„1914 – die Avantgarden im Kampf“ in der Bundeskunsthalle Bonn

Radikale Selbstbefragung: Max Beckmanns „Selbstbildnis als Krankenpfleger“ (1915).

Von Ralf Stiftel BONN - Franz Marc zog begeistert in den ersten Weltkrieg. Seinem Freund Kandinsky schrieb er: „Mein Herz ist dem Krieg nicht böse, sondern aus tiefem Herzen dankbar, es gab keinen anderen Durchgang zur Zeit des Geistes, der Stall des Augias, das alte Europa konnte nur so gereinigt werden.“ Heute befremdet dieser Überschwang, noch dazu von dem Maler so leiser, poetischer Tierbilder. Aber auch die Kunst wurde 1914 auf den Kopf gestellt. Das zeigt die großartige Ausstellung „1914 – die Avantgarden im Kampf“ in der Bonner Bundeskunsthalle.

Mit rund 300 Werken von mehr als 60 Künstlern arbeitet die Schau erstmals auf, wie die Moderne auf den Krieg reagierte. Zwei Gemälde von Lovis Corinth vermitteln gleich am Eingang den Bruch: 1914 porträtierte sich der Künstler in eiserner Rüstung als streitlustigen Ritter. 1918 malt er leere Rüstungsteile, die auf dem Atelierboden liegen. Die Pose hat sich aufgelöst.

Kurator Uwe M. Schneede sieht seine Recherchen als „beunruhigende Erkundungstour auf vertrautem Gelände“. Die Moderne ist zwar gut erforscht. Aber der unmittelbare Zusammenhang der Künste mit dem Krieg war noch nicht untersucht worden. Allein die vielen Fotos von Künstlern in Uniform bietet viele Erkenntnisse. Wilhelm Morgner ist auf einer wohl Weihnachten 1914 entstandenen Aufnahme mit Eberhard Viegener und dessen Schwester Amanda zu sehen. Max Beckmann, Krankenpfleger in Ypern, im heroischen Profil. Albert Weisgerber, mit Morgner einer der vielen, die starben, steht im Schützengraben. Max Ernst sieht man im Verband – er verletzte sich durch den Rückstoß der eigenen Kanone. Und Ernst Ludwig Kirchner glotzt unter dem Stahlhelm hervor, als stünde er unter Drogen. Man meint, die spätere, schwere Traumatisierung schon zu sehen.

Und wer hätte gedacht, dass die Avantgarde in ganz praktischem Sinn kriegstauglich war? Die Maltechniken des Kubismus dienten dazu, Kanonenstellungen und Panzerkreuzer zu tarnen. In der Ausstellung sieht man Tarnnetze und einen bemalten Stahlhelm.

Der Einschnitt 1914 hätte tiefer nicht sein können. Vor dem Krieg hatten Künstler und Intellektuelle in Europa eine internationale Szene gebildet. Ob in Paris, Berlin oder München, man diskutierte ähnliche Fragen, tauschte sich aus, befruchtete sich. Die große Sonderbundausstellung in Köln 1912 war international angelegt. Vorbei. Nun war Kandinsky in München ein feindlicher Ausländer. Und viele zogen in den Krieg. Oder trugen zur Mobilmachung mit Propagandakunst bei. Dass die italienischen Futuristen den Krieg glorifizierten, war bekannt. Einige markante Beispiele sind ausgestellt. Aber dass Max Liebermann flachste Parolen des Kaisers bebildert hat („Jetzt wollen wir sie dreschen!“), war weniger bekannt. Selbst Ernst Barlach, der Schöpfer friedvoller Engel, rief 1914 mit seinem schwerttragenden „Rächer“ zu den Waffen.

Viele Künstler zogen mit einer gewissen Abenteuerlust an die Front. Max Beckmann zum Beispiel schrieb über seine Erfahrungen mit einer Haltung, die heute nur befremden kann: „Meine Kunst kriegt hier zu fressen!“, notiert er 1915. Den Krieg erlebte er als neue Wirklichkeit, als radikalen Bruch mit der bürgerlichen Saturiertheit. Man sieht Beckmanns 1915 entstandenes „Selbstbildnis als Krankenpfleger“, das seinen stilistischen Neuanfang markiert. Das Individuum erscheint hier vereinzelt, in einer radikalen Selbstbefragung.

Ähnlich abenteuerlustig zog Otto Dix in den Krieg. Seine Ambivalenz schlug sich in Selbstporträts wieder, die ihn einmal als Zielscheibe, dann als Kriegsgott Mars zeigen (beide 1915). Aber er hielt auch die Ereignisse an der Front in Flandern fest, zeigt die Explosion einer Granate, das „Handgemenge“, das Chaos noch in einem Gemälde wie „Graben durch Angres – Chiffren“ (1917).

Es gab auch die Warner, die Pazifisten, die Kritiker. Ludwig Meidner malte schon 1912 die „Abgebrannten“, Heimatlose vor einem ausgebrannten Haus. Im Krieg porträtierte er deutsche, russische, französische Soldaten mit der gleichen Neugier und Intensität. Emil Nolde malt 1913 die „Soldaten“ als anonymisierte Reihe Uniformierter, die Hautpartien blutrot gefärbt. Der Impressionist Max Slevogt wird zum Ankläger von Kriegsgreueln, wenn er 1914 die Kathedrale im zerschossenen Löwen zeigt.

Viele Künstler arbeiteten als Kriegsmaler. Zivilcourage bewies der Engländer Christopher Richard Wynne Nevinson, der 1917 nicht nur den vorwärts rollenden Kampfpanzer malte, sondern auch zwei gefallene Engländer vor einem Stacheldrahtverhau – „Wege zum Ruhm“. Das Kriegsministerium verlangte 1918, dass das Bild aus einer Londoner Ausstellung entfernt wird. Nevinson klebte Papier darüber und schrieb darauf „Zensiert“.

Schließlich zeigt die Schau, wie der Epochenumbruch auch der Kunst neue Richtungen gab. Die Erschütterung aller Werte schlug sich in der Dada-Bewegung nieder. Mondrian und Malewitsch prägen radikale Formen der Abstraktion. Die Moderne in Frankreich wandte sich vom Kubismus ab, der als „deutsch“ empfunden wurde, weil viele deutsche Sammler den Stil gefördert hatten. Nun kam ein neuer Klassizismus auf, bei Picasso, aber auch bei italienischen Künstlern wie Gino Severini, dessen „Maternità“ (1916) ausgestellt ist. Und auch der Surrealismus wurzelt in der Kriegserfahrung der Künstler.

1914 – die Avantgarden im Kampf in der Bundeskunsthalle in Bonn. Bis 23.2.2014, di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr, 31.12. geschlossen. Tel. 0228/ 91 71 200,

www.bundeskunsthalle.de

Katalog 39 Euro

Quelle: wa.de

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