Harsche Kritik an Corona-Politik

Hausärzte-Chef aus Corona-Hotspot zu neuen Impfzentren in NRW: „Absolute Schnapsidee“

Laut NRW-Beschluss darf in Landkreisen ein zweites Impfzentrum eingerichtet werden. „Eine absolute Schnapsidee“, kritisiert ein Hausärzte-Vertreter im Corona-Hotspot MK.

Lüdenscheid - Dr. Martin Junker ist ein Mann der klaren Worte. Der Bezirkststellenleiter Lüdenscheid der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL) ist der Meinung, dass der Beschluss des NRW-Gesundheitsministeriums, ein zweites Impfzentrum in den Landkreisen zuzulassen, „eine absolute Schnapsidee“ sei. Wichtiger bei der Bekämpfung des Coronavirus im landesweiten Hotspot MK sind für ihn die Hausärzte. (News zum Coronavirus im MK)

StadtIserlohn
LandkreisMärkischer Kreis
BundeslandNordrhein-Westfalen (NRW)

Hausärzte-Vertreter zu zweitem Impfzentrum im MK: „Absolute Schnapsidee“

Dr. Martin Junker war bereits der einzige Arzt, der sich im Zuge unserer damaligen Recherche im Januar öffentlich zur Problematik der Impfkritiker in der Ärzteschaft äußern wollte und in der Folge in Form von Hass-Mails ins Visier von Impfkritikern geraten war. Doch auch diese Mails halten Junker nicht davon ab, zu sagen, was er denkt und vor allen Dingen anzuprangern, was in Bezug auf die Corona-Politik schief läuft. Und in den Augen des Mediziners läuft eine Menge schief.

Junker ist nicht der einzige Kritiker des deutschen Impfmanagements. Ein Arzt aus Neuss kritisiert heftig das Vorgehen von Minister Jens Spahn. Es gebe zu viel Bürokratie.

Allein der am Beschluss des NRW-Gesundheitsministeriums, ein zweites Impfzentrum in den Landkreisen zuzulassen, sei „eine absolute Schnapsidee“. Diese Meinung teilen laut Junkers Aussage auch weitere Bezirksstellenleiter, mit denen sich der in Olpe niedergelassene Allgemeinmediziner unterhalten hat. Das Problem läge einfach in der Tatsache, dass nicht genug Impfstoff vorhanden sei. „Dann bringt es auch nichts, ein weiteres Impfzentrum zu eröffnen, wenn wir keinen Impfstoff haben. Ich habe gestern ein Schreiben erhalten. Darin wurde Deutschland in der EU-Impfstatistik auf dem vorletzten Rang geführt. Das ist ein jämmerliches Versagen vonseiten der Politik.“

Hausärzte-Vertreter zu zweitem Impfzentrum im MK: Schwerpunktpraxen „purer Aktionismus“

Das Thema Schwerpunktpraxen sieht der Allgemeinmediziner ebenfalls kritisch: „Auch die Schwerpunktpraxen sind nur purer Aktionismus vonseiten der Politik. Das endet nur in einem Marketingstreit von den Praxen untereinander“, sagt Junker, der viel mehr dafür plädiert, den Impfstoff in jede Hausarztpraxis zu bekommen, da die Hausärzte ein großes Fachwissen in puncto Impfungen mitbringen würden und dementsprechend geschult seien. „In zweieinalb Monaten pro Jahr werden circa 20 Millionen Grippeimpfungen durchgeführt. Die Patienten vor Ort zu impfen, wäre ein Klacks. Dafür bräuchten wir lediglich den Impfstoff“, rechnet Junker vor.

Die Installierung des zweiten Impfzentrums in Iserlohn ist in Augen des KVWL-Bezirksstellenleiters Dr. Martin Junker „eine Schnapsidee“.

Derzeit bereitet Junker einen Brief an MK-Landrat Marco Voge (CDU) vor „Ich werde den Landrat direkt anschreiben und ihn fragen, wie er es sich genau vorstellt, ein zweites Impfzentrum in Iserlohn zu installieren. In Lüdenscheid arbeiten die freiwilligen Helfer und mein Kollege (Dr. Gregor Schmitz, Anm. der Red.) bereits am Limit. Wenn dort ein Helfer ausfällt, müssen sie schon ordentlich rotieren. Zudem ist es mit einem großen, bürokratischen Aufwand verbunden.“

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) hat ihre Teilnahme am zweiten Impfzentrum im MK nun abgesagt.

Dass die Politik Entscheidungen wie diese fällt, verwundert den Mediziner allerdings nicht. „Es sind viel zu viele Theoretiker am Werk. Die Expertise von Ärzten fehlt oftmals, um bei dieser Thematik richtige Entscheidungen zu treffen. In den Talkshows sitzen immer nur die gleichen Leute, aber nie richtige Mediziner, die im Alltag Patienten behandeln. Durch solche Beschlüsse wie der Genehmigung eines zweiten Impfzentrums wird nur versucht, das Problem, dass nicht genug Impfstoff vorhanden ist, zu kaschieren.“ 

Hausärzte-Vertreter im MK: Israel als positives Beispiel

Auch bei der Priorisierung der Geimpften hätte sich Junker eine andere Herangehensweise vorgenommen. Personen, wie beispielsweise Pflegekräfte, wären bei dem Olper an erster Stelle gewesen – noch vor der Gruppe der Ü80-Senioren. Denn die Pflegekräfte hätten wesentlich mehr Kontakte als die Senioren und seien könnten deswegen das Virus eher verbreiten.
Zudem bergen die bald erhältlichen Schnelltests in den Supermärkten für den Mediziner eine Gefahr, denn: „Wenn sie jetzt flächendeckend testen, geht der Inzidenzwert massiv in die Höhe und geht wahrscheinlich über 200.“

Weil bisher viele Personen das Coronavirus in sich tragen, ohne es zu wissen, erklärt Junker. Ihm fehle die klare Perspektive in Sachen Impfungen. „Wir müssten schon längst in die Masse gehen, doch es passiert einfach nichts. Das komplette letzte Jahr wurde verschlafen.“

Junker zieht als positiven Vergleich Israel hinzu. „Dort liegen die jungen Leute wieder am Strand und haben Spaß und über 60 Prozent aller Leute sind bereits geimpft. Bei uns werden hingegen viele Einzelhändler diese Krise nicht überleben und nie wieder öffnen.“ Er würde sich wünschen, dass ihm mehr Kollegen zur Seite stehen, die auch ihre Meinung klar äußern. „Es ist schon traurig, ich weiß aber auch, dass sie natürlich viel zu verlieren haben.“ Er habe seit 43 Jahre seine Praxis und werde sich immer äußern. Die Hassmails der Andersdenkenden erträgt er, da ihm vor allen Dingen eines am Herzen liege – die Gesundheit der Menschen. 

Rubriklistenbild: © Antonio Balasco/imago

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