Immer mehr Erbschaften landen beim RP

Immer mehr Erbschaften landen in der Bürozentrale des Regierungspräsidenten.

MÄRKISCHER KREIS - Beim Stichwort Erbschaft denkt so mancher wohl an eine unverhoffte, gleichwohl aber willkommene Aufstockung des eigenen Vermögens. Bares vom verstorbenen Vater, eine gediegene Villa vom Onkel oder die umfangreiche Schmuckkollektion der Oma – der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

Ein wahrer Erbschaftskönig ist mittlerweile Regierungspräsident Dr. Gerd Bollermann. Beinahe im Tagesrhythmus trudeln die Nachlässe ein. Allerdings sind sie nicht für die eigene Tasche und das ist auch gut so, denn: Masse ist nicht Klasse.

Nie zuvor hat der Staat im Regierungsbezirk Arnsberg so oft geerbt wie im ablaufenden Kalenderjahr. Mehr als 300 Fälle wurden der Bezirksregierung 2012 von den Amtsgerichten zugeleitet.

Von lokalen Besonderheiten abgesehen, dürfte die Demografie ein Grund für den Trend sein: Der Anteil älterer Menschen ohne Angehörige wächst, damit auch Vermögenswerte, für die keine Erben vorhanden sind – von Geldsummen und Immobilien bis zu kleinen unbebauten Grundstücken. Zudem stieg die Zahl der Menschen, die ein Erbe ausschlagen, weil es mit Schulden belastet ist. Der Staat erbt – und muss vom Erlös dann die Gläubiger bedienen.

„Wir sind zuständig, wenn Verstorbene zuletzt im Regierungsbezirk Arnsberg gemeldet waren. Das gilt auch, wenn die Verblichenen anderenorts im Bundesgebiet Besitz hatten – und darüber hinaus“, berichtet Martin Fiedler, Sachbearbeiter bei der Bezirksregierung. So standen in den vergangenen Jahren auch ein Ferienhaus in Spanien (Costa Brava), ein Appartement in Frankreich und ein Schiff in Portugal auf der Liste. Angesichts der unterschiedlichen Rechtslage und Sprache ist die Bearbeitung dann zumeist nicht ganz unproblematisch.

Das Land will die Immobilien beziehungsweise Grundstücke möglichst schnell und ertragreich verkaufen – durch die Bezirksregierungen, den Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) oder beauftragte Makler. Erstmals ging die Bezirksregierung Arnsberg in 2012 auch den Weg, eine Immobilie öffentlich versteigern zu lassen – den sanierungsbedürftigen Wittgensteiner Hof in Bad Berleburg. Verkaufssumme: 115 000 Euro. In Lüdenscheid sind vier runtergekommene Eigentumswohnungen in staatlichen Besitz gewechselt, in Werdohl wird eine 150-Quadratmeter-Immobilie für „handwerklich sehr versierte Interessenten“ angeboten. Selbst Geschick reicht bei einem Haus in Berlin nicht: Es liegt in der Einflugschneise des künftigen Großflughafens, so RP-Sprecher Dr. Christian Chmel-Menges.

„Bei einem Teil der geerbten Objekte ist die Vermarktung deshalb schwierig, weil es sich um sogenannte Schrottimmobilien handelt. Ihr Anteil ist den letzten Jahren überaus stark gestiegen“, erläutert Maria Nagel, ebenfalls Sachbearbeiterin bei der Bezirksregierung. Viele ältere Menschen – vor allem in ländlichen Bereichen – können ihre Immobilien nicht mehr halten, finden aber keinen Käufer. So verfällt das Eigentum im Laufe der Zeit mehr und mehr.

Für alle geerbten Liegenschaften gilt: Die Verkehrssicherungspflicht liegt bei der Bezirksregierung – samt der „Gefahrenabwehr“ in Kooperation mit den Ordnungsbehörden (zum Beispiel bei Wasserrohrbrüchen oder Unwettern). Ohnehin muss ein unbefugtes Betreten der Grundstücke verhindert und im Winter die Streu- und Schneeräumpflicht sichergestellt werden. Neben Maria Nagel und Martin Fiedler sind hierfür bei der Bezirksregierung Arnsberg die Sachbearbeiterinnen Sandra Klerx und Simone Kensy zuständig.

Die Bilanz des Fiskus’ in puncto Erbschaft fiel trotz des Aufwands zumindest im Regierungsbezirk Arnsberg zuletzt positiv aus: 2011 wurden knapp 800 000 Euro eingenommen. Ausgaben: rund 250 000 Euro – ohne die Personalkosten. Für das vergangene Jahr wird Regierungspräsident Bollermann alleine schon deshalb ein Plus machen, weil die Bezirksregierung Anfang des Jahres eine Geldsumme in Höhe von 1,2 Millionen Euro verbuchen konnte. Trotz zweijähriger Recherche wurden keine Angehörigen als potenzielle Erben ermittelt. Damit wurde der Staat empfangsberechtigt.

Bei der zunehmenden Zahl der Erbschaften ist natürlich die Chance da, auch mal einen Volltreffer zu landen. 2001 waren es 96 Erbschaften, die der Staat im Arnsberger Regierungsbezirk machte. 2010 wurden 181, 2011 dann 246 Erbfälle registriert. Im vergangenen Jahr waren es – Stand 19. Dezember – mehr als 300 Erbschaften, davon 51 mit Grundbesitz. - be

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