„Herr Dr. ist längst in der Minderheit“

HEMER ▪ Früher, da stapelten sich die Bewerbungen auf dem Schreibtisch von Prof. Dr. Ulrich Trenckmann, wenn eine ärztliche Stelle zu besetzen war. Dieser Turm ist inzwischen so geschmolzen wie aktuell der Schnee vor der Tür. Prof. Dr. Trenckmann ist Ärztlicher Direktor der Hans-Prinzhorn-Klinik in Hemer. Die Einrichtung ist eine Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie mit Aufgaben psychiatrischer Pflicht- und Vollversorgung für den Märkischen Kreis, und den südlichen Ennepe-Ruhr-Kreis. Träger der Klinik ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der mehrere psychiatrische Kliniken in seinem Einzugsgebiet unterhält.

„Das ist aber kein spezielles Hemeraner Problem, selbst hochrenommierte Uni-Kliniken in Großstädten sind von den Schwierigkeiten betroffen. Und je weiter es in die Peripherie geht, um so komplizierter ist es, medizinischen Nachwuchs zu finden.“

In der Prinzhorn-Klinik sind sind von 50 Arztstellen vier Positionen nicht besetzt. Im Hochsauerlandkreis liege die Lücke schon bei 20 bis 30 Prozent. „Deshalb darf ich gar nicht laut klagen.“

Dabei sei die Kopfzahl der Studenten genau so hoch wie vor 20 Jahren. Allerdings liege der Anteil der Frauen bei zwei Drittel und zum Teil noch höher. „Der Herr Doktor ist längst in der Minderheit.“ Dieser höhere Anteil an weiblichen Medizinern ziehe auch den Wunsch nach verstärkter Teilzeitarbeit nach sich. Hinzu komme, dass die Arbeitszeitregelung von Ärzten bei maximal 60 Stunden liege. „Früher waren auch 70 und 80 Stunden keine Seltenheit. Ob das sinnvoll war, steht auf einem ganz anderen Blatt.“ So sei eine Oberärztin kürzlich in die Niederlande gewechselt, bei einer 40-Stunden-Woche und noch höherem Verdienst. „Das kann man niemandem verdenken.“ Diese Rahmenbedingungen in der Summe führten dazu, dass Dienste vor allem an den Wochenenden nur noch schwer zu besetzen seien.

Die LWL-Kliniken in Münster oder Bochum bekämen ihre Stellen zwar noch einigermaßen besetzt. Aber selbst Uni-Kliniken hätten mittlerweile vom hohen Ross heruntersteigen müssen. Als Prof. Dr. Trenckmann 1984 nach zwei Jahren Stasi-Haft als Arzt in den Westen kam, bot ihm eine Uni-Klinik eine Anstellung für geringeres Entgelt an. „Das ist heute völlig undenkbar.“

Inzwischen haben ein Viertel der Mediziner an der Hans-Prinzhorn-Klinik Migrationshintergrund. „Ohne sie könnten wir den Alltag gar nicht mehr bewältigen und die Dienste belegen.“

Eine Lösung könne er aber nicht bieten. „Der Bevölkerung ist das schwer vermittelbar.“ Jährlich werden in der Prinzhorn-Klinik 4000 bis 4500 Patienten stationär behandelt. - be

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