Landratswahl im Märkischen Kreis: Christian Kißler (Die Linke) im Porträt

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Verbündete und Freunde: Landratskandidat Christian Kißler mit seinen beiden Golden Retrievern Peachi (links) und Flaffy (rechts) auf dem heimischen Sofa.

Märkischer Kreis – „Gut sein ist die Hauptsache! Einfach und schlicht gut sein, das löst und bindet alles und ist besser als Klugheit und Rechthaberei.“ Das Zitat von Rosa Luxemburg ist zeitlos.

Nach zweieinhalb Stunden mit Christian Kißler, Landratskandidat der Partei Die Linke für den Märkischen Kreis, bleibt ein Eindruck, dass Kißler so einer ist: einfach und schlicht fürs Gute eintretend, unprätentiös, unideologisch, dafür rational und akribisch. Wahrscheinlich gibt es weithin keinen anderen 29-Jährigen, der immer und immer wieder auf den Begriff der Akribie zurückkommt, für den Akribie nicht Programm, aber Basis für jedes Handeln ist. Der jüngste Landratskandidat im Märkischen Kreis ist inzwischen im Südkreis zu Hause, an der Oststraße direkt neben dem inzwischen geschlossenen St.-Vinzenz-Krankenhaus in Altena. Eigentlich ist Kißler Lasbecker. 

In Arbeiterfamilie groß geworden

Lasbeck, Letmathe, nach der Trennung der Eltern Iserlohn. Stationen seiner Jugend. „Ich komme aus einer Arbeiterfamilie“, erzählt der junge Mann im grün-karierten Hemd. Sozialdemokratisches Milieu – so ist Kißler erst Sozialdemokrat gewesen, doch heimisch geworden ist er in der Partei nicht. Den Weg zu den Linken hat Kißler erst 2017 gefunden. Gemeinsam mit seiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau Julia, die er im April geheiratet hat. Warum diese Partei? Kißler überlegt kurz, dann sagt er: „Die Philosophie und die Erziehungswissenschaften gehören ja historisch bedingt irgendwie zusammen, also bin ich in den philosophischen Diskursen an der Ruhr-Universität in Bochum auch irgendwann auf Karl Marx gestoßen, war beeindruckt von der Argumentation des jungen Hegel, viel mehr als von Kant. Die Partei Die Linke sehe in dieser Denktradition. Deshalb fühle ich mich hier auch deutlich mehr zu Hause als in der SPD.“ 

Auslöser für Kißlers Beitritt seien freilich die Iserlohner Linken-Stadträte Manuel Huff (sitzt auch im Kreistag) und Oliver Ruhnert gewesen. „Zwei argumentativ überzeugende, kluge Menschen“, sagt Kißler, „beide setzen sich für das Gute ein, ohne ideologisch zu sein.“ Genau das will Kißler nun auch. Er ist kein Fantast, ganz im Gegenteil. Dass er im September kein Landrat werden wird, weiß er – so wie er auch 2017 bei seiner Kandidatur für den Bundestag letztlich keine wirkliche Chance hatte. Aber er dürfte gute Chancen auf Mandate im Kreistag und im Altenaer Stadtrat haben. Politische Arbeit, auf die er sich freut. „Wichtig ist mir, dass ich die Sachen ordentlich mache, wenn ich in den Gremien sitze“, sagt Kißler, „dafür arbeite ich dann auch gerne am Samstag und Sonntag die Unterlagen durch und suche mir auch gerne noch Rat zu den Themen.“ Akribisch eben. Dazu realistisch, rational. „Man kann mit allen Parteien sprechen und versuchen, evidenz-basiert sinnvolle Lösungen für Probleme zu finden, kreativ und situativ angemessen. Man kann auch aus der Opposition heraus etwas bewegen, kann mit seinen Themen den Diskurs mitbestimmen“, sagt Kißler, „nehmen wir das Sozialticket: Manuel Huff hat es immer wieder gefordert im Kreistag – und nun haben wir es. Auch wenn es mir noch zu teuer ist...“ Zu teuer? 

Abitur mit Abschlussnote 1,1

Für Kißler eine klare Sache. Das Sozialticket ist teurer als der im Hartz-4-Satz eingepflegte Betrag für Mobilität. Für Kißler ein Unding. Genauso wie der Hartz-4-Betrag, der für Bildung vorgesehen ist. 1,50 Euro. Ein schlechter Scherz. „Wie soll sich da ein Kind entfalten?“, fragt Kißler rhetorisch. Er ist davon überzeugt, dass die Entwicklung eines Menschen vor allem von den Umständen abhängt – und wenn er nun Politik macht, dann will er die Strukturen für die richtigen Umstände schaffen. Auch mit einem günstigeren Sozialticket – damit sich Leute im Kreis bewegen, andere Leute treffen, damit sich auf diesen Wegen neue Chancen eröffnen können. Es ist ein Stück weit auch im jungen Alter schon der Blick auf die eigenen Erfahrungen. Christian Kißler – das war der Schüler, der am Gymnasium in Letmathe in der Unterstufe nicht vorankam, eine Klasse wiederholen musste. „Ich war schüchtern, vielleicht war es die Ansprache, die inneren und äußeren Umstände“, sagt er. Die Empfehlung, auf die Realschule zu wechseln, befolgte er nicht. Stattdessen wechselte er nach einem Umzug nach Iserlohn aufs Gymnasium an der Stenner. „Eine wunderbare Schule, ein wunderbarer Schulleiter Klusmann“, sagt Kißler heute, „da kam raus, dass ich vielleicht doch gar nicht so doof bin.“ 

Er wurde ganz im Gegenteil immer besser – in der Oberstufe gestattete man Kißler, parallel zur Schule in Dortmund Uni-Vorlesungen in Chemie, Physik und Psychologie zu besuchen. Sein Abitur machte Kißler mit einem Schnitt von 1,1. Sein Studium der Erziehungswissenschaften schloss er in Bochum ebenfalls mit einer Note 1,1 ab. „Ich habe immer viel gemacht“, sagt Kißler, „habe immer systematisch und fleißig gearbeitet. Ohne das funktioniert nichts. Man muss sich anstrengen. Aber es hat auch geklappt, weil die Umstände so waren – während der Schulzeit hat sich meine Mutter fürsorglich um mich gekümmert, nachher beim Studium hat meine heutige Frau den Stress rausgenommen. So gute Umstände hat nicht jeder.“ Christian Kißler kennt auch die andere Seite: Neben seinem Hauptjob arbeitet er an der Volkshochschule in Schwerte und unterrichtet dort für Menschen, die den Hauptschulabschluss nachholen wollen, Biologie. „Das sind Menschen, die zum Teil harte Schicksalsschläge erlebt haben, dort ist man Sozialarbeiter und Lehrer – und man kann verfolgen, welch tolle Karrieren es da auch spät noch geben kann. Ich bin gerne mit diesen Menschen zusammen.“ Sein eigentlicher Job ist derweil ein anderer: Nach seinem Studium der Erziehungswissenschaften, der Biologie, zudem im Bereich Bildung und Medien/eEducation (Kißler ist in diesem Zusammenhang der Betreiber der größten erziehungs-wissenschaftlichen YouTube-Seite) ist er inzwischen als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU in Dortmund beschäftigt. 

Arbeit am Doktortitel 

Eine halbe Stelle am Lehrstuhl für Empirische Methoden in der Bildungsforschung, die andere halbe Stelle am Lehrstuhl für Rehabilitation und Pädagogik bei intellektuell Beeinträchtigten, hier schreibt er auch seine Doktorarbeit, veröffentlicht Artikel in Fachzeitschriften, die sich am Ende zu einer Promotion zusammenfügen sollen. „Eigentlich habe ich schon genug“, sagt er, „ich könnte die Arbeit einreichen, aber ich forsche noch weiter, es soll ein ambitioniertes wissenschaftliches Werk werden. Ich werde es erst einreichen, wenn ich selbst das Gefühl habe, dass es einer Doktorarbeit würdig ist.“ Die Arbeit an der Hochschule findet Kißler interessant, aber er könnte sich durchaus vorstellen, irgendwann im Hauptberuf Politik zu machen. Bundestag, Europa-Parlament. Kißler ist da offen wie in allen Lebenslagen. Interessiert eben, nicht voreingenommen. Erst aber stehen nun Altena und der Märkische Kreis an erster Stelle. „Als ich in der Schule war, wollten viele Mitschüler nach dem Abi schnell weg“, sagt er, „das ist mir nie so gegangen.“ Er ist von Iserlohn aus zur Uni gependelt, blieb dem Kreis treu. Kißler hat kein Problem mit dem Begriff Heimat, im Gegenteil („Heimat kann ein Kuscheltier aus der Kindheit sein.“). Altena findet Kißler „wunderschön“, er liebt das Vertraute, wenn er in ein Geschäft geht, und die Stille in der Nacht. Eine Stille, die er von Iserlohn her nicht kennt. Er mag auch die Burg und die Wälder, die von der Oststraße zur Burg führen und die er so gerne mit seinen beiden Golden Retrievern Flaffy und Peachi unter die Füße nimmt. Seine beiden Hunde geben ihm den Ausgleich, den er braucht, sind Freunde und Verbündete und haben einen festen Platz in seinem Herzen. 

Für sie nimmt sich Christian Kißler, der gerne Punkmusik hört, bei aller Akribie in Beruf und Politik gerne Zeit – und auch für seine Freunde. „Viele Freunde habe ich inzwischen auch in der Partei“, sagt er, „wichtig ist mir das echte Interesse am Menschen – lieber tief gehender in einer kleinen als oberflächlich in großer Runde.“ Kißler ist ein offener Mensch. Er isst selbst kein Fleisch, ist aber kein militanter Vegetarier. Er trinkt keinen Alkohol (Lieblingsgetränk stattdessen: Dr. Pepper-Cola), gönnt den Schützen aber auch ihr Bier beim Schützenfest. Und Kißler feiert nicht gerne Geburtstag, dafür liebt er den Silvestertag. „Ich nutze ihn immer, um das zurückliegende Jahr wertschätzend zu reflektieren“, sagt er, „was hat es gebracht?“ 2020 gewiss Corona, aber eben vielleicht auch ein Mandat im Altenaer Stadtrat und im Kreistag? Noch ist es nicht raus. Erst der Wahltag, dann Silvester. Und dann mit Akribie an die Aufgaben, die 2021 bereithalten wird.

Die Bewerber um den Landratsposten im Märkischen Kreis: 

Zu Besuch bei Angela Freimuth, FDP 

Zu Besuch bei Volker Schmidt, SPD 

Das ist der CDU-Kandidat Marco Voge

Das ist der UWG-Kandidat Walter Gertitschke 

Zu Besuch bei Gerhard Droßel (AFD)

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