Interview mit Manfred Kurzawe

Stuttgart ein Einzelfall? Polizei-Leiter beklagt mehr Gewalt gegen Polizisten im MK

Märkischer Kreis – Die Gewalt gegen Polizisten hat eine neue Eskalationsstufe erreicht – zumindest in Stuttgart, wo in der Nacht zu Sonntag junge Menschen Polizisten angegriffen haben. Polizei-Direktionsleiter Manfred Kurzawe beobachtet auch im MK eine Zunahme der Gewalt gegen Polizisten. 

  • Gewalt gegen die Polizei in Stuttgart trifft auch die heimische Polizei
  • Nach Fall George Floyd: Rassismus-Vorwürfe auch im MK im Einsatz keine Seltenheit
  • 2019 gab es mehr als 707 Fälle von Gewalt gegen Polizisten im MK

Zuvor hatte es bereits bundesweit Rassismus-Vorwürfe gegen die Polizei gegeben. Manfred Kurzawe ist derzeit der ranghöchste Polizist in der Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis. Bis ein Nachfolger gefunden ist, vertritt er den inzwischen pensionierten Michael Kuchenbecker als Abteilungsleiter Polizei. Im Gespräch mit Jan Schmitz spricht er über die aktuelle Situation bei der Polizei. 

Sie haben die Bilder aus Stuttgart gesehen. Was hat das in Ihnen ausgelöst?  

Durchweg Fassungslosigkeit. Nicht nur die Anzahl der Leute, die gegen die Polizei aktiv geworden sind, auch die Qualität der Gewalt macht mich fassungslos. Ich glaube, da haben alle Polizisten neben den Plünderungen, dem Scheibeneinwerfen und dem Angehen von Polizeifahrzeugen auch diese Videosequenz im Kopf, wo der Kollege mit einem Tritt zur Seite gestoßen wird. Das sind Bilder, die hängen bleiben. Da fragt man sich natürlich, wie so etwas entstehen kann. Im Moment bin ich froh, dass wir so etwas hier im Märkischen Kreis noch nicht hatten und hoffentlich auch nicht haben werden. 

Sind die Ereignisse in Stuttgart ein Thema bei Ihren Kollegen?

Natürlich. Die Kolleginnen und Kollegen registrieren sehr aufmerksam die Informationen und sprechen auch darüber. Wir haben hier nur andere Voraussetzungen in der Behörde. Eine Großstadt ist ein ganz anderes Kaliber. Die Entwicklung in Stuttgart besorgt uns natürlich, weil es ja kein Ereignis ist, das wie Phönix aus der Asche kommt. Die Kolleginnen und Kollegen stellen subjektiv eine ähnliche Entwicklung im Umgang miteinander fest. Da spreche ich nicht für die Polizei alleine. Es gibt oft genug Berichte über Rettungsdienste oder Feuerwehrkräfte, die angegangen werden. Insofern scheint sich die Gewalt nicht nur gegen die Polizei zu richten, sondern inzwischen gesellschaftsfähig zu sein. 

Mit anderen Worten: Es war nur eine Frage der Zeit, bis es zu einer Eskalation kommt?  

Ich weiß nicht, ob das ein Automatismus ist. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass ein gewisses Maß an Menschenverstand und Verständnis übrig bleibt. Dass es sich also nicht automatisch in diese extreme Richtung entwickelt. 

Es war ein Ereignis in Stuttgart, mit einer entsprechenden Vorgeschichte, die wir noch nicht genau kennen. Ich bin immer noch der Ansicht, dass wir noch in einer zivilisierten und kultivierten Gesellschaft leben, wo man weiß, wie man miteinander umgehen muss und wo bestimmte Grenzen sind. Ich habe nicht die Befürchtung, dass es in irgendeiner Form eskalieren würde. Das Problem dabei ist, dass die Grenzen mittlerweile verschoben werden. 

Wer hat die Grenzen verschoben und wie macht sich das in Ihrer täglichen Arbeit bemerkbar? Stichwort: Respektlosigkeit.

Ich glaube, es ist kein bilaterales Problem zwischen der Bevölkerung und der Polizei, sondern es scheint ein gesamtgesellschaftliches Problem zu sein. Wir beobachten in letzter Zeit bei der Gewalt gegen Polizeibeamte statistisch eine Steigerung, die tatsächlich bemerkenswert ist. Auf der anderen Seite gibt es auch subjektiv den Eindruck, dass durch körperliche Aggressivität, aber auch verbal aggressiv gegen die Polizei vorgegangen wird, dass also eher Beleidigungen fallen, dass eine gewisse Anmache im Auftreten gegenüber der Polizei mittlerweile häufiger ist. Auch psychisch. Da gibt es hin und wieder Ereignisse, wo gegenüber Maßnahmen von Polizeibeamten durch Zusammenrottung klar gemacht wird, hier stehen wir jetzt als die Masse, die sich gegen die polizeiliche Maßnahme stellt. Wir beobachten immer häufiger zu eigentlich nichtigen Anlässen solche Verhaltensweisen.

In Stuttgart war auffällig, dass es sich um relativ junge Leute handelte. Ist der mangelnde Respekt eine Generationenfrage?  

Das ist ja eine alte Weisheit, die schon seit Jahrzehnten gilt: Gerade bei Kriminalität und bei Grenzüberschreitungen spielt die junge Generation ab 15 bis 23 Jahren eine besondere Rolle. Egal zu welcher Zeit man in die Kriminalitätsstatistik hineinschaut, hat man in dieser Altersgruppe immer einen Peak. 

Man kann sagen: Kriminalität ist männlich und jung. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass auch bei Gewalt und Aggressionen gegen die Polizei diese Leute massiver auftreten. Das hat damit zu tun, dass in dieser entwicklungspsychologischen Phase die Grenzen ausgetestet werden. Und wenn die Grenzen der eigenen Wahrnehmung immer weiter verschoben werden, dann geht man auch weiter. 

Gibt es Gegenden im Märkischen Kreis, wo Sie von vornherein vorsichtiger agieren?

Solche Hotspots haben wir hier definitiv nicht. Es gibt aber durchaus mal Einsatzanlässe mit einer gewissen Brisanz, die vielleicht auch temporär mal ein paar Tage andauern. Da fährt man dann anders hin, vielleicht auch mal mit zwei Fahrzeugen. Aber dass wir in bestimmten Siedlungsgebieten immer mit mehr Kolleginnen und Kollegen hinfahren müssen, das haben wir sicherlich nicht. Gott sei dank. 

Die Rassismus-Debatte hat nach dem Tod von George Floyd in den USA auch Deutschland erreicht. Spüren Sie die Auswirkungen in Ihrer täglichen Arbeit? 

Es spielt schon hinein, denn durch die Berichterstattung ist das Thema natürlich überall präsent. Wir registrieren einerseits entsprechende Anwürfe. Es wird schon mal ein bestimmtes Schimpfwort genannt – „Rassist“ oder „Nazi“ – und aufgrund der Ereignisse in den USA versucht, das Problem auf Deutschland zu übertragen.

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Wenngleich ich da im Moment kolossale Unterschiede sehe. Auf der anderen Seite wird das auf der politischen Bühne sehr gerne genutzt, um sich politisch auseinanderzusetzen. Das geht aber zu Lasten der Einsatzsituation und der Kriminalitätsbekämpfung bei der Polizei, weil es unsere Arbeit nicht einfacher macht. 

Fühlen Sie sich im Stich gelassen, zum Beispiel von Saskia Esken (SPD), die der Polizei einen latenten Rassismus unterstellt hat?  

Ich fühle mich von Frau Esken nicht im Stich gelassen, denn ich bin nicht angewiesen auf das Wohlsinnen von Frau Esken oder anderer Politiker. Politische Auseinandersetzung ist das eine. Problematisch ist es nur, wenn das Auswirkungen auf unsere tägliche Arbeit hat. Die Leute, denen wir bei unseren Einsätzen begegnen, konsumieren natürlich auch diese Äußerungen und verwenden das in der Auseinandersetzung. Das hilft einfach nicht bei unserer Aufgabenbewältigung. Auf der anderen Seite ist gerade diese Äußerung von Frau Esken von den allermeisten Kolleginnen und Kollegen als sehr unpassend wahrgenommen worden.

Ist das eine neue Entwicklung, dass die Polizisten im Einsatz als Rassisten beschimpft werden?  

Das hat es immer gegeben, allerdings hat sich die Schlagzahl erhöht. Wie ich aus den Gesprächen mit den Kolleginnen und Kollegen, die draußen bei den Kontrollen tätig sind, weiß, passiert das schon öfter. Es wird ganz gerne als ein Vorwurf genommen, um sich in die Position zu bringen, nach dem Motto: Eigentlich kann ich ja nichts dafür. Das wird natürlich befördert durch die aktuellen Berichterstattungen oder Äußerungen von bestimmten Personen.

Spüren Sie, dass die Bevölkerung der Polizei mehr den Rücken stärkt?

Natürlich. Das bemerken wir in den sozialen Medien, wo wir sehr großen Zuspruch erhalten, gerade auch nach solchen Ereignissen wie jetzt in Stuttgart, wo sich Leute uns gegenüber auch solidarisch erklären. Das tut gut und hilft auch den Kollegen, Motivation und Engagement beizubehalten.

Müssen Sie angesichts der zunehmenden Gewalt gegen Polizeibeamte Ihre Kollegen besser schützen?  

Das tun wir ja schon seit einigen Jahren. Zuletzt wurden die Bodycams eingeführt. Die Schutzausstattung wurde verbessert. Da habe ich wieder die Videosequenz aus Stuttgart vor Augen, wo der Kollege getreten wird. In dem Videoclip sieht man ja, dass er aufsteht und wieder zu der am Boden liegenden Person geht. Wenn man diesen Tritt ohne Schutzausstattung erlitten hätte, wäre er nicht so schnell wieder aufgestanden.

Gewalt gegen Polizisten im Märkischen Kreis

Im Jahr 2019 registrierte die Polizei im Märkischen Kreis 707 Fälle von Gewalt gegen Polizisten. 2018 waren es  822 Fälle, 2015 waren es "nur" 551 Fälle. 2016 und 2018 gab es jeweils einen schwer verletzten Polizisten. Wichtig dabei: Die Zahl der Fälle ist nicht die Zahl der Taten, da teilweise bei einer Tat mehrere Delikte angezeigt wurden, zum Beispiel neben Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte auch Bedrohung und Beleidigung.

Zuletzt wurde ein Polizist im MK mit einem Messer angegriffen. Zuvor wurden die Beamten von einem Mann mit einem Knüppel "begrüßt". Verbale Aussetzer wie bei dieser Roller-Gang in Lüdenscheid kommen sehr häufig vor. 

Rubriklistenbild: © dpa-avis

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