Landratswahl im Märkischen Kreis: Walter Gertitschke (UWG) im Porträt

+
Walter Gertitschke möchte bei der Landratswahl mindestens acht Prozent einfahren. 

Märkischer Kreis – Mit Leicht- und Schwergewichten hatte es Walter Gertitschke tagein, tagaus zu tun. Aus beruflichen Gründen. Bis zu seiner Pensionierung vor sieben Jahren leitete der heute 70-Jährige die Betriebsstelle des Eichamtes Arnsberg.

„Alles, wonach abgerechnet wird, muss geeicht sein.“ Deshalb reisten er und sein Team mal mit tonnenschweren Gewichten an, um die Lkw-Waage einer Bauschuttdeponie zu prüfen, für Apotheken, in denen es um Gramm und Milligramm ging, reichte hingegen leichtes Gepäck. Mittlerweile kümmert sich der gebürtige Hemeraner ausschließlich ums Gleichgewicht – „persönlich und mit Erfolg“, wie er lachend feststellt. Trotzdem bleiben Ambitionen auch im Ruhestand nicht auf der Strecke: Für die Unabhängige Wählergemeinschaft (UWG) wirft er seinen Hut als Landratskandidat in den Ring. „Verantwortung übernehmen, ein offenes Ohr haben, neue Wege finden und mit anderen Menschen ins Gespräch kommen, um die Zukunft eines Kreises und der Bürger, die in ihm leben, aktiv mitzugestalten – das war und ist mein Antrieb, mich kommunalpolitisch zu engagieren“, stellt er fest. 

Seit 20 Jahren politisch engagiert

Der ehrenamtliche Einsatz in der Politik begann vor 20 Jahren. Was als sachkundiger Bürger und Ratsmitglied der Stadt Hemer begann, setzte sich 2004 als Abgeordneter im Kreistag fort. Fünf Jahre später wählte ihn die Kreistagsfraktion zu ihrem Vorsitzenden, parallel steht er seit 2009 der UWG im Märkischen Kreis vor. „Wenn man die Kommunalpolitik vernünftig und intensiv angeht, ist sie schon ein sehr zeitintensives Hobby.“ Dass aus dem Ehrenamt noch ein spätes berufliches Engagement an der Spitze einer Kreisverwaltung werden könnte, daran glaubt er selber nicht. „Da bin ich selbstverständlich Realist.“ Aber acht bis neun Prozent der Wählerstimmen möchte er schon auf sich vereinen. „Zu niedrig werde ich nicht pokern.“ Mit der eigenen Kandidatur für das Landratsamt möchten die Unabhängigen den Bürgern eine politische Alternative geben. Einiges läuft aus Sicht von Walter Gertitschke auf Kreisebene in die falsche Richtung, anderes gelte es auf jeden Fall zu bewahren. 

Der Kreishausanbau in Lüdenscheid wirft aus Sicht des Kandidaten gleich zwei Fragen auf: „Den gewaltigen Sprung bei den Baukosten von den ursprünglich geplanten 11,5 Millionen Euro auf aktuell 16,5 Millionen Euro hat uns bis heute noch niemand nachvollziehbar erklärt.“ Ob ein Projekt dieser Größe angesichts der erwiesenen Möglichkeiten überhaupt noch notwendig ist, zieht der Kandidat in Zweifel. „Unter dem Druck von Corona hat das Homeoffice im Märkischen Kreis schon sehr gut funktioniert. Solche Wege sollten wir jetzt nicht grundlos verlassen und die Verwaltung wieder im alten Schema einrichten. Das vorhandene Potenzial muss der Kreis stattdessen ausbauen und verfeinern.“ 

Noch schwer im Magen liegt dem UWG-Chef die im vergangenen Jahr beschlossene und vollzogene Schließung des Marienhospitals in Iserlohn-Letmathe, das neben Lüdenscheid und Werdohl das bis dahin dritte Standbein der Märkischen Kliniken war. Dass sich das Land Nordrhein-Westfalen mit bis zu 90 Prozent an den direkten Schließungskosten beteiligen werde, sei bisher nichts weiter als ein Lippenbekenntnis. „Mit den goldenen Zügeln des Geldes ging es allein um eine Fortsetzung des Bettenabbaus.“ Aber gerade die Pandemie habe gezeigt, wie elementar wichtig im Notfall jedes einzelne Krankenhausbett sei. „Unseren europäischen Nachbarn haben wir nur deshalb lebensrettend helfen können, weil wir über die entsprechenden Kapazitäten verfügen.“ Ob angesichts der durch die Corona-Krise herbeigeführten enormen Verschuldung des Landeshaushaltes eine spürbare Kostenbeteiligung überhaupt noch realistisch sei, stehe auf einem ganz anderen Blatt. Bislang ließen Kreis und Klinikum lediglich verlauten, es würden „gute Gespräche“ geführt – „eine nette Umschreibung für Unverbindlichkeit“. 

Sehr heimatverbunden

Fest stehe nur, dass es an dieser Stelle kein Krankenhaus mehr geben werde. „Ansonsten ist der Ausgang des letzten Kapitels Marienhospital noch völlig offen.“ Deutliche Kritik übt Gertitschke am Verfahren des Kreises, über Stipendien junge Hausärzte zu gewinnen. Die Aufstockung von 400 auf 600 Euro pro Monat missfällt dem UWG-Chef dabei ebenso wie das grundsätzliche Vorgehen. „Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe hat sich um die ausreichende Ärzte-Versorgung zu kümmern. Jahr für Jahr wird bei den Haushaltsplanberatungen über Bund und Land geklagt, die teure Aufgaben delegieren und wir deshalb die Kreisumlage erhöhen müssen. Gleichzeitig geben wir eine Menge Geld aus für eine Sache, für die wir gar nicht zuständig sind und die im Ergebnis eher zweifelhaft ist.“ Zum sechsten Mal hat der Märkische Kreis in diesem Frühjahr vier Stipendien für Studentinnen und Studenten der Humanmedizin ausgeschrieben. Maximal 28 800 Euro kann jeder Bewerber erhalten. Uneingeschränkt stehen die Unabhängigen zu den sieben Förderschulen im Kreis, die für die Betroffenen eine echte Alternative zur Regelschule darstellten. „Die Anmeldezahlen bestätigen den Bedarf.“ Bei den fünf Berufskollegs habe der Kreis durch die Vielfalt an Bildungsmöglichkeiten und Abschlüssen ebenfalls den richtigen Weg eingeschlagen. „Die Digitalisierung muss konsequent weiterentwickelt werden“, fordert der Landratskandidat. Ausbau der Windkraft, um die Klimaziele zu erreichen, Erweiterung des Ladenetzes für die E-Mobilität, verstärkter Einsatz von Bürgerbussen, wo die geringe Nachfrage keinen Linienverkehr zulässt, Prüfung von Photovoltaik, Kraftwärmekopplung und Solarthermie auf ihre Machbarkeit bei jeder Baumaßnahme des Kreises, Vermeidung von Einwegartikeln – „um den Kreis zukunftssicher zu machen, dürfen solche Aufgaben nicht auf die lange Bank geschoben werden“, fordert der UWG-Chef. „Und das ist nur ein Ausschnitt.“ Dass die Unabhängigen, die sich ihrem Namen verpflichtend nicht als Partei verstehen, mittlerweile eine feste Größe im Märkischen Kreis darstellen, ist für Gertitschke das Ergebnis konsequenter Nähe vor Ort und zum Bürger. „In Hemer sind wir seit 1975 drittstärkste Fraktion.“ 

Heimatverbundenheit ist deshalb auch für ihn, der seinen Garten hegt und pflegt sowie Spaziergänge schätzt, keine leere Worthülse. Dass der Sauerlandpark, von den eigenen vier Wänden nur einen Steinwurf entfernt, ein beliebtes Ziel ist, hat mehrere Gründe. „Das Gelände lädt auf vielfältige Weise zum Entspannen ein und bietet einem Gartenfan selbstverständlich eine Menge Anregungen.“ Was nicht heißt, dass im eigenen Refugium keine Kreativität waltet. Die Obstbäume werden kräftig gestutzt – „altersgerecht und barrierefrei“, schmunzelt Gertitschke. Aktueller Blickfang, der selbst die Rosen buchstäblich in den Schatten stellt, ist eine inzwischen 2,50 Meter hohe Palme. Die passt zur Wetterlage, im Winter wird die Pflanze sorgsam mit Jute ummantelt. Nicht alles klappt dabei immer am Anfang. So das Vorhaben, die Palme in den Abendstunden mit einem Beleuchtungsschlauch effektvoll zu illuminieren. 

Die Halogen-Leuchtmittel waren zu viel des Guten für das Gewächs und verbrannten zwei Palmwedel. „Da muss ich mir noch etwas anderes einfallen lassen.“ Möglicherweise gibt‘s Hilfe im benachbarten Park. „Ich staune immer wieder, was die Profis alles vollbringen.“ Gehegt und gepflegt würden die Themengärten dabei von Ehrenamtlichen. „Die Hemeraner lieben ihren Park.“ Der Strandgarten rund um den Himmelsspiegel vermittle jetzt sogar richtige Urlaubsgefühle. Sand und ein desinfizierter Liegestuhl für eine Tagesgebühr von einem Euro machten das Erholungserlebnis perfekt. „Da muss man nicht nach Malle.“ Aber ins Landratsbüro für die nächsten Jahre? „Na ja! Ein gutes Ergebnis wäre schon schön.“

Zur Person: Walter Gertitschke

Walter Gertitschke, 1950 in Hemer geboren und auch aufgewachsen, begann mit 14 Jahren eine Lehre zum Feinmechaniker. Als staatlich geprüfter Techniker erlangte er das Fachabitur und schloss das Studium der Elektrotechnik als Diplom-Ingenieur an der FH ab. Sein beruflicher Weg führte in über Eichämter Dortmund, Köln und Bielefeld nach Arnsberg. Dort leitete er die Betriebsstelle bis zu seiner Pensionierung. Walter Gertitschke ist Vater einer Tochter und kann auf 47 „glückliche Ehejahre“ zurückblicken. Sein politischer Einsatz für die UWG begann im Jahr 2000 in Hemer. Seit 2009 ist er Vorsitzender der Kreistagsfraktion und Vorsitzender der UWG im Märkischen Kreis.

Die Mitbewerber um den Landratsposten im Märkischen Kreis:

Zu Besuch bei Angela Freimuth, FDP 

Zu Besuch bei Volker Schmidt, SPD 

Das

ist der AFD-Kandidat Gerhard Droßel

Das ist der CDU-Kandidat Marco Voge

Zu Besuch bei Christian Kißler (Die Linke)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare