Aachen zeigt Schau zu Hans von Aachen

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Virtuoses Malerstück und frivoles Selbstporträt: Hans von Aachen malte sich selbst im Bild „Paar im Wirtshaus“, zu sehen in Aachen.

Von Ralf Stiftel ▪ AACHEN–Der Mann hat offensichtlich schon einige Gläschen genossen. Dann reibt ihm das junge Mädchen auch noch zärtlich das Ohr. Kein Wunder, dass er lacht. Ein Virtuosenstück schuf Hans von Aachen um 1595 mit dem Gemälde „Paar im Wirtshaus“. Die frivole Szene gewinnt an Tiefenschärfe dadurch, dass sich der Maler im fröhlichen Bordellkunden selbst porträtierte – und die Dirne ist vielleicht seine Frau Regina, die Tochter des berühmten italienischen Renaissance-Komponisten Orlando di Lasso. Der gebildete Kunstliebhaber des späten 16. Jahrhunderts erkannte in der Szene wohl die Anspielung auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Das Gemälde ist im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum zu sehen. Das Haus widmet dem Künstler die Ausstellung „Hans von Aachen – Hofkünstler in Europa“. Mit knapp 40 Gemälden und 50 Zeichnungen und Stichen wird ein Werk fassbar, das den Maler zu einem Günstling des Kaisers Rudolf II. in Prag machte, das europaweit begehrt war. Es ist die erste umfassende Einzelausstellung, mit Leihgaben aus den USA, dem Louvre, der Eremitage, dem Kunsthistorischen Museum Wien. Sie startet in Hans' rheinischer Heimat und wird noch in Prag und Wien gezeigt.

Hans von Aachen (1552– 1615) stammt aus Köln (seine Eltern kamen aus Aachen). Er lernte sein Handwerk in Antwerpen und in Italien, feierte in München Erfolge mit seiner Synthese aus nordeuropäischem Realismus und südlicher Farbenpracht. Seine innovativsten Bilder aber sind die Selbstporträts mit Genrecharakter, wie das frühe Doppelbildnis, auf dem er sich zweimal malte. 1592 wurde er Hofmaler des Kaisers. Rudolf II. hielt große Stücke auf ihn, adelte ihn, schickte ihn quer durch Europa, damit er für die kaiserliche Sammlung einkaufte, aber auch in diplomatischen Missionen. Wie erfolgreich er war, lässt sich an einem Bild demonstrieren: In Rom malte er 1584 eine „Anbetung der Hirten“, die als Kupferstich europaweit verbreitet wurde. Kunstwissenschaftler haben im Katalog der Schau fast drei Dutzend gemalte Kopien des Bildes benannt, die zwischen Warschau und London zu finden sind. Ein echter Hit. Nach seinem Tode allerdings schwand sein Ruhm. Der 30-jährige Krieg setzte ernstere Themen auf die Tagesordnung.

Die von Thomas Fusenig kuratierte Ausstellung folgt grob der Chronologie von Hans' Schaffen. Ein Raum ist ganz der Porträtkunst gewidmet, ein weiterer bietet die biblischen Motive, dann die Arbeiten für den Prager Hof und schließlich das Spätwerk. Dabei verblüfft die Vielseitigkeit des Malers, der praktisch alle Anforderungen bediente. Ein Zeitgenosse charakterisierte ihn als einen, der den Wein und die Fröhlichkeit liebt. Das lebte er gewiss in den Bildern für Rudolf II. aus, den er auch porträtierte. Das prunkvolle Bildnis offenbart im verhangenen Blick, dass der Herrscher ein Melancholiker war. Hans munterte ihn auf mit erotischen Szenen aus der Mythologie, die den weiblichen Körper in den Mittelpunkt stellten. Immer wieder gibt sie sich hin, sei es als Venus, die sich willig in den Griff des Silens zurückwendet, sei es als Erdgöttin Ceres, die zuerst mit Bacchus ein Gläschen trinkt. Selbst die Vergewaltigungsszene in „Tarquinius und Lucretia“ dient vor allem dazu, ihre weißen Rundungen auszustellen.

Aber der Künstler bediente auch andere Anforderungen. Dass er virtuos die Kunst des höfischen Porträts beherrschte, zeigt neben dem Bild Rudolfs ein lebensgroßes Bildnis des Herzogs Wilhelm V. von Bayern mit seinem Sohn. Überbordend behandelt er die Marienkrönung mit musizierenden Engeln – die zwei Meter hohe Leinwand entstand für eine Augsburger Kirche. Höchst eindrucksvoll ist eine kleine Tafel auf schwarzem Marmor, auf der Hans von Aachen Christus in der Grabeshöhle malte, eine emotionsgeladene Szene für die private Andacht. Zwei Alabastertafeln bemalte er wohl für die Kunstkammer des Kaisers mit mythologischen Motiven wie dem Sturz des Phaeton und nutzt dabei die natürliche Musterung, um Wolken und Landschaft zu imaginieren. Eine Serie kleiner Tafeln behandelt die Siege des Kaisers in den Türkenkriegen, detail- und anspielungsreich gemalte Propaganda.

Hans von Aachen - Hofkünstler in Europa im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen. Bis 13. Juni, di – fr 12 – 18, do bis 20, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0241/ 479 800,

http://www.hans-von-aachen.com

Katalog, Deutscher Kunstverlag, Berlin-München, 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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