Kinderärzte beklagen Versorgungslücke

MÄRKISCHER KREIS – Neues Jahr, altes Problem: Die Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin im Märkischen Kreis beklagen eine aus ihrer Sicht nach wie vor bestehende „eklatante Versorgungslücke“ im Bereich der Frühförderung. In einem Brief an Landrat Thomas Gemke, die Fraktionen im Kreistag, die Bürgermeister sowie die Bundes- und Landtagsabgeordneten hat Facharzt Michael Achenbach, Obmann des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte für den Märkischen Kreis, kritisiert, dass die Belange der betroffenen Kinder, die behindert oder von Behinderung bedroht sind, nicht berücksichtigt werden.

„Ende 2011, also zehn Jahre nachdem diese Leistung im Sozialgesetzbuch installiert wurde, kann im Märkischen Kreis immer noch kein Kind die interdisziplinäre Frühförderung in Anspruch nehmen, da sowohl Kreis als auch Krankenkassen bis zum heutigen Tage nicht in der Lage – oder vielleicht auch nicht willens – waren, einen Anbieter zuzulassen. Das Spardiktat wirkt sich gerade im Märkischen Kreis vor allem auf die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft aus. Im vergangenen Jahr hatte der Märkische Kreis auf die hohe Zahl an Kindern in der heilpädagogischen Frühförderung im Vergleich zu anderen Kreisen hingewiesen. Um die Standards anzugleichen, wurden die Mittel um 300 000 Euro gekürzt. So wurden im vergangenen Jahr im Märkischen Kreis (435 000 Einwohner) 2100 Kinder heilpädagogisch gefordert. Der Rhein-sieg-Kreis förderte bei knapp 600 000 Einwohnern 574 Kinder, im Kreis Borken waren es 312 Kinder bei rund 370 000 Einwohnern.

Die Entwicklung überraschte Achenbach seinerzeit nicht: Im Märkischen Kreis fehle die interdisziplinäre Frühförderung und damit ein kompletter Versorgungszweig. Das wäre eine Betreuung in einem Team von Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Psychologen sowie Kinder- und Jugendärzten.

Was Sparen am falschen Platz bedeute, habe erst kürzlich die Bertelsmann-Stiftung mit der Veröffentlichung des Deutschen Lernatlas’ dokumentiert. Im Bereich des schulischen Lernens belege der Märkische Kreis einen der letzten Plätze in Nordrhein-Westfalen. Lediglich Gelsenkirchen, Wuppertal und Duisburg stünden noch schlechter da. Achenbach: „Zum Beispiel hat der Märkische Kreis im deutschlandweiten Vergleich eine der höchsten Quoten von Schulabgängern ohne Abschluss.

Eine nicht ausreichende vorschulische Förderung kann sich auf die Art des erreichten Schulabschlusses und auch darüber hinaus auswirken. Das schlechte Abschneiden des Märkischen Kreises im deutschlandweiten Vergleich muss auch unter diesem Aspekt verstanden werden.“

An den Landrat appellieren die Ärzte, Frühförderanträge nicht abzulehnen oder sie nur eingeschränkt zu genehmigen, nur um Haushaltsansätze nicht zu überschreiten. Es dürfe aber nicht allein darum gehen, Zahlen mit anderen Kreisen zu vergleichen, sondern es sollten auch vielmehr deren Konzepte berücksichtigt werden.

Achenbach appelliert an alle Beteiligten, gemeinsam nach Lösungen zu suchen: „Lassen Sie uns gemeinsam über die weitere Gestaltung der Frühförderung im Märkischen Kreis reden. Ich sehe uns in diesem Gebiet keinesfalls als Gegner, sondern als Partner, naturgemäß mit unterschiedlichen Sichtweisen, aber grundsätzlich mit demselben Ziel. Wir sind uns einig, dass der Kreis der An-spruchsberechtigten für die Frühförderung begrenzt ist. Wir erleben allerdings im Rahmen des momentanen Vorgehens eine schädliche Rationierung gerade auch bei Kindern mit intensivem Förderbedarf. Ich schlage daher eine Fachtagung ,Stand und Zukunft der Frühförderung im Märkischen Kreis’ vor, bei der lokale Vertreter von Politik, Verwaltung, Pädagogik, Medizin gemeinsam mit Patientenvertretern überlegen können, wie man eine qualitativ hochwertige Frühförderung bedarfsgerecht, das heißt ohne ,Auswüchse nach oben oder unten’, umgesetzt werden kann. Auf diese Weise könnte man versuchen, einen lokalen Konsens zu finden.“- be

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare