Nach einem Schul-Desaster lernt Mika jetzt online

Andreas Arndt kämpft für ihren Sohn und ist sein einziger Halt.

Nachrodt-Wiblingwerde - Mika hat das Asperger Syndrom. Zehn Jahre alt ist der kleine Junge, der nach einem Schul-Desaster jetzt online unterrichtet wird.

Von Susanne Fischer-Bolz

Stichwort

Das Asperger Syndrom ist eine Behinderung, die zum Autismusspektrum gerechnet wird. Etwa 0,5 bis zwei Prozent aller Menschen sind vom Asperger Syndrom betroffen. Eine Vererbung scheint wahrscheinlich zu sein, die Ursachen sind aber letztlich nicht geklärt.

„Sie sagten mir, ich würde Freunde haben, aber der Schulhof war ein Albtraum von Krach und Kampf, Lügen und Betrügen, schnell laufenden Leuten, die alle wussten, was sie tun mussten, außer mir. Es war wie ein Schwarm Vögel, schwirrend, durcheinandergeraten, und die alle naselang die Richtung wechselten, alle wussten, was zu tun war, und alle in Einigkeit, abgesehen von einer Person ganz hinten. Mir.“ Dieses Zitat stammt von Geraldine Robertson. Sie hat das Asperger Syndrom. Und ist damit eine Leidensgenossin von Mika. Zehn Jahre alt ist der kleine Junge aus Nachrodt, der nach einem Schul-Desaster jetzt keine ganz normale Schule mehr besucht, sondern online unterrichtet wird. Mika lernt an der „web-individualschule“.

Tägliche Videokonferenz mit dem Lehrer

Seit September trifft er sich täglich zur Videokonferenz auf Skype mit seinem Lehrer, wird in Deutsch, Mathe, Englisch, Bio, Erdkunde und Geschichte unterrichtet. „In Biologie nehmen sie gerade den Menschen mit seinen Knochen und Muskeln durch. Das findet er ekelig. Er spürt dann alles und es tut ihm weh. Und dann passiert es auch, dass er sein Headset absetzt und wegläuft“, erzählt Mikas Mama Andrea Arndt schmunzelnd. „Aber grundsätzlich ist er sehr glücklich mit dem Unterricht.“ Sie und ihr kleiner Junge haben eine Tortur hinter sich – eine, die nach einem Happy End schreit. Aber das scheint noch in weiter Ferne.

Wutanfälle führen zu Kopfschütteln oder Ablehnung

Mika nimmt alles viel intensiver wahr. Er kann nicht filtern, alles strömt auf ihn ein. Asperger Autisten haben Probleme, soziale Kontakte zu knüpfen, tun sich schwer, Mimiken zu erkennen und gelten oft als sonderbar. Und vor allem: Sie gelten oft als schlecht erzogen.

Die Schule

Das erklärte Ziel der „web-individualschule“ ist, all denjenigen eine echte Perspektive zu bieten, denen der Weg zur Schule bisher nicht möglich war. Dabei gehe es nicht nur um Bildung. Es gehe auch um Selbstwertgefühl und darum, eine individuelle Ausrichtung für das Leben zu gewinnen und eine klar definierte Position innerhalb der Gesellschaft zu beziehen, die Anerkennung und Glück verheiße. Gegründet wurde die Bochumer Schule 2002 – anerkannte Fernschule ist sie seit 2004. Aktuell unterrichten fünf Lehrer an der „web-individualschule“. Das Lernangebot umfasst den Förderschulunterricht, die Sonderpädagogik und Vorbereitung auf den Abschluss nach Klasse 9 und 10 und die Fachoberschulreife. Lehrzeiten sind nach Absprache zwischen 8.30 und 16 Uhr. Es könnten der Hauptschul- und Realschulabschluss, die Fachoberschulreife und ein Förderschulabschluss erreicht werden. Die Abschlüsse müssen allerdings an öffentlichen Schulen abgelegt werden, was bisher 157 Mal erfolgreich geklappt hat.

„Das hat man mir ganz oft vorgeworfen“, erzählt Andrea Arndt. Mikas Wutanfälle, vor allem dann, wenn feste Rituale durchbrochen werden, wenn etwas nicht so läuft, wie gedacht und geplant, stoßen bei Mitmenschen auf Kopfschütteln. Im besten Fall. Oder auf Ablehnung. In den meisten Fällen.

"Zu Hause war alles gut, aber draußen nicht"

Ein Kind, das sich im Supermarkt hinwirft und schreit, weil der Getränkeautomat piept, passt nicht in die angepasste Welt. Und die Mutter, die eben diesen Sohn „nicht im Griff hat“, auch nicht. „Aber ich bin immer für ihn da“, sagt Andrea Arndt, die schon sehr früh ahnte, dass Mika kein „ganz normaler Junge“ ist. Er wollte Input. Jede Menge Input.

„Wir haben auch schon sehr früh mit Englisch angefangen“, erinnert sich die alleinerziehende Mutter, die zunächst dachte, Mika sei schlicht hochbegabt. Doch im Kindergarten zog sich der Knirps lieber zurück als mit anderen zu spielen. Und immer wieder tauchten diese Wutanfälle auf. „Zu Hause war alles gut, aber draußen nicht.“

Alles ist bis aufs Detail durchgeplant

Mika braucht feste Rituale. Alles ist bis aufs Detail durchgeplant. Daran orientiert sich der Junge. Fällt etwas aus der Reihe, wird es schwierig für ihn. Und für alle in seiner Umgebung.

In der Grundschule Letmathe, die Andrea Arndt ausgesucht hatte, weil dort klassenübergreifend unterrichtet wird, kam Mika überhaupt nicht zurecht. Er hielt den Lärmpegel nicht aus. Mit Verdacht auf ADHS wurde der Nachrodter Junge in der Lüdenscheider Tagesklinik untersucht. „Aber mir war klar, dass er das nicht hat“, sagt Mama Andrea. Schließlich endlich die Diagnose: Asperger Syndrom.

Mika konnte anderthalb Jahre lang nicht beschult werden

Mika wechselte nach der Ermittlung des sonderpädagogischen Förderbedarfs auf eine Lüdenscheider Schule. „Es waren zwar kleine Klassen, aber er war komplett unterfordert und machte nur Quatsch. Nach einem halben Jahr war klar: So kann es nicht weitergehen, Mika braucht eine Integrationskraft“, erzählt Andrea Arndt. Doch die passende Unterstützung wurde nicht gefunden. Entweder scheiterte es an Mikas Einwand oder daran, dass die Integrationskraft ihn ablehnte.  Und so konnte Mika tatsächlich eineinhalb Jahre lang nicht beschult werden.

Okay vom Gesundheitsamt und vom Schulamt

Das Lehrerkollegium der "webindividualschule" unterrichtet seine Schüler via Internet.

 „Ich bin sein einziger Halt“, sagt Andrea Arndt, die ihren Beruf aufgeben musste. „Denn Mika kann nicht alleine zu Hause sein“, sagt die Nachrodterin, die mittlerweile von Hartz IV lebt. Seit das Gesundheitsamt und das Schulamt ihr Okay gegeben haben, kann Mika nun die „web-individualschule“ besuchen. „Tokio Hotel haben dort auch ihren Abschluss gemacht“, erzählt Andrea Arndt von der Schule für ungewöhnliche Kinder.

Schulkosten werden vom Jugendamt bezahlt

Die Schüler an der „web-individualschule“ haben eines gemeinsam: Ihnen allen ist es nicht möglich, den Standardweg des Schulsystems zu gehen. Nur die Gründe sind sehr unterschiedlich. 800 Euro im Monat kostet der Besuch der Onlineschule. „Das wird vom Jugendamt bezahlt“, sagt Andrea Arndt dankbar. Sie ist 24 Stunden für ihren Jungen da. Nur freitags kommt für ein paar Stunden ein Betreuer.

Aus dem Haus gehen, um kurz einzukaufen oder Freunde zu treffen, ist für Andrea Arndt nicht drin. Zu groß ist die Gefahr, dass irgendetwas Außergewöhnliches für Mika passiert – und sei es nur, dass der Nachbar den Rasenmäher anwirft.

Mika will Spieleentwickler werden

Ist Andrea Arndt trotz allem ein glücklicher Mensch? „Ja“, sagt die 39-Jährige. „Mika ist ein lieber Junge mit einer sehr direkten Art. Er sagt das, was andere nur denken. Das ist manchmal peinlich, aber wenn man es sich recht überlegt, dann ist es gut.“ Mika möchte später Spieleentwickler werden. Er ist heute schon ein absoluter Computerfreak. „Und wenn er erst einmal Programmierer ist, will er mich unterstützen und am liebsten auf einer einsamen Insel leben.“

Andrea Arndt würde gerne Kontakt zu Gleichbetroffenen im Märkischen Kreis aufnehmen. Wer sich angesprochen fühlt, meldet sich bitte per E-Mail in der Redaktion des Boten unter redaktion@der-bote.net.

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