Landratswahl im Märkischen Kreis: Manfred Droßel (AFD) im Porträt

+
Manfred Droßel in seiner Praxis in Hemer.

Märkischer Kreis – Wer Wohnung oder Praxis von Manfred Droßel in Hemer betritt, wird höflich, aber bestimmt auf das Gerät zur Handdesinfektion gleich neben der Eingangstür hingewiesen. Damit ist das Corona-Protokoll aber keineswegs beendet.

Ob an Flughäfen, Bahnhöfen oder Hotel–- das Fiebermessen gehört in vielen Einrichtungen national und international bereits zum Alltag. „Bei mir auch“, sagt der Heilpraktiker und greift zum kontaktlosen Stirnthermometer. 36,4 Grad Celsius. Alles im grünen Bereich. „Hier geht‘s lang; setzen Sie sich doch.“ Das Gespräch mit dem Landratskandidaten der AfD kann beginnen. „Mir ist völlig schleierhaft, warum solche Tests nicht längst zum Standard gehören“, kritisiert der 68-Jährige die aus seiner Sicht zu laxen Vorsichtsmaßnahmen, um das weitere Ausbreiten des Corona-Virus’ einzudämmen. Auch wenn Wissenschaftler dazu ganz unterschiedliche Meinungen hätten, ein Stück Sicherheit vermittle ein solcher Temperaturcheck auf jeden Fall. Und überhaupt: „Vieles wird gerade unter Experten konträr diskutiert. Ich bleibe jedenfalls dabei.“ 

Standhaftigkeit gehöre auch zu seiner Kandidatur für das Landratsamt. Dabei gibt er freimütig zu: „Ich werde sicherlich nicht in dieses Amt gewählt. So vermessen, das zu glauben, bin ich nun wirklich nicht.“ Aber es geht ihm schon darum zu zeigen, dass die AfD im Kreis wählbar sei. „Gesicht zeigen“, lautet seine Devise an dieser Stelle. Denn viele Menschen trauten sich nicht, für die Ziele der Partei öffentlich einzutreten. „Sie fürchten Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft oder in Vereinen, wenn deutlich wird, dass sie mit ihrem Namen hinter der AfD stehen. Da habe ich das ganz große Glück, völlig unabhängig zu sein.“ 

Kritik an Europapolitik

Wer heute AfD höre, verbinde die Partei sofort mit den rechtsextremen Parteigrößen Björn Höcke und Andreas Kalbitz. „Die beherrschen die Schlagzeilen, und die sind auch für die Außendarstellung wesentlich mitverantwortlich. Das führt dann eben zu einer verbreiteten Zurückhaltung in der Anhängerschaft, weil man mit denen nicht in einen Topf geworfen werden möchte.“ Das kenne er schließlich aus eigener Erfahrung. Kurz nach der Gründung der AfD 2013 um den damaligen Kopf Bernd Lucke stieß der Hemeraner dazu. Aufhänger war die Kritik an der damaligen Europapolitik, insbesondere an dem milliardenschweren Rettungsschirm, um die negativen Auswirkungen der griechischen Finanzkrise auf den Euro zu verhindern. Sein damaliger Mitgliedsausweis mit der Nummer 2303 steckt noch im Portemonnaie. Doch schon damals sorgten innerparteiliche Querelen schnell für Verdruss unter den Gefolgsleuten. „Nach ein paar Jahren habe ich mich abgewendet“, sagt Droßel, doch 2018 stieß der vierfache Familienvater aus Hemer wieder dazu – auch, um an innerparteilichen Veränderungen mitzuwirken. „Sie stehen nicht für das, was die AfD wirklich will. Man ist dabei, die Problemfälle loszuwerden“, sagt der Kandidat, ohne einzelne Namen zu nennen. 

Aber einfach sei das nun mal leider nicht, bedauert Droßel und verweist auf Parallelen. „Auch missliebige Vereinsmitglieder kann man nicht so einfach loswerden. So ist das ebenfalls in der großen Politik.“ Verbesserungsbedarf gibt es aus seiner Sicht genauso vor Ort – wobei er die Sachthemen in den Fokus rückt. Obwohl er seine Wahl zum Landrat für unrealistisch hält, auf einige für ihn wesentliche Aussagen will er nicht verzichten. „Wirtschaftsförderung und Digitalisierung sowie der Tourismus stehen bei mir ganz oben auf der Prioritätenliste. Im gesamten Kreisgebiet setzen wir uns als AfD für Erhalt und Ausbau guter Arbeitsplätze, eine auf den Patienten zugeschnittene Gesundheitsinfrastruktur und den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs ein. Dabei wollen wir für Schüler und Auszubildende ein kostenloses Busangebot durchsetzen.“ Kontroverse und langwierige Diskussionen seien an vielen Stellen zu erwarten und auch nötig. „Unterschiedliche Meinungsäußerungen müssen dabei so geführt werden, dass sich trotzdem alle respektiert fühlten. Am Ende eines offenen Umgangs mit ebenso ergebnisoffenen Diskussionen steht im Kreistag der demokratische und von der Mehrheit getragene Kompromiss. Ich verstehe mich als Demokrat, der mit allen Fraktionen gleichermaßen zusammenarbeiten will.“ Die fehlende „Parteikarriere“ sieht er dabei keinesfalls als Makel an. Während es Manfred Droßel politisch zu neuen Herausforderungen treibt, leitet er beruflich den langsamen Rückzug ein. 

„Ich habe noch einige Stammpatienten, die ich auch weiterhin behandeln und betreuen werde, aber neue Kunden nehme ich ausdrücklich nicht mehr an. Die Zeit ist vorbei.“ Ohnehin habe es der Beruf des Heilpraktikers nicht leicht, den er mittlerweile seit 20 Jahren „mit großer Leidenschaft“ ausübt. „Die Menschen, die es besonders dringend brauchen, haben für ihre Gesundheit immer weniger Geld in der Tasche.“ Seit der Einführung des Euro gehe es kontinuierlich bergab, beklagt der AfDler. Dabei war er zunächst in einer völlig anderen Branche auf Erfolgskurs: Nach einer dreijährigen Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker folgte der staatlich geprüfte Techniker im Fach Elektronik mit einer Reihe von Einsätzen in der Schwerindustrie, im Bergbau oder im Transportwesen. Das Interesse an der Naturheilkunde wurde im Laufe der Jahre geweckt und schließlich immer stärker. Die erfolgreiche Ausbildung samt Zulassung zur Berufsausübung und die Praxis-Aufgabe eines Kollegen erleichterten den Schritt in die Selbstständigkeit. „In beiden Berufen war ich Profi, mit der Kommunalpolitik möchte ich in Zukunft ein neues Feld beackern. Man muss sich kümmern“, unterstreicht der Kandidat und verweist auf ein Beispiel aus der Nachbarschaft, wo Staat und Politik an entscheidenden Stellen versagt hätten. 

Politisch ein Neuling

Zwei junge Syrer habe man nach ihrem Aufenthalt in der Flüchtlingseinrichtung in Hemer-Deilinghofen in eine kleine Wohnung umgesiedelt und sie dann nicht weiter betreut, kritisiert Droßel. Die beiden Flüchtlinge hätten Sprachkurse besucht und Unterstützung von Anwohnern erfahren. „Heute sprechen sie perfekt Deutsch, aber arbeiten dürfen sie nicht.“ Dabei sei die Bundesrepublik dringend auf Zuwanderung angewiesen, unterstreicht der AfD-Kandidat. Das verdeutliche schließlich ein Blick auf die demografische Entwicklung. „Aber sie darf nicht unkontrolliert erfolgen“, sagt er ebenso nachdrücklich. Der Staat dürfe seine Handlungsfähigkeit nicht verlieren. Ein gutes Beispiel für eine gelungene Integration ist nach Droßels Einschätzung das kanadische Modell. Qualifikation, Schulbildung, Sprachkenntnisse und Alter werden dort mit Punkten bewertet, die über die Einwanderung entscheiden. „Ich kann mir auch ein etwas weniger strenges Verfahren vorstellen.“ 

Für den politischen Neuling steht zweifelsfrei fest: „Wir müssen die Herausforderungen anpacken – und zwar auf allen Ebenen.“ Im Kreistag werde die AfD künftig ein Wort mitreden, ist Droßel überzeugt. „Ich rechne mit zehn bis 15 Prozent der Wählerstimmen für die Partei. Weniger wäre nicht so schön.“ Mit Platz sieben auf der Reserveliste hält er seinen Einzug in den Kreistag für ziemlich sicher – „dann eben als Abgeordneter und nicht als Landrat“. In der Politik gebe es durchaus Parallelen zu seinem ersten Beruf: „Die Suche nach Lösungen für die Entwicklung neuer elektronischer Schaltungen folgte nach dem Prinzip ‚geht nicht, gibt’s nicht’. Das faszinierte mich viele Jahre, und daran hat sich bis heute nichts geändert.“

Zur Person: Gerhard Droßel

Manfred Droßel, geboren am 31. März 1952, absolvierte Mitte der 60er-Jahre zunächst eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker. Es folgte der Staatlich geprüfte Techniker und die Spezialisierung auf die Entwicklung und Fertigung von Sondergeräten für die Überwachungstechnik in der Industrie. 1997 setzte er, nach einer dreijährigen Episode als Geschäftsführer eines Alten- und Pflegeheims, als Heilpraktiker neue berufliche Schwerpunkte in einer eigenen Vollzeitpraxis. Auch bei seinen Hobbys wagte der vierfache Vater Neues: Die Lizenz als Privatpilot liegt in der Schublade, der Fliegerei hat er endgültig den Rücken gekehrt. Das aktuelle Steckenpferd ist deutlich bodenständiger: Seit sechs Jahren ist Klavierspielen die große Leidenschaft des Hemeraners.

Die Mitbewerber um den Landratsposten im Märkischen Kreis:

Zu Besuch bei Angela Freimuth, FDP 

Zu Besuch bei Volker Schmidt, SPD 

Das ist der CDU-Kandidat Marco Voge 

Das ist der UWG-Kandidat Walter Gertitschke 

Zu Besuch bei Christian Kißler (Die Linke)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare