Mit Rauschbrille am Steuer

Selbsttest: So ist Autofahren mit 1,3 Promille

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Wie wirkt sich Alkohol auf unsere Fahrweise aus? Mithilfe einer Rauschbrille wagte ein vierköpfiges Team der Lüdenscheider Nachrichten den Selbsttest.

Lüdenscheid - Betrunken Autofahren ist lebensgefährlich. Doch welche Auswirkungen hat der Promille-Stand eigentlich auf unsere Fahrweise? Mithilfe einer Rauschbrille (1,3 Promille) hat ein Team der Lüdenscheider Nachrichten den Selbsttest gewagt.

Vor dem Nattenbergstadion wartet bereits Fahrlehrer Marc Müller mit seinem Auto und begrüßt uns freundlich. Für den kompletten Vormittag hat er sich Zeit genommen. Auch für ihn ist unser Selbsttest eine besondere Erfahrung. „So etwas habe ich noch nicht gemacht, ich bin gespannt.“ 

Geradeaus fahren und Wenden 

  • Fahrer 1: Christian Spies 

Tür zu, hinsetzen, anschnallen und Rauschbrille auf: Wo vorher noch klar die Straße zu erkennen war, verschwimmt jetzt alles. Bedeutet, direkt am Anfang eine Entscheidung zu treffen: Welche der beiden Fahrbahnen vor mir nehme ich denn nun? Ein Stückchen weiter rechts wirkt richtig. 

Selbst die Kupplung kommen lassen, ist mit aufgesetzter Rauschbrille gar nicht so einfach. Langsam setzt sich das Auto in Bewegung. Nach ein paar gefahrenen Metern fragt Müller: „Was denkst du: Bist du in der Mitte der Straße?“ – „Puh, also ich glaube schon“, antworte ich. Aber sicher bin ich mir nicht. Und direkt höre ich von Müller: „Fahr lieber mal etwas weiter links.“ 

Auch für Fahrlehrer Marc Müller war der Selbsttest eine besondere Erfahrung.

Auch wenn das geradeaus fahren noch relativ gut geht, spätestens beim Wenden weiß ich nicht mehr recht, was ich tue. Der Blick in den Rückspiegel zeigt verschiedene braune Farben, wahrscheinlich Bäume. Wie weit ich nun vor oder zurück muss, weiß ich nicht. Und Müller hilft: „Bis hierhin, jetzt kannst du wenden.“ 

Fazit: Geradeaus fahren ohne Hindernis war einigermaßen machbar. Dabei half aber auch der Schnee, der gut sichtbar die Fahrbahngrenzen markierte. Spätestens beim Wenden war jedoch für mich Schluss. Mir war es nicht möglich abzuschätzen, wie weit ich noch fahren konnte.

Einparken – vorwärts und rückwärts 

  • Fahrer 2: Kim Kaiser 

Ich sitze im Auto, stelle den Sitz ein und habe die Aufgabe, mit der Rauschbrille einzuparken – erst vorwärts, dann rückwärts. Eigentlich kein Problem, aber die Umstände sind heute anders. Die Brille sitzt und ich habe schon ein mulmiges Gefühl, obwohl ich noch gar nicht losgefahren bin. Müller sagt zu mir: „So, dann starte mal.“ 

Ich merke schon beim Anfahren, dass das nicht ganz einfach wird. Vorsichtig fahre ich eine Rechtskurve und lasse mich in die markierte Parkfläche rollen. Selbst Standgas fühlt sich ziemlich schnell an, weil alles verschwommen ist. Als ich meine, dass ich gut in der Lücke stehe, nehme ich die Brille wieder ab.

Einparken mit Rauschbrille? "Nicht ganz einfach", sagte Kim Kaiser.

Und stelle schon aus dem Auto heraus fest: „Ich parke auf jeden Fall schräg, hätte ich nicht gedacht.“ Müller antwortet mit einem Schmunzeln: „Immerhin hast du kein Hütchen umgefahren.“ 

Jetzt muss ich das Ganze aber rückwärts schaffen. Schnell stelle ich fest, dass ich die leuchtend roten Hütchen zunächst gar nicht im Spiegel sehe. Wenn ich hinten aus den Fenstern schaue, wird mir etwas schwindelig. Also taste ich mich ganz langsam heran. Als ich meine, etwas zu erkennen, parke ich rückwärts ein. 

Guck dir jetzt mal an, wo das Auto steht“, fordert mich Müller auf. Als ich sehe, was er meint, muss ich anfangen zu lachen. Denn ich stehe nicht nur leicht schief, sondern vor allem neben der Parklücke. „Hätte ich das jetzt im Parkhaus versucht, wäre wahrscheinlich das ganze Auto zerkratzt“, gebe ich zu.

Fazit: Vorwärts in die Parklücke zu fahren, war schon grenzwertig. Rückwärts ist dieser Akt auf keinen Fall machbar. Den Ablauf hatte ich zwar verinnerlicht, aber Hindernisse konnte ich nicht erkennen. 

Einmal Slalom fahren bitte!

  • Fahrer 3: Cédric Nougrigat 

Herausforderung Nummer drei hat es dann genauso in sich. Im Slalom soll ich acht orangefarbene Hütchen umkurven. Die wurden mit jeweils etwa acht Metern Abstand aufgestellt. Dann der Schreck beim Blick durch die Rauschbrille: Aus den acht Hütchen werden auf einmal 16. 

Das erste ist noch recht einfach zu erkennen und zu umfahren, danach wird die Aufgabe zur reinen Glückssache. Die Hindernisse sind nur zu erahnen. Obwohl ich immer versuche, einen weiten Bogen um die Pylone zu fahren, treffe ich zahlreiche von ihnen. Durch die Rauschbrille kann ich kaum gucken. 

LN-Fotograf Cédric Nougrigat vor der Fahrt durch den Slalom-Parcours. 

Als ich am Ende der Aufgabe die Brille abnehme, stelle ich fest, was ich bereits befürchtet hatte: Von den acht Hütchen stehen gerade einmal noch drei. Zum Vergleich: Beim anschließenden Fahren des Slaloms – ohne Rauschbrille – touchiere ich nicht ein einziges der roten Hütchen. 

Fazit: Hindernisse sind im betrunkenen Zustand kaum zu erkennen. Gut, dass es in dem Fall nur Hütchen waren. 

Hindernis auf der Straße – Gefahrenbremsung

  • Fahrer 4: Carlo Czichowski 

Mein Auftrag lautet: Gefahrenbremsung mit Rauschbrille. Zunächst traue ich mich eigentlich gar nicht loszufahren, weil ich zwar verschwommen drei entfernte Personen ausmachen kann, aber von den Hütchen nichts zu erkennen ist. Als Müller sagt „Fahr ruhig, kann ja nichts passieren“, starte ich dann doch – er gibt mir das nötige Sicherheitsgefühl. 

Ich gebe etwas Gas. Erschreckenderweise fühlt sich das Ganze aber an, als würde ich schon sehr schnell fahren. „Mach ruhig noch etwas schneller“, rät mir Müller trotzdem und ich befolge seine Anweisung – wenn auch etwas widerwillig. 

"Ohne Fahrlehrer Marc Müller auf dem Beifahrersitz hätte ich die Gefahrenbremsung nicht gemacht", betonte LN-Volontär Carlo Czichowski.

Und wie aus dem Nichts tauchen sie vor mir auf: Die drei verschwommenen Silhouetten der Hütchen. Sofort trete ich panisch die Bremse durch, das Auto kommt zum Stehen. Es sieht so aus, als wären sie direkt vor mir und ich bin froh, dass ich nicht drüber gefahren bin. Als ich die Brille abnehme, stelle ich aber fest, dass sie noch gute zehn Meter von mir entfernt sind. 

Fazit: Ohne Fahrlehrer Marc Müller auf dem Beifahrersitz hätte ich diese Fahrt nicht machen wollen und können. Mit der Rauschbrille habe ich mich fast blind gefühlt. Es war, als würde ich durch sehr dichten Nebel fahren: Erst sieht man nichts und ganz plötzlich taucht ein Hindernis vor dem Auto auf. Gott sei Dank war das nur ein Experiment.

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