält sich „Leg ihn um!“ zu sehr mit dem Figurenpersonal auf. Die Kinder werden als verpeilte Erbschaftsclique porträtiert. Die Söhne schwul oder sadomaso, die Töchter bequem oder psychisch labil; Regisseur Jan Georg Schütte setzt auf Exzentrik, bleibt aber vor allem klischeehaft und ideenarm. Wer seinen Vater vergiften will, aber von den Vorkostern des alten Roms nichts weiß, der erscheint dilettantisch in der Spielszene. Leider hält sich dieser Eindruck, selbst wenn das Unbedarftsein Thema von „Leg ihn um!“ ist. Hans-Michael Rehberg (74), erstklassiger Theater- und Filmschauspieler, der zurzeit als Bischof Hemmelrath in der ARD-Reihe „Pfarrer Braun“ zu sehen ist, hält den Film mit seiner Aura und kurzen bissigen Sprüchen zusammen. Die Hamburger Produktion soll am 7. März in die Kinos kommen, meldet der Filmverleih Aries Images (Hamburg) auf seiner Homepage.

Die Bilanz des Festivals fällt positiv aus, auch wenn die 9000 Besucher aus 2011 nicht wieder erreicht wurden. Das Multiplexkino hatte neue breitere Sessel bekommen, so dass 200 Plätze im ganzen Haus wegfielen. Dass das 23. Kinofest mit 8000 Besuchern bei 51 Vorstellungen auf 80 Prozent Auslastung kommt, ist für das Team um Festivalchef Michael Wiedemann letztlich ein Erfolg.

Preise beim Kinofest

Lüdia (10 000 Euro) für Franziska Schlotterer „Ende der Schonzeit“.

Bestes Drehbuch (2500 Euro): David Sievekings Dokumentarfilm „Vergiss mein nicht“.

Beste Filmmusik (2500 Euro): Marian Lux „Du hast es versprochen“

Perle – Preis für Frauen in der Filmbranche (1800 Euro): Catrin Vogt (Schnitt) für „Vergiss mein nicht“ von David Sieveking.

Berndt-Media-Preis (5000 Euro) für besten Filmtitel: „Abseitsfalle“ für Marc Hering.

Rakete, Kinder- und Jugendfilmpreis (3000 Euro) für Wolfgang Gross „Die Vampirschwestern“.

Kurzfilme Erste Hilfe (1600 Euro): Nathan Nil „I Have A Boat“.

Erster Gang (1600 Euro): Katharina Maria Schubert „Another Fucking“

Das Tableau zeigt eine Auswahl. Nächstes Kinofest 21.-24. 11. 2013

Quelle: wa.de

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