Aachens Ludwig Forum zeigt hyperreale Kunst

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Eine Begegnung mit der hyperrealen Kunst: Duane Hansons Skulptur „Supermarket Shopper“ im Aachener Ludwig Forum. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ AACHEN–Der Einkaufswagen der „Supermarket Shopper“ quillt auch nach 40 Jahren noch über von der Fülle der Produkte. Fertiggerichte, Süßigkeiten, Konserven, Brot in der Plastiktüte und eine große Packung Hundefutter unten. Die füllige Dame aus Fiberglas hat noch immer die Kippe lässig im Mundwinkel hängen, Lockenwickler im Haar und darüber das Kopftuch. Fast möchte man sie ansprechen, so lebensecht hat Duane Hanson sie 1970 geschaffen. So real, geradezu überreal für eine Skulptur. Vor ihr versteht man sofort, was der Titel der Ausstellung im Ludwig Forum in Aachen sagen soll: „Hyper Real“.

Wirklicher als die Wirklichkeit, so erscheinen viele der rund 250 Kunstwerke in dem opulenten Rundgang durch die Themenräume. Das Sammlerehepaar Peter und Irene Ludwig hatte den neuen Realismus, der sich vor allem in der Kunst der USA um 1970 herausbildete, früh entdeckt und zum Gegenstand seiner Sammelleidenschaft gemacht. Was wäre besser geeignet, um den 20. Geburtstag des Aachener Ludwig Forums zu feiern, als eine so reich bestückte Schau mit den zentralen Kunstwerken jener Richtung? Diese figurative Kunst konkurrierte mit Fotografie und Film, wollte wieder zeigen, was die Menschen umgibt, und sich nicht mit den aufgeregten gestischen Abstraktionen der Nachkriegsmalerei begnügen, konnte auch nichts mit dem Minimalismus und der Konkreten Kunst anfangen. Der Kern dieser Schau, die im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig in Wien ihre erste Station hatte, ist aus den über die ganze Welt verteilten Ludwig-Stiftungen und -Museen zusammen getragen. Einige Leihgaben kommen hinzu.

In diese Kunst um 1970 passten noch die Altmeister der Pop-Art. Andy Warhol zum Beispiel, der Suppendosen, Waschmittelkartons und Dollarscheine schon seit 1960 als ästhetische Objekte reproduzierte. Von ihm sind in Aachen besonders die medienkritischen Arbeiten zu sehen, zum Beispiel der „Orange Car Crash“ (1963), der serielle Druck des Zeitungsbilds von einem Unfallauto auf orangnem Grund. Oder auch das streifige Filmbild einer Filmszene, in der Stummfilmstar Bela Lugosi eine blonde Schönheit auf den Hals küsst – oder als Vampir hineinbeißt? Richard Hamilton, ein anderer Pionier der Pop-Art, zeigt 1965 „My Marilyn“, eine vergrößerte Reproduktion der Kontaktabzüge mit Fotos des Filmstars, auf denen sie eine Aufnahme mit „good“ ausgewählt, andere ausgestrichen hatte.

Aber im Zentrum der Bewegung standen eigentlich andere Künstler. Der Schweizer Maler Franz Gertsch zum Beispiel, der mit „Medici“ (1971) ein Schlüsselbild schuf. Er zeigt fünf junge Männer, die sich gut gelaunt über eine Bauabsperrung hängen. Das könnten die Musiker einer Rockband sein, tatsächlich sind es junge Männer, die das Kunstmuseum Luzern nicht betreten können, weil gebaut wird. Die Spontaneität, die gute Laune, die das Werk ausstrahlt, begeisterte bei der documenta 5 im Jahr 1972. Der amerikanische Maler Chuck Close gehört ebenfalls zu den Schlüsselfiguren des Fotorealismus. Seine riesenhaft vergrößerten Porträts sind berühmt – wie sein fast drei Meter hohes Passbild des Bildhauers Richard Serra, schwarz-weiß, porentief, so dass man jedes Barthaar sieht, jede Falte am Hals. Diese rücksichtslose Nahsicht lässt das Bild wie ein Fahndungsfoto wirken. Don Eddy porträtierte 1971 ein Auto, einen Volkswagen Käfer, und zwar nur den vorderen Kotflügel. Ralph Goings malte 1970 einen silberglänzenden Luxuswohnwagen, „Airstream“. Richard Estes zeigte die Straßen von New York, wobei er in „Rappaport Pharmacy“ (1976) die Reflexionen in einer Schaufensterscheibe einfängt und so mehrere Bildebenen überblendet. Natürlich stellen die Künstler hier ihre Virtuosität aus. Aber ihre Gefühle verbergen sie hinter einem überwältigenden Oberflächenrealismus.

Die Aachener Ausstellung überzeugt auch, weil sie den Vergleich ermöglicht, indem sie diesen Bravourstücken Beispiele der zeitgleich entstandenen Fotografie gegenüberstellt. So kann man sehen, wie William Eggleston, Stephen Shore, Gary Winogrand das Banale als Motiv entdecken in Ansichten von leeren Straßenkreuzungen, Hinterhöfen, mit Graffiti versehenen Hauswänden und sogar dem abgelichteten Bild vom laufenden Hotelfernseher. Auch Konzeptkunst von Christo und Robert Smithson ist zu sehen. Die Präsentation weitet die Perspektive noch mehr, indem sie die darauf folgenden Positionen aufgreift, zum Beispiel die provokative Banalisierung von Pop durch Jeff Koons, der sich beim Liebesspiel mit seiner damaligen Frau Cicciolina lebensgroß als Holzskulptur schnitzen ließ, aber auch die von Graffiti beeinflussten Positionen der 1980er Jahre wie Keith Haring und Jean Michel Basquiat. Man sieht die Polit-Interventionen von Martha Rosler, die den Vietnam-Krieg in Collagen in die amerikanischen Wohnzimmer holte. Und ein Medienraum bietet Gelegenheit, Zeitschriften, Bücher, Filme (von Woody Allen, Michelangelo Antonioni, Stanley Kubrick und vielen anderen) und Platten der 1970er Jahre anzuschauen. So rundet sich die Schau zum Blick auf eine Epoche. Sie lohnt schon deshalb, weil man selten so viele Schlüsselwerke dieser Epoche so konzentriert findet.

Die Schau

Ein materialreicher Blick auf Formen moderner realistischer Kunst mit vielen bekannten Meisterwerken: Hyper Real im Ludwig Forum Aachen.

Bis 19.6., di – fr 12 – 18, do bis 22, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0241/ 18 07 104, http://www.ludwigforum.de

Katalog Hyper Real zur ersten Ausstellungsstation Wien, Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln, 38 Euro; ein weiterer Reader in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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