"Mezis" - die unbestechlichen Ärzte

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Nik Koneczny will auf den Einfluss der Pharmaindustrie aufmerksam machen.

Herdecke/Märkischer Kreis. David gegen Goliath… Ganz so theatralisch möchte Nik Koneczny die Initiative „Mezis“ nicht sehen. Und dennoch hat sie ein bisschen Romantik-Charakter. Denn bei „Mezis“ stellen sich zwar mehr als eine Handvoll, aber noch nicht überragend viele Mediziner gegen die Einflussnahme der Pharmaindustrie.

Von Susanne Fischer-Bolz

„Mezis“ steht für „Mein Essen zahl ich selbst“ – die unbestechlichen Ärzte. Die Redaktion besuchte den Herdecker Arzt Nik Koneczny, der im Stadtteil Kirchende mit einer Kollegin eine Gemeinschaftspraxis führt. Dass doch viele Kaffeetassen mit ebenso vielen Pharmalogos im Schrank stehen, dass es geschenkte Kalender, Kugelschreiber und anderen Werbekram in der Praxis gibt, liegt eher an der Gelassenheit seiner Kollegin zum Thema.

„Das gehört hier wirklich nicht hin“, sagt Nik Koneczny. Für ihn ist eine Pharmavertreter-freie Zone wichtig: Er will nicht bestechlich sein. Und mit ihm kämpfen 500 andere Mediziner bundesweit gegen die Einflussnahme, gegen den Druck, gegen die möglichen Gefahren, gegen die Manipulation.

Der Märkische Kreis ist noch ein weißer Fleck

Der Märkische Kreis ist in dieser Hinsicht noch ein weißer Fleck. Bis jetzt hat sich noch kein Arzt, keine Ärztin der Initiative angeschlossen. „Was nicht bedeutet, dass sie es nicht gut finden. Umweltschützer sind auch nicht alle Mitglied bei Greenpeace“, lacht der Internist und Wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Witten/ Herdecke, der aber sehr wohl auch zugibt, dass einige Kollegen wenig amüsiert von „Mezis“ sind, dass sie die Initiative sogar als Rufschädigung empfinden.

"Pharmavertreter sind Verkaufs-Profis"

Kleine Gefälligkeiten? Was spricht schon dagegen? „Mezis“, die Moralapostel? Eher nicht. Um den Ärzten ihre Produkte zu verkaufen, investiert die Pharmaindustrie viel Geld. Sehr viel Geld. Der Markt ist hart umkämpft. Die Pharmavertreter sollen die Ärzte umwerben, damit die ihre Produkte an den Patienten bringen. „Mezis“ behauptet: „Pharmavertreter informieren nicht, sie sind Verkaufs-Profis und machen Werbung. Sie werden intensiv darin geschult, sich emotional auf die Ärztin oder den Arzt einzulassen und quasi freundschaftlich an sich zu binden. So etwas schafft Loyalitäten und oftmals unbewusste Abhängigkeiten.

15 000 Pharmavertretern allein in Deutschland

Dass das funktioniert, zeigt die große Zahl von mehr als 15 000 Pharmavertretern allein in Deutschland. Jeder von ihnen kostet 125 000 bis 200 000 Euro im Jahr. Würde dieses Geld nicht Wirkung zeigen, würden die Hersteller es auch nicht ausgeben. Aber immer, wenn Pharma-Hersteller versucht haben, die Ausgaben für den Außendienst zu reduzieren, ging die Zahl der Verordnungen ihrer Produkte zurück.“  Patienten von Nik Koneczny bekommen die Medikamente, die von den Leitlinien empfohlen werden. „Wir brauchen natürlich gute, neue Medikamente, aber viele sind pure Pseudoinnovationen. Ein altes Medikament kommt neu auf den Markt und kostet plötzlich das Zehnfache.“

Auch Tischkalender gehören zu den Werbeartikeln, die die Pharmavertreter in den Praxen verteilen.  

Und: Dringend benötigte Medikamente, zum Beispiel neue Antibiotika („es gibt viele Erkrankungen, die man heilen könnte“), würden nicht entwickelt, weil sie nicht gewinnversprechend seien. Und weiter: Zudem seien die Patienten bei der Einnahme erst jüngst zugelassener Medikamente zusätzlichen Risiken ausgesetzt, man kenne die Nebenwirkungen nicht.

Ein nicht zu unterschätzendes Problem sind die Patienten, die im Krankenhaus waren und dort ein neues Medikament bekommen haben, das sie nun auch von ihrem Hausarzt möchten. Wie den neuen Gerinnungshemmer. „Das ist dann eine schwierige Frage, die man mit dem Patienten ausführlich besprechen muss.“ Warum „Mezis“ übrigens „Mezis“ heißt, also „Mein Essen zahl ich selbst“ , ist besonders in den Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte begründet, die fast immer von der Pharmaindustrie gesponsert werden.

Fortbildungen als getarnte Werbeveranstaltungen

„Und die Fortbildungen sind auch viel lustiger und geselliger“, findet Nik Koneczny. „Man trifft immer viele Kollegen und es ist fast wie ein gesellschaftliches Event.“ Dass er dort nicht seine Butterdose auspacken kann, versteht sich von selbst. Doch er möchte ja sein Essen selbst bezahlen – „ich spende deshalb eine Summe für eine wohltätige Organisation.“ Hingehen muss er – schließlich sind Ärzte zur Fortbildung verpflichtet. Und Ärztekammern vergeben die Fortbildungspunkte. Doch diese Fortbildungen seien getarnte Werbeveranstaltungen.

 Nik Koneczny will sensibilisieren

„Man muss sich nur klar machen, dass es so läuft. Von den sechs Stunden, die man vielleicht dort ist, hat man zwei Stunden Reklame“, sagt Nik Koneczny. Bekehren will er niemanden. Nur sensibilisieren. „Mezis“ fordert die Fachgesellschaften, Berufsverbände und Standesvertretungen dazu auf, herstellerunabhängige Fortbildungen anzubieten – und Ärztekammern wird nahegelegt, im Falle der Einflussnahme Fortbildungspunkte abzuerkennen. „Die Ärztekammer Berlin wollte dies bei einer Fortbildung machen, ist dann aber eingeknickt“, so Nik Koneczny.

Die Mitglieder von „Mezis“ haben sich verpflichtet, die Einflussnahme der Pharmaindustrie möglichst gering zu halten und wollen ihr Wissen weitergeben – zum Beispiel an Studenten. „Die sind gierig, wenn man ihnen was schenkt“, schmunzelt der Herdecker Arzt und denkt auch an die Erstaustattung für den Arzt im Krankenhaus. Alles gesponsert.

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