2000. Gerichtsshow: Barbara Salesch, TV-Richterin

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Frisch, taff und guter Laune: Barbara Salesch. ▪

HAMM ▪ Sie war Staatsanwältin und Vorsitzende Richterin am Landesgericht Hamburg, bevor sie ins TV-Entertainment gewechselt ist. Seitdem ist Barbara Salesch die bekannteste Fernsehrichterin Deutschlands. Seit 1999 beschert die Nachmittagssendung dem Sender Sat.1 hohe Quoten, teilweise bis zu 17 Prozent Marktanteil. Die Juristin sprach mit David Zwadlo über ihren Einfluss auf die Drehbücher, den Kachelmann-Prozess und ihre Pläne nach dem Ende ihrer TV-Karriere.

Sie hatten in Ihrer Sendung schon 17 000 Laiendarsteller. Ist Ihre Sendung ein Sprungbrett für Amateurschauspieler?

Salesch: Glaube ich nicht. Aber sie haben die Möglichkeit, Rollen zu spielen, die sie sonst nicht bekommen – in der Länge und mit so viel Text. Angeklagter und Geschädigter, das sind im Grunde Hauptrollen – die würden Laien, unbekannte Schauspieler und Schauspielschüler, die wir öfters haben, so schnell nicht bekommen.

Wie haben sich Ihre Fälle in den letzten zehn Jahren verändert?

Salesch: Vor elf Jahren gab es die große Umstellung: vom Schiedsgericht zum Strafrecht. Ansonsten hatten wir früher einfachere Fälle, als wir noch zwei Fälle pro Stunde gemacht haben. Aber danach haben wir gemerkt, dass ein Fall pro Stunde besser funktioniert, und damit hat sich dann auch die Deliktpalette erweitert.

Die Sendungen basieren auf Drehbüchern. Welchen Einfluss haben Sie darauf?

Salesch: Wir haben eine Redaktion, darunter auch mehrere Juristen, die schreiben die Drehbücher. Die Ideen stammen aus der Tagespresse oder auch aus der Fachpresse. Wir verfremden den Fall aber so, dass man ihn nicht mehr wieder erkennt. Wenn die Redaktion der Meinung ist, dass das Drehbuch fertig ist, dann bekomme ich es gemailt und gehe es dann durch. Ich schreibe auf, was ich gut finde, was weniger gut ist oder was noch zu diskutieren wäre. Aber meistens ändere ich direkt selber im Drehbuch. Und dann wird das auch so gemacht. Wobei die Urteilshöhe und Urteilsbegründung vorher nicht feststehen. Das mache ich dann spontan in der Verhandlung. Weil ich ja sehen muss, was raus kommt.

Haben Sie den Anspruch, die Zuschauer über die Rechtsprechung aufzuklären?

Salesch: Das ist eine sehr schwierige, eine problematische Geschichte. Es ist eine Unterhaltungssendung. Aber wenn man sie regelmäßig verfolgt, lernt man sehr viel über das Funktionieren der Justiz, über Rechtsprechung, über Delikte, über Beweiswürdigung – da kann man der Sendung sehr viel entnehmen, wenn man will.

Werden Sie von Ihren Richterkollegen noch ernst genommen?

Salesch: Das hoffe ich für die Kollegen.

Haben Sie sich mit einigen schon darüber unterhalten?

Salesch: Ja, sicher. Ich meide meine Kollegen nicht. Ich halte öfters Vorträge vor juristischem Publikum, besuche Gerichte an Tagen der offenen Tür, nehme an Podiumsdiskussionen oder an Universitätsveranstaltungen teil. Meine Bekanntheit verschafft den Veranstaltern vollere Räume und ich gehe da auch gerne hin, wenn ich es von der Zeit her leisten kann. Die Diskussionen über die Probleme des Justizalltags kenne ich – aber das ist ja ein ganz anderes Thema als eine Unterhaltungssendung!

Ihre Gerichtssendung ist ein Showformat: Es gibt überraschende Wendungen, oft wird ein Zeuge als Täter enttarnt. Suchen Sie in Ihrer Sendung den Supertäter?

Salesch: Nein, nein. Wir haben eine relativ hohe Freispruchquote von 50 Prozent, damit es immer spannend bleibt. Im wirklichen Leben gibt es ja fast nur Verurteilungen, die anderen Sachen werden ja vorher schon eingestellt. Das wäre ja nicht spannend, wenn man immer weiß, er war's am Ende. Deshalb muss man immer ein bisschen miträtseln.

Könnten Sie sich vorstellen, den Kachelmann-Prozess bei Ihnen nachzuspielen?

Salesch: Er ist nicht geeignet für eine Sendung von einer Dreiviertelstunde. Es ist ein schwieriges Verfahren, es steht Aussage gegen Aussage. Es muss versucht werden, aus vorliegenden Indizien irgendwelche Schlussfolgerungen in die eine oder andere Richtung zu ziehen. Das ist kein Fall, der sich für eine Stunde oder weniger eignet – unabhängig vom Kachelmann.

Von der Thematik her ist es ja ganz einfach: Vergewaltigung – ja oder nein?

Salesch: Vergewaltigungsfälle habe ich in meiner Sendung schon mehrfach gezeigt, aber bei mir muss ja immer alles klar werden zum Schluss. Der Zuschauer will eine Lösung – und keine in dubio Entscheidung!

Könnten Sie sich mit 61 Jahren noch ein Rückkehr ins normale Richteramt vorstellen?

Salesch: Das wäre jetzt ein bisschen spät.

Wie lange wollen Sie die Sendung noch weiterführen?

Salesch: Das wird man einfach sehen. So lange die Quote stimmt, so lange die Stimmung stimmt, so lange ich gesund bleibe, da kann das noch ein bisschen dauern.

Noch weitere zwölf Jahre?

Salesch:Nein.

Wer könnte Ihr Nachfolger werden?

Salesch: Irgendjemand. Ich hätte nichts dagegen, wenn schon jetzt jemand käme und gelegentlich einspringen würde. Dann hätte ich ein bisschen weniger zu tun.

Neben Ihrem Richter-Job sind Sie auch Künstlerin. Wenn Sie mit dem Fernsehen fertig sind – was machen sie als nächstes?

Salesch: Ich werde mich mit Sicherheit der Bildhauerei und Malerei widmen. Das ist ja das, was mich langfristig schon immer interessiert hat, was ich allerdings nie als Brotberuf gesehen habe. Aber wenn ich mit Fernsehen zu Ende bin, dann werde ich da durchstarten.

Könnten Sie sich einen Auftritt im Theater vorstellen?

Salesch: Nein. Ich bin ja keine Schauspielerin. Ich gehe mal in die Universität und verhandle mit Studenten, habe Lesungen gemacht, gemeinnützige Sachen, da gibt es ja verschiedene Sachen, die ich in der Öffentlichkeit mache. Diese Dinge haben meistens etwas mit Strafrecht zu tun. Mit Schauspielerei weniger. Ich kann mir auch keine festen Texte merken. Ich spiele ja immer nur mich.

Sat.1, 11 und 15 Uhr

Biografie

Barbara Salesch, 1950 in Ettlingen geboren, hat Rechtswissenschaften und Sport in Freiburg studiert. 1978 wurde sie Staatsanwältin in Hamburg, seit 1985 Richterin am Landgericht, ab 1991 Abteilungsleiterin in der Justizbehörde, bis 1999 Vorsitzende Richterin am Landgericht. Seitdem fürs Fernsehen beurlaubt. Sie ist Deutschlands erste TV-Richterin. Salesch lebt in Bad Münstereifel und ist unverheiratet.

Quelle: wa.de

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