Gregor Gysi: Kein Platz für autoritären Sozialismus

ISERLOHN ▪ Ruhig, konzentriert, vielleicht auch ein wenig müde saß Gregor Gysi zunächst am Sonntagabend im Senator-Pütter-Saal auf der Alexanderhöhe. Mit dem Vorsitzenden der Bundestagsfraktion hatte die Linke in Iserlohn einen prominenten Redner für ihren Neujahrsempfang gewonnen. Er lockte keine Massen an, doch mit gut 200 Besuchern war der Saal gut besetzt, und die gespannten Zuhörer wurden dann auch in ihrer Erwartung nicht enttäuscht.

Kaum ans Mikrophon getreten wurde Gysi seinem Ruf als ausgezeichneter Redner voll gerecht. Aus Trier vom rheinland-pfälzischen Landesparteitag war er am Sonntag gekommen, und dort hatte er auch das Geburtshaus von Karl Marx besichtigt. „Das wird von der SPD verwaltet“, grinste er übers ganze Gesicht und hatte so mit den ersten Sätzen nicht nur die Lacher auf seiner Seite, sondern war auch mittendrin in der Kommunismusdebatte. Die habe man nicht gebrauchen können. „Viele verbinden mit dem Kommunismus die Verbrechen Stalins. Da nützt es nichts, wenn wir den Begriff gebrauchen und an Marx und Engels denken.“ „Wir wollen mehr, nicht weniger Demokratie“, erklärte Gysi einem autoritären Sozialismus eine klare Absage.

Engagiert und so leidenschaftlich, wie er es für die Wahlkämpfe einforderte, umriss Gysi die aktuellen bundespolitischen Fragen. Der Bundeswehr-Abzug aus Afghanistan, die Ablehnung der Rente mit 67, das Gesundheitswesen, gleiche Bildungschancen für alle, Steuergerechtigkeit und vor allem die soziale Schieflage in Deutschland machte er zum Thema. Ins Visier nahm er dabei weniger die CDU, von der nichts anderes zu erwarten sei, sondern die SPD, die die unsozialen Prozesse immer einleite: „Sie öffnet die Tür ein Stück, und die Union macht sie dann ganz auf.“

Der Aufschwung sei ja toll, aber er komme nicht überall an. Mit Zahlen des Statistischen Bundesamtes und der Bertelsmannstiftung, nicht gerade „linken“ Einrichtungen, unternauerte Gysi das schlechte Abschneiden Deutschlands bei Vermögensverteilung, Reallöhnen, Bildungszugang und Langzeitarbeitslosigkeit. „Wir haben Armut, da muss man sich nichts vormachen“, schwor er seine Zuhörer kämpferisch auf die politischen Ziele der Linken wie Grundsicherung, Steuergerechtigkeit, Umverteilung und bundeseinheitliche Bildungspolitik ein.

Stuttgart 21 habe deutlich gezeigt, dass es einen Abstand zwischen Regierten und Regierenden gebe, der nicht hinnehmbar sei. Ändern lasse sich das nur über gute Wahlergebnisse - natürlich der Linken. Neuwahlen in NRW, zusätzlich zu den sieben Wahlen in diesem Jahr, müssten aber nicht sein: „Man kann nicht so lange wählen lassen, bis es passt.“

Klar, deutlich und mitunter ironisch, wie man es von ihm kennt, sagte der Fraktionsvorsitzende seine Meinung. Das kam an bei seinen Anhängern, die er zwischendurch zu begeistertem Beifall mitriss. Und die, nachdem er präzise auch die Fragen aus dem Publikum beantwortet hatte, am Ende großen Wert auf Erinnerungsfotos mit „Gregor“ legten. ▪ higo

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare