IT-Forensiker im Gespräch

„Ich hätte gern Hoeneß auf dem Tisch gehabt“

Der 50-jährige Mendener Karsten Zimmer hat mit dem Bild eines Forensikers wenig gemein.

Märkischer Kreis - Wenn Karsten Zimmer am Sonntagabend einen Tatort schaut, dann muss er hin und wieder schmunzeln. Denn die Arbeit der IT-Forensiker, jener Ermittler, die informationstechnologische Datenträger auslesen, wird in des Deutschen liebster Krimireihe nur sehr verkürzt dargestellt.

Von Maike Förster

„Da muss der Zuschauer den Eindruck bekommen, dass wir innerhalb kürzester Zeit die erstaunlichsten Ergebnisse präsentieren können.“ Dem sei in den allermeisten Fällen aber nicht so. „Unsere Arbeit braucht Zeit – und Geduld.“ Dennoch: Authentischer sei die Darstellung zum Beispiel in der schwedischen Krimi-Reihe „Kommissar Beck“: „Die Fälle und die Art unserer Arbeit zeigen die Filmemacher wirklich gut.“

Der 50-jährige Mendener Karsten Zimmer sitzt im legeren Karohemd an seinem Wohnzimmertisch. Und er hat mit dem Bild eines Forensikers wenig gemein. Denn bei dem Wort Forensik denken die meisten Menschen an Rechtsmediziner, die nach einem Mord eine Leiche obduzieren, post mortem also, – an Ärzte in weißen Kitteln also, die grundsätzlich in Kellern arbeiten und – wieder ein TV-Krimi-Klischee – einen sehr seltenen, abseitigen Humor pflegen.

Vorteil gegen der Gerichtsmedizin

Aber der Begriff Forensik umfasst viel mehr – auch die IT-Forensik. Und Karsten Zimmer kann die Ähnlichkeit der Arbeit treffend in knappe Worte fassen: „Wir schauen uns zum Beispiel einen Datenträger auch ganz genau an, auch post mortem – Schicht für Schicht dringen wir dabei weiter in die Tiefe des Objekts ein, finden und sichern Spuren.“ Einen Vorteil gegenüber den Rechtsmedizinern habe der IT-Forensiker allerdings: „Wir können vor der Untersuchung eine Kopie des Datenträgers anlegen und wir können unsere Arbeit auch am lebenden Objekt durchführen. Wir haben also ein Double – das haben die Kollegen in der Gerichtsmedizin natürlich nicht.“

Karsten Zimmers Weg zum IT-Forensiker ist schnell nachgezeichnet. Der studierte Informatiker, der zwölf Jahre lang selbstständig als EDV-Fachmann arbeitete, hatte irgendwann keine Lust mehr, in einem Berufsfeld unterwegs zu sein, in dem die Konkurrenz groß war, die Preise gedrückt wurden und die tägliche Arbeit nur noch wenig Spannung und Herausforderung bot. „Ich habe mir gedacht: ‚Dafür habe ich nicht Informatik studiert.’ Ich wollte mehr.“ Seit vier Jahren arbeitet Karsten Zimmer nun als IT-Forensiker – mit Enthusiasmus und Erfolg für Gerichte, Staatsanwaltschaften und das Landeskriminalamt. Er ist Sachverständiger und Mitglied im Bund Deutscher Kriminalbeamter. 

Wer hat wo einen Virus eingeschleust?

Das Aufgabengebiet ist groß: „Ich werte Datenträger aller Art und Internetverläufe aus. Ich kann zum Beispiel zurückverfolgen, wer wo einen Virus eingeschleust hat, wer wann mit wem via Internet kommuniziert hat.“ Auch komplett zerstörte Festplatten kann Karsten Zimmer in einem Reinlabor soweit wiederherstellen, um alle darauf vorhandenen Daten zu lesen. Der Trick: „Eine Festplatte kann man sich vereinfacht wie eine CD vorstellen. Die ist in tausend Teile zerbrochen. Aber man kann sie kleben. Allerdings funktioniert das nur mit dem bekanntesten aller Klebestreifen. Die Oberfläche des Klebers reflektiert die Daten – und schon ist alles wieder lesbar.“ Zerschlagene Festplatten? Da denken zurzeit viele an den Fall des SPD-Politikers Sebastian Edathy, der wegen des Besitzes von kinderpornographischen Bildern ins Visier der Ermittler geraten ist. Was der Fall gezeigt hat? „Dass ein Hammerschlag auf eine Festplatte keine Spur verwischt. Für IT-Forensiker ist das in vielen Fällen kein großes Problem“, erklärt der Fachmann Karsten Zimmer. 

Kinderpornographie im Internet ist auch für den Mendener IT-Forensiker ein Feld, das er regelmäßig bearbeitet. Manchmal wird er auch von Angeklagten in solchen Verfahren beauftragt. „Dann soll ich beweisen, dass sie unschuldig sind. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich einen solchen Fall. Tatsächlich war der Mann, was das angeklagte Delikt betraf, unschuldig. Aber ich konnte durch die Datenträger – Notebook, Kamera und Datensticks – aufdecken, dass der Mann ein anderes Delikt begangen hat: Verführung Minderjähriger.“ Solche Verläufe einer Ermittlung seien nicht untypisch, fügt Karsten Zimmer hinzu.

Kinderpornographie

Generell gehe er unvoreingenommen an solche Fälle und die Beschuldigten heran. „Für jeden gilt zuerst einmal die Unschuldsvermutung, das ist ja klar.“ Aber er sei trotzdem kritisch und alarmiert, wenn der Vorwurf von Besitz oder Verbreitung von Kinderpornographie erhoben werde. „Aus Erfahrung kann ich sagen, dass an solchen Vorwürfen in vielen Fällen ein Körnchen Wahrheit ist.“ Auch im Falle von Sebastian Edathy habe er aufgrund der Presseberichterstattung sofort gedacht: „Wer seine Festplatte zerstört – hat etwas zu verbergen!“ Ein typisches Täterprofil? Nein, das gebe es nicht. „Das geht durch alle Schichten. Da sind alleinstehende und verheiratete Männer dabei – und auch Frauen!“ Doch sei der Anteil weiblicher Täter bei dieser Delikt-art geringer als der der Männer, erklärt Karsten Zimmer.

Das Internet stelle für Menschen, die Kinderpornographie im Internet anbieten oder kaufen, einen großen Reiz dar. „Das ist der Markt der Möglichkeit. Und die meisten denken eben immer noch, dass sie ihre Anonymität in diesem Medium wahren können. Aber das ist ein Irrtum.“ IT-Forensiker finden meistens die Fährten. „Es gab zum Beispiel einen Automechaniker-Ring, der Ersatzteile und Reparaturanleitungen via Internet verbreitet hat. In den betreffenden Bildern waren aber andere Bilder versteckt – pornographische nämlich. Und auch in Programmen kann man alles verstecken, was man möchte. Aber ein Fachmann findet das Material – da können sich die Täter sicher sein.“ Die Täter – die stehen nach der Meinung von Karsten Zimmer bei solchen Delikten leider immer und ausschließlich im Fokus der Justiz. „Meistens sitzen diese Menschen ihre Strafe aber locker ab. Dann kommen sie aus der Haft frei, bekommen sogar noch psychologische Betreuung. Aber was ist mit den Opfern? Deren Leben ist in vielen Fällen zerstört. Sie treten aber höchstens als Nebenkläger in solchen Verfahren auf. Man sieht sie nicht – und Hilfe bekommen sie auch nicht.“

"Man stumpft ab"

Karsten Zimmer spricht engagiert und eindringlich. Ja, Kinderpornographie sei ein Thema, das ihm zusetze. „Das hat mich zu Anfang gar nicht mehr losgelassen. Aber man stumpft ab, je häufiger man solche Fälle bearbeitet – das muss ich leider zugeben.“ Der zweifache Vater hat aber eine für ihn wichtige Konsequenz gezogen. „Für meine Kinder ist mein Arbeitsbereich eine absolute Tabuzone. Sie sollen mit diesen Dingen nicht in Kontakt kommen.“

Ein anderer Bereich, in dem Karsten Zimmer regelmäßig tätig ist, ist die Wirtschaftskriminalität. Geldwäsche, Betrug, Spionage – für Karsten Zimmer ist all das ein Stück Arbeitsalltag und Routine. „Die Technik macht heutzutage vieles möglich. Da wird der eigene Mitarbeiter zum Täter, ja, der Kollege vom Schreibtisch gegenüber. Manchmal gewollt – manchmal aber auch ungewollt und ohne das Wissen des Betreffenden.“ Karsten Zimmer zeigt in wenigen Sätzen auf, wie leicht ein Handy so zu manipulieren ist, dass es sämtliche Geräusche aus der Umgebung überträgt. „Nehme ich so ein Handy mit in ein geschäftliches Meeting, hört auch noch jemand drittes mit – weit weg und unsichtbar für die Teilnehmer der Sitzung.“

Hacker haben leichtes Spiel

Deutlich macht dieses Beispiel vor allem eines: Die neue Technik, die vielen, unbegrenzten Möglichkeiten – sie öffnen Kriminellen Tür und Tor. Hacker haben ein leichtes Spiel, sagt Karsten Zimmer und schüttelt den Kopf über den Leichtsinn und die Unbedarftheit von Menschen im Umgang mit den neuen Medien. „Jugendliche denken offenbar überhaupt nicht darüber nach, was sie tun, wenn sie sich in sozialen Netzwerken wie Facebook umtun. Sie geben Informationen über sich preis – und denken, dass niemand etwas damit anfangen kann. Und dass sie diese Daten wieder löschen können – jederzeit. Aber das ist ein großer Irrtum. Das Internet vergisst nie! Und auch abgehört werden kann jeder, das ist keine Schwierigkeit.“

Jüngst hat Karsten Zimmer im Auftrag des ZDF einen Versuch gemacht. Eine junge Jura-Studentin stellte sich fünf Tage lang als Testperson für Karsten Zimmer zur Verfügung. Der IT-Forensiker schmuggelte einen Spionage-Trojaner auf das Notebook der jungen Frau – und machte sie so zu einem gläsernen Menschen. „Den Trojaner schmuggeln Hacker via E-Mail auf einen Rechner. Und kein gängiger Virenscanner erkennt ihn. Er bleibt unsichtbar – arbeitet aber sehr effizient. Er zeichnet haarklein alles auf, was mit der Tastatur des Rechners geschrieben wird. Die Hacker können mit Hilfe des Trojaners auch auf die Webcam des Rechners zugreifen.“ Das Smartphone der Testperson bekam eine manipulierte App verpasst und wurde so auch zum Spion. Alles konnte Karsten Zimmer abhören und mitlesen – jeden Anruf, jede Textnachricht, jede Bewegung im Internet. Er wusste immer, wo die Testperson sich gerade befand, konnte die Umgebungsgeräusche mithören, also auch Gespräche belauschen. Dafür musste das Handy noch nicht einmal in Betrieb sein. Und wie reagierte die junge Frau, als Karsten Zimmer ihr am Ende der fünf Testtage seine Ergebnisse präsentierte? „Sie war schockiert und brach in Tränen aus. Dabei hatte sie ja gewusst, worauf sie sich einlässt. Aber offenbar hatte sie mit dem Ergebnis dann doch nicht gerechnet.“

Normalbürger können sich kaum schützen

Wie kann man sich als Normalbürger also schützen? „Im Grunde gar nicht. Die Technik ist da, wir können sie nicht leugnen. Aber ich rate allen, Informationen über die eigene Person mit Bedacht einzustellen. Man sollte den gesunden Menschenverstand walten lassen. Und man sollte, wann immer einem das im Gebrauch der Neuen Medien und technischen Geräte möglich ist, Sicherheitsmechanismen einbauen.“

Aber nicht nur hier lauern Gefahren. Auch die moderne, computergesteuerte Haustechnik bietet Kriminellen ein weites Betätigungsfeld. „Für einen Hacker ist es nicht schwer, in solche Systeme einzudringen. Und wenn er einmal drin ist, kann er alles machen, was er will. Und dann sitzt man als Hausbesitzer am Strand von Mallorca und bekommt einen Anruf: ‚Wenn Sie mir nicht die folgende Summe Geldes überweisen, lasse ich Ihre Gasleitung im Haus explodieren.’ Dann ist es mit dem Urlaub schnell vorbei.“ Um sich die Arbeit zu erleichtern, wünscht Karsten Zimmer sich, dass die Vorratsdatenspeicherung doch eingeführt wird. „Die Informationen wären für mich und meine Kollegen einfacher greifbar. Außerdem könnten so auch mehr Verbrechen aufgeklärt und mehr Täter zur Rechenschaft gezogen werden.“ Die Bedenken der Bürger hinsichtlich dieser Form der Datenspeicherung kann Karsten Zimmer zwar nachvollziehen, aber er gibt Folgendes zu bedenken: „Wer eine weiße Weste hat, muss sich keine Gedanken machen – denn dass die Weste tatsächlich blütenweiß ist, kann ich jederzeit ohne Einschränkung beweisen.“

Uli Hoeneß auf dem Tisch

Eines ist klar: Langweilig ist die Arbeit von Karsten Zimmer nicht – zu Spannung und Herausforderungen hat er in seinem Arbeitsalltag zurückgefunden. Welcher Fall würden ihn noch reizen? „Ich hätte gern Uli Hoeneß auf dem Tisch gehabt, ich gebe es ja zu“, lacht der Schalke-Fan Karsten Zimmer mit einem Augenzwinkern.

Die Frage, ob Karsten Zimmer heute Tatort schaut, stellt sich aufgrund der Fußballübertragung nicht. Nur gut, dass morgen Karsten Zimmers Lieblingsermittler am Start ist. „Inspector Barnaby. Das ist so herrlich entspannend, ihm bei seinen Ermittlungen zuzuschauen.“

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