Angriff in Bäckerei

Opfer von Messerattacke im MK: „Meine Chefin wollte mich töten“

Die Altenaerin Gizem E. wurde 2019 Opfer eines Messerangriffs.
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Die Altenaerin Gizem E. wurde 2019 Opfer eines Messerangriffs.

Gizem E. aus Altena wurde von ihrer Chefin mit dem Messer angegriffen. Sie überlebte den Mordversuch nur knapp. Nun erzählt sie ihre unglaubliche Geschichte über den Kampf zurück ins Leben.

Altena - Am 18. November 2019 ist Gizem E. aus Altena Opfer einer Messerattacke geworden. In einer Bäckerei in Iserlohn-Letmathe wurde sie von ihrer damaligen Chefin angegriffen, die wegen des Mordversuchs mittlerweile zu einer Haftstrafe von zwölf Jahren verurteilt wurde. Gizem E., heute 21 Jahre alt, überlebte den Vorfall nur knapp. In einem Dokumentarfilm mit dem Titel „Meine Chefin wollte mich töten“ von Funk (Netzwerk für Online-Inhalte von ARD und ZDF) erzählt sie nun ihre unglaubliche Geschichte und schildert den langen Weg zurück ins Leben.

StadtAltena
KreisMärkischer Kreis
Bevölkerungca. 16.700

„Die Ärzte meinten, dass ich eine zehnprozentige Überlebenschance hatte“, sagt Gizem E.. Zwei Notoperationen waren notwendig, um das Leben der damals 19-Jährigen zu retten. Zweimal wurde sie von den Ärzten wiederbelebt und erhielt 23 Bluttransfusionen. Ihre Chefin, die im Video nur „Frau K.“ genannt wird, hatte die junge Altenaerin in einen kaum genutzten Lagerraum der Bäckerei geführt und sie dort mit einem Messer attackiert.

Nach Messerattacke in Bäckerei-Filiale: „Ich habe öfters um Hilfe geschrien“

Die 20 Zentimeter lange Klinge stieß sie Gizem E. in den Bauch. Magen, Darm und Bauchspeicheldrüse wurden verletzt, außerdem große Blutgefäße durchtrennt, sodass sie viel Blut verlor. „Schmerzen hatte ich keine“ schildert Gizem. Überhaupt habe sie erst realisiert, was passiert war, als die Täterin das Messer aus der Wunde herauszog. „Ich bin dann die Treppe heruntergerannt und habe öfters um Hilfe geschrien.“ Eine Kundin der Bäckerei eilte zur Hilfe, bevor der eintreffende Rettungsdienst die Versorgung von Gizem übernahm und sie so schnell wie möglich in ein Krankenhaus brachte.

Im Rettungswagen habe sie das Bewusstsein verloren, schildert die Altenaerin und erinnert sich an den Traum, den sie hatte. Sie befand sich in einem Raum mit einem weißen Tisch: „Ich saß da mit meiner Arbeitskleidung, die ich an dem Tag auch an hatte. Gegenüber war meine Familie. Mein Vater kam, hat mir die Hände gehalten und gesagt: ,Du schaffst das schon’.“

Täterin und Opfer hatten gutes Verhältnis

Erst zwei Tage später kam Gizem wieder zu sich. Infolge der schwerwiegenden Verletzungen war sie ins Koma gefallen. Deshalb konnte sie der Kriminalpolizei zunächst keine Angaben zu dem Angriff machen. Die Angreiferin hatte den Ermittlern erklärt, dass es ein Arbeitsunfall gewesen sei. Gizem habe sich vor einer Spinne erschreckt und sei ihr ins Messer gelaufen.

Den Messerblock in der Küche deckt die Familie von Gizem E. aus Altena seit dem Mordversuch in der Bäckerei ab.

Die Polizei nahm Ermittlungen auf. Frau K., zu der Gizem wohl ein gutes Verhältnis hatte („Ich hatte mich jeden Tag darauf gefreut, mit ihr zusammenzuarbeiten“) wurde inhaftiert. Später stellte sich heraus, dass sie spielsüchtig war und Tageseinnahmen der Bäckerei in Höhe von 1.850 Euro unterschlagen hatte.

Gizem E.: „Ich werde ihr das nicht verzeihen können“

„Was sie mir am Ende in die Schuhe schieben und mich dann aus dem Weg schaffen wollte, damit es nicht mehr auffliegt“, erklärt die 21-Jährige. „Für Geld einen Menschen umzubringen, ist wirklich sehr, sehr ekelhaft“, sagt Gizem E. in der Funk-Dokumentation. „Ich kann bis heute nicht verstehen, wieso sie das getan hat und ich werde ihr das nie verzeihen können. So etwas kann man einfach nicht verzeihen.“

Für sie begann ein langer Weg zurück ins Leben. Nach zwei Wochen auf der Intensivstation und zwei weiteren Wochen in stationärer Behandlung durfte sie nach Hause. Ein Schock sei es gewesen, im Krankenhaus die 40 Zentimeter lange Narbe zu entdecken, die am Bauch zurückblieb. Mit den körperlichen Folgen klarzukommen, war eine Sache. Es brauchte Training, um wieder fit zu werden. „Ich konnte am Anfang überhaupt nicht gehen, nicht stehen, das ging gar nicht für mich.“

Erlebnis mit einer Therapie verarbeitet

Den Vorfall psychisch zu verarbeiten, stand jedoch auf einer anderen Karte, psychotherapeutische Hilfe wurde notwendig. „Wenn Menschen schnell auf mich zukommen, habe ich Angst und schaue direkt auf ihre Hände“, erklärt Gizem, was sie bis heute begleitet. Auch Messer kann die Altenaerin nicht sehen: Den Messerblock in der Küche decke ihre Familie mit einem Tuch ab, damit sie den Raum überhaupt betreten kann. Neben Therapie half ein Hund, den sich die Familie zulegte.

„Es hat sich wirklich mein Leben komplett verändert“, sagt Gizem in der Dokumentation. Vor der Messerattacke hatte sie geplant, eine Ausbildung bei der Bundespolizei anzufangen. Hatte in der Bäckerei nur gearbeitet, um einige Monate zu überbrücken und sich in dieser Zeit etwas Geld dazuzuverdienen. Inzwischen geht sie wieder zur Schule und macht ihr Fachabitur. Danach will sie noch einmal versuchen, sich bei der Polizei ihren beruflichen Traum zu erfüllen.

Ausbildung bei der Polizei als Traumberuf

„Weil ich es nicht wahrhaben will, dass irgendjemand mir das aus meiner Hand genommen hat.“ Dass diese Ausbildung psychisch möglich ist, sei jedoch unwahrscheinlich, „haben meine Psychiater erzählt“.

Gizem E. blickt trotzdem nach vorne. Ihre Narbe kann die 21-Jährige inzwischen akzeptieren. „Es ist meine eigene Haut, das gehört zum Körper und ich muss mich für gar nichts schämen.“ Die Narbe ist zu einem Zeichen der Stärke geworden. Ihre Geschichte erzählt sie, „weil ich möchte, dass jeder Mensch sieht, dass so etwas nicht nur in Filmen passiert“. Sie habe aus dem Vorfall gelernt, wachsam durchs Leben zu gehen und es mehr wertzuschätzen. „Das Leben kann von heute auf morgen einfach zuende sein. Man weiß nie, was passiert.“ Die ganze Geschichte von Gizem E. können Sie hier sehen.

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