„Gymnasien das Kardinalproblem“

Prof. Dr. Esser fordert mehr Aufmerksamkeit fürs duale System.

MÄRKISCHER KREIS -  „Im eigenen Land ist der Prophet nichts wert.“ Ganz so weit wollte gestern Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser als Festredner beim Neujahrsempfang der Kreishandwerkerschaft Märkischer Kreis zwar nicht gehen, aber das duale Ausbildungssystem finde nicht mehr die ihm zustehende Beachtung.

Der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn sieht erste dunkle Wolken am Horizont aufziehen. „Die machen mir deshalb Sorgen, weil sich kein Wetterwechsel ankündigt.“

Dabei werde die parallele Ausbildung in Betrieb und Berufsschule, kurz duales System genannt, im Ausland hoch geschätzt. „Weltweit beneiden uns Wirtschaftsfachleute und Politiker um dieses Instrument. Von Brasilien bis China reicht das Interesse an diesem komplexen Gebilde.“

Doch hierzulande wachse nicht zusammen, was zusammen gehöre, analysierte der Chef der Bonner Denkfabrik. Dabei sei die demografische Entwicklung nur die eine Seite der Medaille. Schon im Jahr 2020 werde es auf der Facharbeiter- und Gesellenebene ein „drückendes Problem“ geben, sagte Prof. Dr. Esser vor zahlreichen Besuchern im „Haus des Handwerks“ in Iserlohn. Dagegen nehme der Ingenieurmangel spürbar ab. „Die Studiengänge haben zugenommen, die Werbung für Naturwissenschaft und Technik trägt Früchte. Da ist inzwischen Land in Sicht.“

Das Kardinalproblem für die „Schwindsucht“ im dualen System seien heute eindeutig die Gymnasien, unterstrich der Referent. Sie entwickelten sich zu einer neuen „Volksschule“. Ihr Auftrag ziele eindeutig auf die Hochschulen. Die Akademikerquote bei den Abschlüssen erreiche inzwischen einen Anteil von 55 Prozent, im Jahr 2000 habe er erst bei 33 Prozent gelegen. „Wir bilden nicht für das Handwerk aus“, habe er sich anhören müssen, als Schulleiter von Gymnasien reihenweise einer Einladung zu einem Gespräch über die Chancen des dualen Systems absagten. „Keine zehn Prozent waren zum Dialog bereit.“ Dabei sei die akademische Ausbildung nicht immer der „goldene Weg“.

Sollte das System weiter bröckeln, werde der Fachkräftemangel weiter steigen, aber das Ansehen im Ausland sinken. „Damit gerät der Standortfaktor für Mittelstand und Handwerk in Gefahr.“

Für den Instituts-Präsidenten wird es höchste Zeit für einen Imagewandel. „Wir müssen mehr Aufklärung betreiben, was passiert und was möglich ist. Und es ist ein klares Bekenntnis der Politik zur dualen Ausbildung dringend notwendig.“

Für Kreishandwerksmeister Thomas F. Bock bahnt sich eine prekäre Situation für die Praxis an. „Die Schüler werden weniger und gleichzeitig drängen mehr ins Studium. Wir müssen leistungsstarken Jugendlichen zeigen, dass wir Alternativen vorhalten. Akademiker gibt es auch anderswo.“ Gleichzeitig gehöre die Fürsorge der Betriebe auch den Schwächeren. „Aber wir sind kein Ersatz fürs Elternhaus, kein Reparaturbetrieb für die Schulen und auch keine Sozialarbeiter.“ Das Handwerk könne im Nachhinein nicht alles richten.

Zum Neujahrsempfang gehört traditionell ein kurzer Ausflug in die große Politik. Beim Blick aufs Rentenpaket und seine Kosten schwant dem Kreishandwerksmeister nichts Gutes. „Die politischen Wohltaten werden verheerende Konsequenzen nach sich ziehen – insbesondere für die Jüngeren.“

- Von Bernd Eiber

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