Aachens Suermondt-Ludwig-Museum zeigt die Schnitzmeister aus Utrecht

Emotionen, in Holz geschnitten: Die Kreuzabnahme des Adriaen van Wesel (um 1490) kam aus der Berliner Skulpturensammlung in die Aachener Ausstellung. - Fotos: Museum

Von Ralf Stiftel -  AACHEN–Es ist eine Choreografie der Trauer, die uns Adriaen van Wesel in Holz geschnitten zeigt. Achtsam und vorsichtig heben drei Männer – Joseph von Arimathäa, Johannes und Nikodemus – den Leichnam Christi vom Kreuz, das in der um 1490 entstandenen Figurengruppe nicht erhalten ist. Die drei Marien klagen um den Gekreuzigten.

Der mittelalterliche Schnitzer arbeitete in seinem Kunstwerk unendlich feine Details heraus, Haare, Gesichter und sogar modische Feinheiten wie die Tracht der Gottesmutter und den auffälligen Hut Josephs. Vor allem aber berührt bis heute, wie er die Figuren mit großen Gefühlen auflud. Das Meisterwerk aus der Skulpturensamlung der Staatlichen Museen zu Berlin ist in Aachen zu sehen, in der Ausstellung „Made in Utrecht“. Das Suermondt-Ludwig-Museum dokumentiert in der Schau eines der bedeutendsten europäischen Kunstzentren des späten Mittelalters.

Utrecht war im 15. Jahrhundert eine der größten Städte der nördlichen Niederlande, mit 20 000 Einwohnern. 1254 legte Heinrich von Vianden, Bischof der Stadt, den Grundstein für den Dombau, der sich bis 1525 hinziehen sollte. Für ein solches Projekt brauchte man eine Dombauhütte, und Utrecht zog Handwerker und Künstler an. Die arbeiteten nicht nur am Gotteshaus, sondern auch für Klöster und Privatleute und sogar für den Export. Bekannt ist die regelrecht industrielle Produktion von Altären in Antwerpen. Ganz ähnlich lief es in Utrecht: Kirchen im Rheinland und in Westfalen, aber auch in Frankreich und Norwegen schmückten sich mit sakralen Kunstwerken aus der Stadt. Geblieben ist davon wenig. Als die nördlichen Niederlande sich der Reformation anschlossen, wütete der Bildersturm, dreimal in Utrecht zwischen 1566 und 1580. Die Marien- und Heiligenfiguren wurden zerschlagen. Archäologen bargen Reste.

Zum Glück gab es die Exporte. Holzskulpturen kamen in private Häuser. So kann die Schau mit Leihgaben unter anderen aus dem Louvre, dem Victoria & Albert Museum London, dem Rijksmuseum in Amsterdam, vor allem aber aus dem Museum Catharijneconvent in Utrecht einen Abglanz der skulpturalen Blütezeit zwischen 1430 und 1530 vermitteln. Die Schau entstand als Kooperation mit dem niederländischen Haus und wurde zunächst in Utrecht präsentiert.

Rund 90 Werke sind ausgestellt. Dabei werden nicht nur Stein- und Holzskulpturen gezeigt, sondern auch eine Utrechter Spezialität: Arbeiten aus Pfeifenton. Von der kleinen Marienfigur bis zu kompletten Altären wie dem mehr als zwei Meter breiten Retabel von Saint-Lambert (um 1470-80) brannten die niederländischen „Heiligenbäcker“ sakrale Werke, die europaweite Verbreitung fanden. Das Triptychon, geschaffen für die Kirche einer französischen Provinzstadt, zeigt Szenen aus dem Marienleben, figurenreich und noch mit vielen Resten der ursprünglichen farbigen Fassung. Der archäologische Teil der Schau bietet alte Modeln mit modernen Bränden, Scherben und einige der seriell gefertigten Stücke.

Aber es gibt auch Schnitz- und Steinmetzkunst auf höchstem Niveau. Von wenigen Künstlern weiß man heute noch den Namen, Adriaen van Wesel ist da eine Ausnahme, ebenso Jan van Schayck, der die Schlusssteine des Doms schuf. Trotzdem lassen sich einige faszinierende Künstlerpersönlichkeiten fassen, wenn auch nur anonym, wie der Meister des Utrechter steinernen Frauenkopfes. Das Werk, das ihm den Notnamen gab, ist ausgestellt. Anmutig neigt die junge Frau ihren Kopf unter der Flut von Locken. Auch wenn die Nasenspitze verloren ging, vermittelt sich noch der Reiz der Schönen aus dem 16. Jahrhundert. Man sieht den Hemdansatz am Hals, vor allem aber den feinst ausgeführten Schleier mit seiner prachtvoll durchbrochenen Borte. Der Künstler unterhielt ein produktives Atelier, wie mehrere Werke von ihm belegen, darunter eine Hl. Magdalena, die bis 1907 in einer Unnaer Kirche zu sehen war und nun aus dem Westfälischen Landesmuseum in Münster in die Schau kam. Er lieferte europaweit, nicht irgendwelche Standardware, sondern Spezialanfertigungen, die auf die Anforderungen der Kunden eingingen. Aus einer kleinen Kirche in Norwegen ist der Leka-Altar zu sehen, in dem der Meister den Heiligen Olaf zeigt, einen der norwegischen Nationalheiligen.

In früheren Jahren zeigte das Haus große Ausstellungen mit altmeisterlicher Malerei. Diese Skulpturenschau ist spröder, obwohl die meisten der ausgestellten Werke ursprünglich wohl auch farbig strahlten. Aber die meisten Fassungen gingen verloren, wurden entfernt. So muss man sich einlassen auf Marien und Heilige.

Aber es lohnt sich. Grandios zum Beispiel sind zwei Arbeiten des Meisters der Emmericher Heiligen, eine Katharina und eine Agnes. Die um 1490 entstandenen Schnitzwerke zeigen natürlich die traditionellen Attribute. Katharina hält das Schwert – sie wurde enthauptet –, und zu ihren Füßen kriecht ihr Widersacher, Kaiser Maxentius. Fast möchte man darin ein Symbolbild sehen, eine frühe Femme fatale, aber das hat der Künstler gewiss nicht ausdrücken wollen. Doch die Sinnlichkeit, mit der er die Körper der jungen Frauen unter den Gewändern sichtbar werden lässt, die lässt die mittelalterliche Strenge schon hinter sich. Und ist Beweis höchster Kunst.

Die Schau

Ein mittelalterliches Zentrum der Bildhauerkunst mit europaweiter Ausstrahlung wird neu entdeckt: Made in Utrecht im

Suermondt-Ludwig-Museum

Aachen.

Bis 16.6., di – fr 12 – 18, mi bis 20, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0241/ 479 800,

www.made-in-utrecht.de,

Katalog, Belser Verlag, Stuttgart, 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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