Interview mit KVWL-Sprecher

In einer Sekunde wollten 7100 Bürger einen Termin

Termin-Panne bei Buchungen für Corona-Schutzimpfung: Impfchaos vor dem Impfzentrum Lüdenscheid
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Erklären kann sich die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe die Impfpanne im Februar bis heute nicht so recht. Die Warteschlange am Impfzentrum in Lüdenscheid reichte am 14. Februar bis zur Einfahrt auf dem Parkplatz der Schützenhalle Loh. Konsequenzen hatte das Impfchaos trotzdem: Das Buchungssystem für die Impftemine wurde danach gewechselt.

Das Osterfest konnten viele über 60-jährige Bürger im Märkischen Kreis erst genießen, nachdem sie sich einen der plötzlich verfügbaren Impftermine gesichert hatten

Kreisgebiet -  Normalerweise hätten nur die 79-Jährigen wegen der Impftermin-Vergabe gespannt sein müssen. Doch dann lobte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann eine groß angelegte „Impf-Aktion“ aus. Ziel war, die am Karsamstag eintreffenden 430 000 Astrazeneca-Impfdosen möglichst schnell bereits über die Ostertage in den Impfzentren zu verimpfen. Anmelden könne man sich nur für eine Astrazeneca-Impfung, doch die war wider Erwarten sehr gefragt.

Wer am Samstagmorgen versuchte, über die Telefonnummer der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL; 116 117) einen Termin für eine Corona-Impfung zu bekommen, hörte wahrscheinlich ein Besetztzeichen. Auch die Website zur Terminbuchung in NRW (www.impfterminserve.de) war zumindest kurzzeitig überlastet. Wie bewältigte die KVWL diesen Massenansturm? Dazu sprach Georg Dickopf mit Andreas Daniel, Sprecher der KVWL Westfalen-Lippe.

War der Server auch für den Massenansturm bei der Oster-Impf-Aktion gerüstet?

Wir haben am Karsamstag morgen etwa 7 100 Zugriffe pro Sekunde gehabt. Es wurden mehrere Server hintereinander geschaltet und das hat gut geklappt. Es wurde ein elektronischer Warteraum eingerichtet, der gezeigt hat, wie lange es noch dauert, bis man seine Daten eingeben kann. Dabei gab es maximale Wartezeiten von drei Minuten.

Dann hat sich in dem Bereich etwas getan... 

Ja, es ist deutlich besser geworden und wir sind glücklich und zufrieden, dass wir am Samstag trotz der Belastungsgrenzen das Ganze gut gemeistert haben. Den Stresstest haben wir bestanden.

Wie ist Ihr bisheriges Fazit?

Wir haben die über 80-Jährigen ab dem 8. Februar zur Impfung eingeladen und weitgehend abgearbeitet. Seit gestern können sich die Bürger aus dem Jahrgang 1941 einen Impftermin sichern. Daneben gab es an Ostern eine Sonderregelung für über 3,4 Millionen Bürger zwischen 60 und 79 Jahren in NRW. Sonst hätten viele Bürger noch deutlich länger warten müssen.

Wann war das Sonderkontingent aufgebraucht?

Ostersonntag in der Mittagszeit waren alle Termine weg. Das war eine Art Windhundrennen, das nach 28 Stunden beendet war. Wie viele Mitarbeiter arbeiten bei Ihnen im Callcenter? Wir beschäftigen rund 1000 Mitarbeiter des Dienstleisters Sitel. Das hat bislang gut geklappt.

Andreas Daniel, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, sprach im Interview über die bisherige Impfterminvergabe.

Nicht so gut geklappt hat es ja am 14. Februar mit den Geisterbuchungen im Lüdenscheider Impfzentrum...

Das stimmt. Das hat aber auch zu Konsequenzen geführt, denn wir haben danach die Buchungsplattform geändert und arbeiten jetzt mit T-Systems. Vorher war es die KV Digital GmbH, eine Tochtergesellschaft der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, bei der jedoch verschiedene technische Probleme auftraten.

Dass so etwas bei einem Massenansturm passiert ist ja nachvollziehbar, aber warum wurde niemand vorgewarnt im Impfzentrum?

Das haben wir uns auch gefragt, aber es sind unheimliche Datenmengen, die dort auflaufen, und das alles nachzuvollziehen, ist nicht ganz einfach.

Warum gibt es kein bundesweit einheitliches Impf-Buchungsprogramm bei den Kassenärztlichen Vereinigungen und noch nicht einmal in NRW?

Das ist eine gute Frage und ist dem Föderalismus geschuldet. Wir haben zwei verschiedene Kassenärztliche Vereinigungen in NRW, die mit der Impfvergabe beauftragt wurden. Die Kollegen in Nordrhein haben ein eigenes System aufgebaut, was ja auch läuft. Wir haben uns für eine zugekaufte Plattform entschieden. Deshalb ist das nicht landesweit einheitlich.

Das wäre aber besser, oder?

Das kann man so sehen. Wir betreuen hier 27 Impfzentren in Westfalen-Lippe, in Nordrhein sind es 26 solcher Zentren. Ganz einfach ist die Eingabe auch nicht... Ja, es ist aber gewollt, dass das ganze Vergabeverfahren digitalisiert ausgeführt und elektronisch verbucht wird. Auch das Callcenter greift auf dieses Buchungssystem zu und gibt die Daten auf dieser Plattform ein. Bisher haben wir allein im Landesteil Westfalen 1 636 810 Termine vergeben und Impfungen durchgeführt. Das geht nur auf digitalem Weg.

Und jetzt starten langsam die Impfungen bei den Hausärzten...

Natürlich bekommen die Ärzte jetzt auch zunehmend Impfdosen. Das läuft parallel zu den Impfzentren. Dort wird vor allem jahrgangsspezifisch geimpft und bei den Hausärzten sollen die chronisch Erkrankten geimpft werden.

Wie wird das miteinander verwoben? Gar nicht. Wäre in einem Bürokratiestaat wie Deutschland nicht eine einheitliche Registrierung sinnvoll?

Der Bürger selber steht da selbst in der Verantwortung, sich nicht mehrfach impfen zu lassen. Und eine Buchung möglicheise stornieren zu lassen, wenn man beim Hausarzt geimpft wurde. Wir haben jeden Tag im Impfzentrum eine Handvoll gebuchte Termine, bei denen keiner kommt. Der Erst- und der Zweittermin verfallen dann und man muss sich neu anmelden.

Ist die Anzahl der Ärzte und Helfer in den Impfzentren täglich gleich?

Die Personalanforderungen schwanken je nach Zahl der Geimpften. Es gibt mittlerweile eine tagesgenaue Meldung, wie viele Bürger erwartet werden und auch ein QR-Code erleichtert die Anmeldung mit dem neuen System.

Wird sich das Impftempo bald beschleunigen?

Die Kapazitäten der Impfzentren sind ein Flaschenhals. Wir erhoffen uns, dass sich die Situation durch die Impfungen bei den Hausärzten entspannt. Dort und auch bei uns erfolgt täglich eine Meldung der Fallzahlen an das Robert-Koch-Institut.

Aber eine direkte Abgleichung der Daten gibt es nicht?

Nein.

Kanzlerin Angela Merkel spricht von einem Impfangebot für alle bis Ende September...

Wenn wir mehr Impfstoff für die Hausarztpraxen bekommen, gehen wir davon aus, dass wir das schaffen.

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