Ein Kommentar

Zur Flutkatastrophe im MK: Der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, ist wasserdicht

Feuerwehrleute im Einsatz an der Altenaer Straße zwischen Lüdenscheid und Altena.
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Feuerwehrleute sind am Donerstag (15. Juli) an der Altenaer Straße zwischen Lüdenscheid und Altena im Einsatz.

Die Flutkatastrophe im Märkischen Kreis wird weitreichende Folgen haben. Der 14. Juli markiert eine Zeitenwende. Ein Kommentar von Jan Schmitz.

Es war eine schier unvorstellbare Menge Wasser. Ein Jahrhundertregen, der Rinnsale und Straßen in reißende Flüsse verwandelte und dem die Infrastruktur schlicht und einfach nicht gewachsen war, obwohl sie auf Jahrhundertregenereignisse ausgelegt ist. Es wird künftig neue Definitionen brauchen, um die Täler im Kreis sicherer zu machen. Damit in den Bereichen, in denen der Wohlstand unserer Region vor einigen hundert Jahren seinen Anfang nahm, das Leben und Arbeiten auch im 21. Jahrhundert weitergehen kann – ohne die ständige Angst um Hab und Gut, Leib und Leben.

Das abziehende Wasser und die nachlassende Anspannung geben den Blick auf die bittere Erkenntnis frei: Weite Teile des Märkischen Kreises waren am Mittwoch ein Katastrophengebiet und sind es immer noch. Es wird Monate und Jahre dauern und viele Millionen Euro kosten, bis die Wunden (nicht nur in der Infrastruktur) verheilt sind.

Ja. Was die Menschen am Mittwoch getroffen hat, ist nicht weniger als eine Katastrophe, eine Naturkatastrophe, in einigen Städten gar von apokalyptischem Ausmaß. Bilder, wie wir sie sonst nur aus überschwemmten Bergdörfern im Himalaya kennen, gehen aus dem Märkischen Kreis um die Welt.

In den Geschichtsbüchern wird es später ein Leben vor dem 14. Juli 2021 geben und ein Leben danach. Eine Zeitenwende, die sich auch in unserem Verständnis niederschlagen wird, wie wir den Naturgewalten begegnen. Ob wir mit ihnen leben wollen oder uns zurückziehen aus allzu gefährdeten Bereichen. Das ist die Frage, die sich in den nächsten Jahrzehnten stellt.

Viele Betroffene, die unsere Reporter in den vergangenen Tagen getroffen und befragt haben, standen unter Schock, traumatisiert von der verheerenden Kraft des Wassers, das durch ihre Straße schoss. Sie sind noch im Katastrophenmodus, funktionieren bis zur Erschöpfung, um Haus, Hof, Auto zu retten oder den Nachbarn zu helfen, die es vielleicht noch schlimmer getroffen hat. Wir erleben Einsatzkräfte ohne Kraft, aufgerieben im tagelangen Kampf gegen die Folgen der Flut, getroffen von der Trauer über den Verlust von zwei Kameraden. Es bestürzt uns. Wir trauern mit ihnen. Es führt uns vor Augen, wie unglaublich ernst die Lage war und wie unmenschlich die Belastung für die fast 1.500 Retter.

Der Keller und die Tränen trocknen. Was bleibt, ist ein Gefühl der Unsicherheit, der Hilf- und der Machtlosigkeit gegenüber einer entfesselten Natur. Doch es überwiegt ein anderes Gefühl: Hoffnung.

Wer erlebt hat, wie die Menschen in der schlimmsten Not zusammenrücken, wie sie sich helfen, wie sie nicht nur an sich, sondern oft auch zuerst an andere denken, wie Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam einen Feuerwehrmann aus den reißenden Fluten ziehen, wie Menschen sich selbst in Lebensgefahr begeben, um andere zu retten, wie es bei gemeinsamer Hilfe überhaupt keinen Unterschied macht, ob jemand schwarz, weiß, deutsch, türkisch, griechisch oder syrisch ist, dem muss vor der Zukunft nicht bange sein.

Menschen können gestärkt aus Katastrophen hervorgehen. Die vergangenen 72 Stunden haben gezeigt: Der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, ist im Märkischen Kreis wasserdicht.

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