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Landtagskandidaten im Wahlkreis 123: Otto Ersching (Die Linke) im Porträt

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Von: Thomas Machatzke

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Otto Ersching Die Linke Porträt
Otto Ersching vor dem Museum im Lüdenscheider Stadtzentrum: Auch wenn die Zeiten für die Partei Die Linke schwierig sind, macht ihm der Wahlkampf Spaß. © Cedric Nougrigat

Im heimischen Wahlkreis 123 (Lüdenscheid, Schalksmühle, Halver, Kierspe, Meinerzhagen und Herscheid) stehen am 15. Mai sieben Direktkandidaten zur Wahl: Otto Ersching (Linke) im Porträt.

Lüdenscheid – Zwei Tage nach dem Rücktritt von Co-Parteichefin Susanne Hennig-Wellsow stellen sich in der Partei Die Linke viele Fragen. Es ist der vorletzte Freitag im April. Otto Ersching, im vergangenen Jahr Bundestagskandidat der Partei im Wahlkreis 149 (Olpe/Märkischer Kreis 1) und nun Landtagskandidat im Wahlkreis, sitzt da und kennt die Antworten auch nicht. Aber er benennt die Fragen. „Wie geht’s weiter?“, fragt Ersching, „geht’s überhaupt weiter? Woran liegt es? Und: Was kann man selbst dazu tun, dass es weitergeht?“

Eigentlich soll es um den Menschen Otto Ersching gehen in diesem Gespräch zur Landtagswahl, aber natürlich geht es auch um Politik. Und irgendwie gehört dies beim 57-Jährigen ja inzwischen auch alles eng zusammen. Seit Ersching 2016 den Weg in die Partei gefunden hat, tanzt er auf vielen politischen Hochzeiten. Erst mit Schiebermütze und Che-Guevara-Sticker auf den Wahlplakaten vor zwei Jahren im Lüdenscheider Kommunalwahlkampf, nun ganz akkurat mit weißem Hemd, Sakko und seinem markanten Kopf.

Natürlich müsse es weitergehen, sagt Ersching, denn natürlich müsse es eine Partei links von der SPD geben. Die Sozialdemokraten, bei denen er in den 80er-Jahren fast einmal eingetreten wäre, hält der Lüdenscheider längst nicht mehr für sozial. Sie haben Hartz IV eingeführt, er hätte viel lieber eine Grundsicherung. Auch in der Friedenspolitik ist die SPD spätestens seit dem Jugoslawien-Krieg Ende der 90er-Jahre für ihn nicht mehr akzeptabel. In den 80ern nicht bei den Sozialdemokraten eingetreten zu sein, bezeichnet Otto Ersching heute als Glücksfall.

Landtagskandidaten im Wahlkreis 123: Otto Ersching (Die Linke)

Dem ersten politischen Interesse Erschings in den 80er-Jahren war indes ein recht unpolitisches Leben als Familienvater gefolgt. Ersching hatte nach der Hauptschule erst Einzelhandelskaufmann gelernt und nach der Bundeswehrzeit eine weitere Lehre zum Werkzeugmechaniker angeschlossen, hatte bei Erco in diesem Job seine Heimat gefunden. Ersching hatte geheiratet, war Vater dreier Söhne geworden, hatte seine Weiterbildung zum Techniker gemacht. Ein glückliches Familien- und Berufsleben, wenig Zeit für Politik.

Die Kündigungswellen bei Erco, bei denen 100 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren, haben ihn repolitisiert. Ersching, der als Werkzeugkonstrukteur inzwischen einen guten Job im Unternehmen hatte, saß als Betriebsrat dabei, als seinen Kollegen die Nachricht der Kündigung überbracht wurde. Erlebnisse, die etwas mit einem Menschen machen. Erschings Reaktion: „Jetzt musst du dich stärker engagieren.“ Seitdem gibt es kaum eine Zeit ohne Wahlkampf für den Lüdenscheider, der neben Jupp Filippek für die Partei im Lüdenscheider Stadtrat sitzt.

Wer dieser Tage von Otto Ersching eine WhatsApp-Nachricht erhält, der sieht im Bild des Absenders nicht Ersching, sondern das Konterfei von Rosa Luxemburg, der Ikone der Linken. In ihrer Tradition sieht er sich, findet Janine Wisslers Linie in der Parteiführung gut, auch wenn er weiß, dass es auch für Wissler schwierige Zeiten sind. Damit ist er auf der linken Seite der Linken zu Hause, eine Art Linksaußen. „Ich hatte gehofft, dass aus dem Konträren etwas Gutes wachsen würde“, sagt er mit Blick auf die Spitze der Bundespartei. Nun gibt es womöglich einen neuen Vorstand. Ersching würde gerne zu den Delegierten gehören, die diesen Vorstand wählen. Die Kreise Soest, Siegen, Olpe, HSK und Märkischer Kreis dürfen vier Delegierte stellen.

Ich hatte gehofft, dass aus dem Konträren etwas Gutes wachsen würde!

Otto Ersching (Die Linke) über die Parteispitze

Den Landtagswahlkampf dieser Tage empfindet Otto Ersching sogar als leichter als den Bundestagswahlkampf. Es gibt weniger Podiumsdiskussionen. Weil seine Partei nicht im Landtag vertreten ist, ist er bei der Wahlarena im Kulturhaus erst gar nicht dabei gewesen. „Zwei Minuten lang habe ich mich darüber geärgert“, sagt er, aber dann hat er sich ans vergangene Jahr erinnert und war auch bisschen froh. Beim Arbeitgeberverband gab’s nie viel zu gewinnen für ihn.

So macht er Straßenwahlkampf, findet Zuspruch und bleibt seinen Themen und Standpunkten treu. Gerade jetzt, in Zeiten des Ukraine-Krieges, allen voran seiner pazifistischen Grundhaltung, die er für sich seit Ende des Kalten Krieges betont. Geschlossen müsse die Linke da sein, sagt Ersching und ärgert sich, wenn einer wie Gregor Gysi nun Wege sucht, Waffenlieferungen ins Kriegsgebiet zu legitimieren. Ein Waffenstillstand ohne Bedingungen müsse her, die Rückkehr an den Verhandlungstisch.

Ersching glaubt nicht an einen Einzug seiner Partei in den Landtag

Bildung („Gleiche Chancen für jedes Kind, eine zweite Gesamtschule für Lüdenscheid!“) liegt ihm ebenso am Herzen wie der Klima- und Umweltschutz. Wenn die Rede auf die A45-Sperrung, das Thema Nummer eins in der Region, kommt, dann findet auch Ersching, dass die Brücke schnell (und möglichst nur vierspurig) neu gebaut werden sollte und versteht nicht, warum bis heute keine modernen Systeme umgesetzt werden, um Verkehr aus der Stadt herauszuhalten. Vor allem aber sieht er die Sperrung auch als guten Anlass, den Güter- und Bahnverkehr zu forcieren. „Das wäre gut für Lüdenscheid und fürs Klima“, sagt er und wünscht sich außerdem nicht nur für drei Monate ein günstigeres ÖPNV-Ticket. Den ÖPNV in der ländlichen Region würde er gerne ausbauen. Dafür kämpft er im Wahlkampf.

Otto Ersching: Gut vernetzt in der NRW-Partei Die Linke

Im heimischen Wahlkreis 123 (Lüdenscheid, Schalksmühle, Halver, Kierspe, Meinerzhagen und Herscheid) stehen am 15. Mai sieben Direktkandidaten zur Wahl: Ralf Schwarzkopf (CDU), Gordan Dudas (SPD), Angela Freimuth (FDP), Julia Decker (Grüne), Otto Ersching (Linke), Horst Karpinsky (AfD) und Stefanie Kordaß-Aysanoglu (Die Basis).

Otto Ersching (57), verheiratet, drei Söhne, begeisterter Landschaftsfotograf, lässt sich im politischen Raum auch nicht entmutigen, wenn er mit einem Antrag mal wieder im Rat der Stadt Lüdenscheid scheitert. Prozesse anregen, unbequem sein, Anwalt der kleinen Leute bleiben – dafür steht der Lüdenscheider, der gut vernetzt ist als Mitglied der AKL (Antikapitalistische Linke) und der AG Gesundheit und Soziales in NRW. In dieser Eigenschaft hat er am Wahlprogramm für die Landtagswahl und am Leitfaden zur Kommunalpolitik der Partei mitgeschrieben. Viel Zeit für andere Hobbys bleibt da nicht.

Aber er bleibt Realist. Daran, dass seine Partei die Fünf-Prozent-Hürde nimmt, glaubt er nicht. Für seinen Wahlkreis sähe er schon ein Vier-Prozent-Ergebnis als Erfolg an. Wichtig, so Ersching, sei, dass die Partei nicht unter die 2,5-Prozent-Marke in NRW falle, denn das würde Einschnitte in die Bildungs- und Betreuungsangebote in NRW bedeuten. So ist es in diesem Kontext ein Wahlkampfendspurt im Schadensbegrenzungsmodus. Spätestens seit dem Hennig-Wellsow-Rücktritt. Otto Ersching nimmt die Herausforderung an – mit der ihm eigenen stoischen Ruhe und Beharrlichkeit. Er bleibt sich auch in schwierigen Zeiten treu.

Die weiteren Kandidaten für die Landtagswahl im Wahlkreis 123 (Erststimme) im Porträt:

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