Lange Vorgeschichte zu fürchterlichem Aufeinandertreffen

Kettensägen-Streit in Schnarüm: So lautet das Urteil des Schöffengerichts

+
Im Bereich Schnarüm/Römerweg hatte es im Februar vergangenen Jahres die Attacke gegeben.

Schalksmühle/Werdohl - Es war zwölf Uhr mittags am 23. Februar 2017, als sich ein 38-jähriger Mann aus Werdohl zu einem Haus in Schnarüm begab. Wenig später hatte die Motorsäge in seiner Hand die beiden Unterarme eines dort wohnenden 55-Jährigen fast vollständig abgetrennt. Im Amtsgericht Lüdenscheid musste sich der Werdohler deshalb am Montag wegen fahrlässiger Körperverletzung verantworten.

Die Vorgeschichte zu diesem fürchterlichen Aufeinandertreffen war lang: Die Ehefrau des Angeklagten hatte die Immobilie bei einer Zwangsversteigerung am 31. August 2015 erworben und seitdem erfolglos versucht, die bisherigen Besitzer aus dem Haus zu klagen. 

An jenem 23. Februar stand im Landgericht Hagen eine Entscheidung bevor, derzufolge die beiden bisherigen Bewohner das Haus endgültig hätten räumen müssen. 

Hubschrauber-Einsatz nach Streit

Der 38-Jährige rechnete deshalb nicht damit, sie zu treffen, als er das Grundstück betrat. Ziel seiner Aktivitäten war ein Jägerzaun, den er als neuer Eigentümer absägen und beseitigen wollte. 

Sperre der Kettensäge soll sich gelöst haben

Was dann geschah, schilderte er so: Nach einem ersten Wortgefecht habe der 55-Jährige sich zunächst zurückgezogen und sei dann mit einer langen Hartgummi-Peitsche zurückgekommen. „Ich bin zurückgewichen – da fing er auch schon an zu schlagen.“ 

Hier finden Sie mehr zum Thema

Zur Abwehr habe er dem Angreifer die Säge entgegengehalten, deren Motor aufgrund der eingelegten Kettensperre zunächst nur im Leerlauf gelaufen sei. Im Verlauf der Rangelei und durch die fortgesetzten Schläge des 55-Jährigen habe sich die Sperre aber gelöst: „Dann gab die Säge Vollgas, und da war es schon passiert.“

Leidenschaftlichtes Plädoyer auf Freispruch

Es sei Notwehr gewesen, trug der Angeklagte vor. Konsequenterweise beantragte Rechtsanwalt Dr. Müller einige Stunden später nach einem leidenschaftlichen Plädoyer einen „ganz klaren Freispruch“ für seinen Mandanten: „Hätte er die Säge nicht hochgehalten, hätte er weitere schmerzhafte Schläge bekommen.“ 

Diesem Antrag stimmte das Erweiterte Schöffengericht nach langer Beratung nicht zu: „War das, was der Angeklagte gemacht hat, objektiv fahrlässig – jenseits von Schuld und der gegebenen Angriffssituation?“, fragte der Vorsitzende Richter Andreas Lyra. 

Aufs Faustrecht statt auf den Rechtsweg gesetzt

Zweifellos sei es gefährlich, eine Kettensäge bei laufendem Motor hochzuheben und gegen einen anderen Menschen zu richten. Das Gericht ging nicht von einer durch Notwehr gerechtfertigten Handlung aus: Die beiden Bewohner des Hauses „waren noch unmittelbare, wenn auch unrechtmäßige Besitzer“.

Zwar hätten die Erwerber des Hauses unbestreitbare Ansprüche auf dessen Räumung gehabt. Auch der Angeklagte sei aber mit Faustrecht vorgegangen, anstatt auf den fast abgeschlossenen Rechtsweg zu setzen. „Die Verletzung war vermeidbar, und es hätte klar sein müssen, dass man sich in eine solche Situation nicht bringen darf.“ 

Das Gericht verurteilte den Angeklagten wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 30 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare